Eine dunkle Bühne, kaum Requisiten - So karg und trist wie das Bühnenbild, ist auch das Leben eines gruseligen Frauenpaars: Martha und ihre Mutter. Die beiden seltsamen Frauen sind über eine merkwürdige Hassliebe, ihren Beruf als Hauswirtinnen und ihrer Berufung als Mörderinnen miteinander verbunden: Um genügend Geld zu verdienen, betäuben sie ihre spärlichen Gäste, rauben sie aus und ertränken sie im Fluss. Gerade hat sich ein neuer Pensionsgast angemeldet, der das letzte Opfer sein soll, denn die Mutter ist des Mordens müde und die Tochter träumt vom Auswandern.

In Albert Camus' Theaterstück "Das Missverständnis" wird die reißerische Geschichte der mordenden Pensionswirtinnen als fein gestricktes Psychodrama aufbereitet, und der einfache Plot entwickelt sich zu einer existenzialistischen Auseinandersetzung mit Gott, dem Leiden, dem Tod und - vielleicht auch - dem Leben.

Ungewöhnliches Ambiente

Aufgeführt wird das Stück unter der Regie von Silvan Wagner in einem ungewöhnlichen Ambiente - sprich einem ehemaligen Hühnerstall des Jahn-Hofs in Eichenbühl. Der Inhaber, Herbert Jahn, gab vor zehn Jahren seine Landwirtschaft auf. Seit etwa 15 Jahren stellte er seine Räumlichkeiten für verschiedene Kunstprojekte zur Verfügung. "Mein Wunschgedanke ist, hier ein kleines soziales, kulturelles und gesellschaftliches Zentrum entstehen zu lassen - keine großen Geschichten, das wäre auch gar nicht möglich. Aber ich freue mich einfach, wenn der Hof mit Leben erfüllt wird", so Jahn. Über eine Bekannte von ihm erfolgte der Kontakt mit der Theatergruppe. Die Ehefrau des Regisseurs, Eva Wagner, stellt derzeit ihre Werke auf dem Hof in einer Gemeinschaftsausstellung aus. Das Ehepaar Wagner gestaltete dort auch vor Kurzem ein Konzert mit Minnegesang. "Dabei habe ich schon mal geschaut, wie der Raum wirkt", erzählt der Regisseur beim Pressegespräch, an dem am Montag auch weitere Verantwortliche und Darsteller sowie der Hausherr teilnahmen.

Geprobt wird seit Anfang des Monats. Derzeit ist man in der letzten Probephase. Das Stück geht über zwei Stunden ohne Pause, in drei Akten. Die Mitwirkenden sind von der besonderen Kulisse und der Nähe zum Publikum begeistert. "Ich zeige Kultur gerne dort, wo ich lebe", erklärt der Regisseur die nicht ganz alltägliche Kulisse. Mit Aufführungen auf dem Land habe er gute Erfahrungen gemacht. Das Publikum sei aufgeschlossen und interessiert, oft auch offener als das städtische Publikum. "Es geht ohne vorgefertigte Meinung in eine Aufführung. Damit ist es das beste Publikum, das man haben kann", ist sich Wagner sicher.

Entscheidung schnell getroffen

Dass man in Eichenbühl spielt, steht erst seit der zweiten Juni-Hälfte fest. Zunächst sollte Kleists "Der zerbrochene Krug" zur Aufführung gelangen. Dafür hatte man jedoch nicht genügend Mitwirkende. "Die Entscheidung musste schnell getroffen werden. Ich habe mich an "Das Missverständnis" erinnert, das ich mit 15 Jahren erstmals gelesen habe und mich schon damals völlig faszinierte", gesteht Wagner. Und das, obwohl auf alle dramaturgischen Stilmittel verzichtet werde. Eine große Abwechslung an Stimmungen, überraschende Wendungen, sogar eine Entwicklung suche man vergebens. Dafür gebe es darin die "genialste Rolle der Theatergeschichte", den Knecht. "Ich finde, dass das Stück sehr viele Ebenen hat, die man aufarbeiten kann. Ich liebe die Schönheit der Sprache und die schönen poetischen Sätze", schwärmt Christina Urban, die im Drama die Mutter mimt und gleichzeitig für die Kostüme verantwortlich ist. Die fünf Schauspieler des Stücks - zwei Männer und drei Frauen - stammen alle aus dem Bereich der Germanistik.

Viele biblische Folien

"Für mich ist es auch ein religiöses Stück mit vielen biblischen Folien wie "Der verlorene Sohn", "Maria und Martha" oder Hiob - Alles wirft die großen Fragen der Menschheit auf", so der Regisseur, der Theologie studiert hat. Es gehe darin um das Scheitern von Kommunikation. Um Kommunikation zu vereinfachen, schaffe sich die Gesellschaft bestimmte - symbolisch generalisierte - Kommunikationsmedien an. Die wichtigsten seien - laut dem Soziologen Niklas Luhmann - Macht, Geld und Liebe. Bei Albert Camus seien es jedoch gerade diese, die partout nicht funktionierten. "Dieses Scheitern von Kommunikation durch ein Überangebot an Sinnzuweisungen herauszuarbeiten und darzustellen, war das Hauptanliegen unserer Probenarbeit", erklärt der Regisseur, der von Regieassistent Max Gross unterstützt wird. Das Drama werde damit nicht schlicht die Darstellung existenzialistischer Sinnlosigkeit, es entwickle vielmehr ein äußerst interessantes Missverständnis - ein großes und fatales Scheitern von Kommunikation. "Wir freuen uns sehr auf die Aufführungen und sind alle gespannt", erklärt Herbert Jahn, der auf viele Gäste hofft. Nach dem Stück sind alle Besucher zum Beisammensein geladen - mit der Möglichkeit, mit den Darstellern ins Gespräch zu kommen. Auch für Bewirtung ist gesorgt.

Aufführungen 29., 30. und 31. August auf dem Jahn-Hof Eichenbühl, Beginn: 19.30 Uhr, Einlass: 19 Uhr

Karten Vorverkauf Jahn-Hof Eichenbühl und Marcus-Apotheke Altenkunstadt sowie an der Abendkasse

Besetzung Jan: Maximilian Hendus, Martha: Vanessa Soldner, Maria: Lea-Maria Kneisel, Mutter: Christina
Urban, Knecht: Albert Spör-
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