Langsam bahnt sich der Zug seinen Weg den Kamm hinauf. Links und rechts der Gleise säumen steile, teils felsige Hänge und dichter Wald die Strecke. Ab und an geben die Bäume den Blick auf eine Lichtung frei. Häuser oder gar Menschen sieht man nur wenige. "Nächster Halt: Ludwigsstadt" tönt es plötzlich aus den Lautsprechern. Der Zug rollt über eine Brücke. Unter ihr reihen sich die ersten Häuser der Stadt aneinander.

Der Bahnhof Ludwigsstadt ist menschenleer. Die wenigen Passagiere, die aus dem Zug aussteigen, entfernen sich schnell in Richtung der im Tal gelegenen Häuser. "Wartehalle geschlossen" steht auf einem Zettel an der Tür zum Bahnhofsgebäude. Ein komplett anderes Bild als noch vor dreißig Jahren: "Auf dem Bahnhof war früher die Hölle los", erinnert sich Werner Vetter. Der 67-Jährige lässt seinen Blick über das Gelände schweifen.

Voll besetzte Züge

Bis zum Mauerfall 1989 war Ludwigsstadt Grenzbahnhof und damit eines der wenigen Tore durch den Eisernen Vorhang. "Der Bahnhof war ständig mit Personal der Bundesbahn besetzt", berichtet Werner Vetter. Etwa 40 Personen hielten zur Zeit der innerdeutschen Teilung am "Ludschter" Bahnhof die Stellung - vom Bahnpersonal über Zollbeamte bis hin zur Grenzpolizei, für die Vetter arbeitete.

Neben dem Güterverkehr stoppten täglich Interzonen- beziehungsweise Transitzüge im Bahnhof. "Die Züge waren oft so stark besetzt, dass die Lokführer mit voller Kraft anfahren mussten, um den Berg hinauf - über die ,Frankenwaldrampe' bei Steinbach - zu kommen. Sonst sind sie wieder zurück in den Bahnhof gerollt", erzählt Vetter. Anfang der 70er Jahre gab es außerdem auch Nahverkehrszüge für den "kleinen Grenzverkehr", die sogenannten "Bahr-Expresse".

Standleitung mit Probstzella

Einziger Kontaktpunkt mit der Grenztruppe der DDR war eine Standleitung in der Grenzpolizeiinspektion Ludwigsstadt nach Probstzella, dem ersten Halt direkt hinter der Grenze. Wie Vetter berichtet, war genau vorgeschrieben, was man am Telefon zu sagen hatte. Aber es hat auch gemenschelt. Zum Beispiel zur Weihnachtszeit. "Ein Kollege von mir hat gemeint: ,Heute mach' ich mal was anderes'", erzählt der ehemalige Grenzpolizist mit einem spitzbübischen Grinsen. ",Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten', hat er dann durchgesagt. Am anderen Ende der Leitung war es erst einmal ganz ruhig", erzählt Vetter. "Nach einer Weile kam zurück: ,Das wünsche ich Ihnen auch.'" Der DDR-Beamte habe wohl erst sein Tonband ausgestellt, ehe er antwortete, vermutet Vetter.

Die Grenzpolizei kümmerte sich am Bahnhof in Ludwigsstadt um die Personen, "die die Kollegen aus den Zügen gefischt haben", wie Vetter erzählt. "Die Zellen in der Inspektion in Ludwigsstadt waren fast ständig gefüllt."

Zudem wurden viele Übersiedler aus der DDR erfasst und weiter in die Bundesrepublik geschickt. Auch eine Welle von Asylbewerbern aus Sri Lanka traf damals im nördlichen Landkreis Kronach ein. Die DDR habe die Flüchtlinge einfach durchgewunken. "Und in der DDR wollte ja auch keiner bleiben", fügt Werner Vetter an. Außerdem überwachten die Grenzpolizisten die Grüne Grenze, beobachteten zum Beispiel die Bauarbeiten an den Grenzanlagen auf DDR-Seite oder waren inkognito als Pilzsammler unterwegs, um Agenten zu enttarnen, die über die Grenze geschleust werden sollten.

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Auch Fluchtversuche hat Werner Vetter immer wieder erlebt. Bis in die Mitte der 80er Jahre habe es einige gegeben, sagt er. Dann fast keine mehr. "Die DDR hat die Grenzanlagen ja ständig ausgebaut und zum Beispiel auch Selbstschussanlagen installiert." Vetter erinnert sich an einen Mann, der sich mit bloßen Händen bei Steinbach an der Haide unter dem Metallzaun durchgegraben hat. Die Hände des Mannes waren blutig. "Man konnte sogar die Knochen an seinen Fingern sehen", sagt Vetter. An der Grenze zwischen Lehesten und Lauenhain versuchte ein DDR-Bürger mit dem Traktor durch den Zaun zu brechen. "Das war einer der letzten Fluchtversuche in der Region."

Menschenmassen in Bewegung

In den Wochen nach dem Mauerfall brachen in Ludwigsstadt alle Dämme. "Der Interzonenzug war so voll, dass die Passkontrolle nicht mehr möglich war", erinnert sich Vetter. Da die Bahnhöfe und Züge überfüllt waren, kamen die Leute zu Fuß. "Die ganze B 85 war voller Menschen", erzählt der ehemalige Grenzpolizist von einem Einsatz. "Es war Nacht und hat geregnet. Bahnhofsmission und Polizei-Dienststelle waren komplett überfüllt. Wir haben dann alles zusammengetragen, was wir so hatten - Kaffee, Tee und Brotzeit. Der Pfarrer hat jede Menge Helfer aus dem Bett geklingelt." Auch eine Eilmeldung über den Videotext (siehe Bildergalerie oben) setzte man ab. "Über 1000 Menschen wurden in der Nacht versorgt", berichtet Vetter. "Rückblickend war das eine echt gute logistische Leistung."

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