Vor 80 Jahren glich der Haßlachfluss zwischen Wolfersdorf und Haßlach bei Kronach einer Großbaustelle. Mit großem Kraftaufwand wurde 1934 der so genannte Haßlachdurchstich realisiert. Er brachte 140 bis Arbeitslosen Lohn und Brot.

Die Menschen im Frankenwald und vor allem im Haßlachtal stöhnen in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts unter extrem hoher Arbeitslosigkeit. Der Grund dieser dramatischen Entwicklung ist insbesondere im fernen Amerika zu suchen. Die Wall Street in New York hatte mit dem großen Börsenkrach - hervorgerufen durch eine maßlose Gier - im Oktober 1929 das schlimmste Debakel ihrer Geschichte erlebt.

Die Auswirkungen dieser gigantischen Kapitalvernichtung waren auch im Frankenwald bemerkbar und sorgten für einen steten Niedergang der Lebensverhältnisse an Haßlach, Kronach und Rodach.

Ende November 1930 richteten die Bezirke Kronach, Teuschnitz, Naila und Stadtsteinach gemeinsam einen verzweifelten Appell nach München und baten um schnelle Hilfe. In der 34-seitigen Denkschrift unter der Überschrift "Not im Frankenwald" wiesen die Autoren insbesondere auf die schwierige Situation in der Frankenwaldregion mit ihren völlig unzureichenden Verkehrsverhältnissen hin.

Eine dramatische Entwicklung erfuhr vor allem die Industriegemeinde Stockheim. Mit der überraschenden Stilllegung der Champagnerflaschenfabrik Sigwart & Möhrle im Februar 1930 sowie mit dem Stillstand von Steinkohlenbergbau und den zwei Puppenfabriken schnellte die Arbeitslosenzahl zeitweilig auf beängstigende 80 Prozent.

In einem größeren Artikel ging am 6. November 1933 der "Fränkische Wald" auf die Notlage der Gemeinde Stockheim ein. Unter anderem schrieb das Blatt: "Die Mittel, die für die Wohlfahrtshilfe von Land und Staat überwiesen wurden, reichten nicht aus, um den Ärmsten der Armen die ihnen zustehenden gesetzlichen Mindestsätze auszuzahlen. So konnten in den Monaten Mai mit September nur 70 bis 80 Prozent ausbezahlt werden.

Zum Leben blieb nichts übrig

Das heißt, dass eine fünfköpfige Familie anstelle von zwölf Mark pro Woche nur sieben bis acht Mark erhielt. Davon soll sie außer Nahrung auch noch Bekleidung, Schuhe, Miete, Heizung, Beleuchtung und alle sonstigen Nebenkosten bestreiten, so dass zum Leben fast nichts mehr übrig bleibt."

Die braunen Machthaber, die seit 1933 Deutschland fest im Griff hatten, waren gezwungen, den totalen wirtschaftlichen Niedergang durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen abzufedern. Und eine dieser Hilfen war der sogenannte Haßlach-Durchstich.

Am 6. Februar 1934 schreibt der "Fränkische Wald": "Der Zuschlag für die Erd- und Pflasterarbeiten des Haßlachdurchstiches oberhalb Haßlach wurde der Bauunternehmung Paul Wischniwosky in Coburg erteilt. Die Bauarbeiten, bei welchen bis zum 1. Juli 1934 rund 15 000 Tagschichten geleistet werden können, werden unter der Leitung des Straßen- und Flussbauamtes ausgeführt. Mit ihnen wird bereits in den nächsten Tagen begonnen werden. Einer großen Anzahl von seither erwerbslosen Volksgenossen des Stockheimer Notgebietes ist dadurch Gelegenheit gegeben, wieder zu Arbeit und Brot zu kommen."

Drei Mark am Tag

Finanziert wurde das Projekt vom Bayerischen Staatsministerium des Innern. Pro Tag erhielten die Arbeiter drei Mark. Eine weitere Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wurde bereits einige Monate zuvor auf Grund der Initiative von Bürgermeister Carl Christlein mit dem Ausbau des Wirtschaftsweges Stockheim-Traindorf-Neukenroth eingeleitet. Die Gesamtkosten veranschlagte man auf 9600 Reichsmark.

Am 3. April 1934 erfuhren die Leser Näheres über die beachtliche Baustelle am Haßlachfluss: "Der Haßlach-Durchstich ist neben den vielen Baustellen wohl eine der umfangreichsten mit im Frankenwald. Der Durchstich beginnt 100 Meter unterhalb Wolfersdorf und erstreckt sich in einer Länge von 1500 Meter bis zum Haßlacher Wehr.

Das neue Flußbett wird an der Sohle 14 Meter breit, während die Entfernung von einem zum anderen Uferrand 30 Meter beträgt. Senkrecht erhält das Flussbett eine Tiefe von drei Metern. Das Pflasterprofil ist 4,50 Meter hoch, dem sich noch eine 1,6 Meter hohe Rasenanlage anschließt.

Arbeit für sechs Monate

Die zu pflasternde Uferfläche beträgt 12 000 Quadratmeter, wozu etwa 4500 Kubikmeter Grauwackensteine notwendig sind, die sämtlich in Welitsch und Förtschendorf gewonnen werden, was für den Frankenwald eine weitere Arbeitsbeschaffung bedeutete. An der Baustelle sind 140 Arbeiter beschäftigt. Dies bedeutet für die umliegenden Gemeinden, die jahrelang unter der Not der Arbeitslosigkeit zu leiden hatten, eine erhebliche Entlastung.

Vom Betrieb an dieser Baustelle kann man sich ungefähr ein Bild machen dadurch, dass drei Zugmaschinen mit etwa 100 Rollwagen laufen, um die Erdmassen wegzuschaffen. Damit die Leute einigermaßen trockenen Fußes arbeiten können, ist eine Motorpumpe eingesetzt, die das Grundwasser beseitigt. Das ganze Unternehmen bietet ungefähr sechs Monate lang Arbeit und Brot für 140 Familienväter."

Mit dieser umfangreichen Maßnahme wurde der ehemalige Altarm in das neue Flußbett integriert. Auch heute noch ist ein Teil des umgeleiteten alten Flusses in Richtung Reitsch sichtbar. Während heute bei solchen Aktivitäten modernste Geräte mit minimalem Personal eingesetzt werden, war 1934 die Muskelkraft dominierend.
Der Stockheimer Otto Heinlein kann sich noch gut an diese eindrucksvolle Baustelle erinnern, als er damals seinem Vater Josef Essen brachte.

Eine weitere Arbeitsbeschaffungsmaßnahme erfolgte ab 1935 mit der Abteufung des Stockheimer Bergwerks auf 140 Meter. Mit der Gründung der Bergbaugenossenschaft am 30. August 1935 wurde mit Beteiligung der Gemeinden Stockheim, Neukenroth, Haig, Burggrub, Reitsch, Haßlach, Gundelsdorf, Glosberg und Wolfersdorf eine neue Ära eingeleitet. Während 1934 gerade mal 24 Knappen beschäftigt waren, pendelte sich ab 1935 die Beschäftigtenzahl auf über 100 ein.

NS-Kreisleiter Paul Müller, der das Projekt maßgeblich gefördert hatte, konnte mit dieser Entwicklung zufrieden sein. Und die Nazis hatten wahrscheinlich wieder einige Anhänger mehr.