Von allen Seiten schießen dem bärtigen alten Mann Blitze aus dem Kopf. Dass er nicht zu wissen scheint, wo ihm selbiger gerade steht, ist kaum zu übersehen. "Interessant, oder?", fragt Alexander Süß. "Dabei sind die Blitze nur eine umgedrehte historische Reklame", erklärt der Kronacher Museologe. Auch das Gesicht könne aus jeglichem bekannten Werk stammen. "Die Stücke sind so weit entfremdet, dass man schon gar nicht mehr weiß, wo sie herkommen". Es sei wie ein Puzzle, das zusammengesetzt werden muss. Die Collagen der Münchner Künstlerin Christiana Biron faszinieren Süß.

Seit Samstag ist im Fürstenbau der Festung Rosenberg die Ausstellung "Krieg und danach. Für mein Land und meine Freunde" zu sehen, die er in den vergangenen Monaten zusammen mit Biron konzipiert hat. Die richtige Mischung aus den passenden Collagen und dazu gehörenden Gedichten zu finden, dürfte wohl ebenfalls eine Art Puzzle gewesen sein. "Ich wusste, dass Alexander meine Collagen irgendwann einmal ausstellen wird, aber der Zeitpunkt war noch nicht soweit", sagt Biron. Nun habe aber alles gepasst. Seit den 90er Jahren hat sie sich mit dem Balkankrieg beschäftigt. Diese große Phase ihres Lebens sei nach fast 25 Jahren nun aber zu Ende. "Alexander wollte es ausstellen und ich es loslassen. Da hat beides genau gepasst", sagt die 39-Jährige. Beide kennen sich auch privat schon seit Jahren.


Eine neue Sicht auf die Dinge

Dass die Collagen - mit der Hand ausgeschnittene Motive, die zu einem neuen Bild mit eigener Aussage zusammengesetzt werden - die Konflikte des Krieges besonders intensiv zu thematisieren scheinen, hat einen Grund: Biron hat ihn und die Folgen erlebt. 2005 zog sie für fünf Jahre nach Sarajevo (Bosnien und Herzegowina), wo sie aktiv am Wiederaufbau der Kunstszene beteiligt war. Die dort gewonnenen Eindrücke verarbeitete die 39-Jährige vor allem in ihrer Kunst. Bewusst werden dort Konflikte, thematisiert, Missstände angesprochen und auf Fehlentwicklungen aufmerksam gemacht. "Es sind in den Werken sehr enge biografische Bezüge zu finden", sagt Süß. "Sie gibt viel von sich Preis." Die in Extremsituationen häufig gewonnene neue, andere Sichtweise auf das Leben, sieht er auch bei der Münchner Künsterlin. "Bei Christiana war das in Sarajevo der Fall", sagt er. Durch ihre Collagen sei es nun aber auch dem Betrachter möglich, diese neue Perspektive zu gewinnen.

Der Museumsgast wird bewusst langsam an das Thema herangeführt. Bilder und Texte sind zunächst erzählerisch gehalten. "Man entdeckt den Konflikt erst. Es fängt also recht harmlos an", erklärt Süß. Dann setze jedoch das Begreifen ein - erst in den Collagen, dann beim Betrachter. "Man erlebt den Prozess regelrecht", sagt Süß. Thematisiert werden auch Nebenaspekte, die Kriege oftmals mit sich bringen; etwa sexuelle Gewalt. Biron nutze ihr Talent, "um sich mit schweren Themen auseinaderzusetzen und teilweise unaussprechliche Dinge sichtbar und bewusst zu machen", sagte die zweite Bürgermeisterin Angela Hofmann (CSU) in ihrer Begrüßungsansprache. Mit der Ausstellung wolle die Stadt zusammen mit dem Tourismus- und Veranstaltungsbetrieb nach der Kinderausstellung "Pop up Cranach" den Bogen von der museumspädagogischen Präsentation, hin zur zeitgenössischen Kunst spannen.


Katalog zerschnitten

Als Dank für die Ausstellung schenkte Hofmann der Künstlerin einen Ausstellungskatalog der Fränkischen Galerie. Offenbar die passende Wahl zum richtige Zeitpunkt. "Ich habe zwar schon einen, aber den habe ich wegen der vielen Motive gleich zerschnitten", sagte Biron und lachte. So sind in Kronach gezeigten Werke alter Meister vielleicht zukünftig in einem völlig neuen Kontext zu finden.

Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 30. Oktober. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 9.30 Uhr bis 17.30 Uhr.