Friesen ganz links, Fischbach auf der rechten Seite - dazwischen Gehülz. Nein, es handelt sich nicht um die politische Einstellung der Orte - vielmehr um das System, mit dem Rosa Pugachev die auf den Bus wartenden Kinder der Lucas-Cranach-Schule ordnet. "Jeder weiß, wo er zu stehen hat", sagt die Schulweghelferin. Schüler, Eltern, Lehrer, Busfahrer - alle, die mit der Kronacher Grundschule zu tun haben, kennen die Aufstellordnung der 64-Jährigen.


Viermal am Tag im Einsatz

Bereits seit 2005 arbeitet Rosa Pugachev an der Bushaltestelle der Schule. Ausgerüstet mit Warnweste und Kelle lotst sie die Kinder mit klaren Handzeichen viermal am Tag über die Straße oder in den richtigen Bus. Um sieben Uhr, 10.55 Uhr, 12.35 Uhr sowie montags bis donnerstags um 15.30 Uhr die Ganztagsschüler.

Die Stadt Kronach zahlt nach eigenen Angaben jährlich knapp 10 000 Euro für Gehalt und Ausrüstung. Zu Recht, findet Anita Neder, Leiterin der Lucas-Cranach-Schule. "Sie ist Gold wert. Jemanden, der so flexibel ist, muss man erstmal finden."

Auch heute, am Tag der Kindersicherheit, hat die Schulwegsicherheitsbeauftrage - so ihr offizieller Titel - ihre leuchtenden Arbeitsmaterialien aus dem Lagerhäuschen geholt. Den Aktionstag organisiert die Bundesarbeitsgemeinschaft "Mehr Sicherheit für Kinder e.V." seit 16 Jahren, um das Bewusstsein für Unfallgefahren zu wecken.

Und so ein Unterrichtsende, wenn bis zu 200 Schüler gleichzeitig wild und laut durcheinander springend zu den Bussen strömen, das birgt viele Unfallgefahren. Wenn der Entdeckungs- und Spieltrieb der Kinder auf die Hektik und die Geschwindigkeit des Straßenverkehrs trifft, ist das eine schwierige Kombination.

"Manchmal muss ich auch schimpfen, wenn sie zu früh losrennen oder über die Wiese gehen", sagt Rosa Pugachev. Wenige Minuten zuvor hatte sie noch mit Eltern und Busfahrern gescherzt, doch während des Schüleransturms wirkt sie sehr konzentriert. Ihre Augen fixieren jede Bewegung.


Erstklässer besonders im Fokus

Die größte Herausforderung der Kronacherin sind die Erstklässler. "Die älteren wissen, wie es läuft. Aber die neuen Schüler sind noch ängstlich." Deswegen werden sie während der ersten beiden Wochen von den Lehrern nach draußen begleitet. Und für die Zeit danach hat sich die Schulweghelferin etwas einfallen lassen. "Bis Weihnachten dürfen sie ganz vorne stehen. Dann kann ich mich mit ihnen unterhalten und ihnen erklären, welcher ihr richtiger Bus ist."

Denn so einfach ist das nicht. Bis zu neun Linien fahren von der Haltestelle der Lucas-Cranach-Schule in der Turnstraße nahezu gleichzeitig ab - in alle Ecken des Stadtgebietes. Hinzu kommen Taxen, Privat-Pkws von Eltern, die ihre Kinder abholen, und in der Nähe wohnende Schüler, die zu Fuß gehen. Insgesamt ein ganz schönes Gewimmel, in das Rosa Pugachev System bringen muss.

"Sie weiß immer am schnellsten, wo die Erstklässler herkommen", sagt Schulleiterin Anita Neder, die im Unterricht Wert darauf legt, den rund 450 Schülern das richtige Verhalten im Straßenverkehr beizubringen. Im Heimat- und Sachunterricht (HSU) stünden zum Beispiel die Themen Verkehrsregeln, Schulbus und Fahrradfahren auf dem Stundenplan. Nur für die Busse bräuchte man noch freiwillige Mitfahrer. Dort gebe es öfter mal Streit unter den Kindern.
Rosa Pugachev kann das nicht machen, sie fehlt sonst beim Einsteigen. "Wo warst du?", wird ohnehin ständig gefragt, wenn sie am Vortag verhindert war. Die Schüler mögen sie. "Total nett" , sagt Niclas Friedlein. "Hilfsbereit", ergänzt sein Kumpel Joas Ruiz Rodriguez.


Krankheit muss nicht sein

Die 64-Jährige steht daneben und lacht. Kurz zumindest, dann ist ihr etwas aufgefallen. "Zieht eure Jacken an, es regnet", ruft sie Jungs zu, die zwischen Schulschluss und Busabfahrt noch Fußball spielen müssen.
Pugachevs Hauptziel, das Verhindern von Unfällen, gefährdet das zwar nicht. Wie immer in den vergangenen elf Jahren klappt auch diesmal alles unfallfrei. "Aber", so sagt sie, "es muss ja auch keiner krank werden".