Als Johanna Klinger im Januar 1920 in Steinwiesen als Kind von Balthasar und Josepha Kuhnlein geboren wurde, war der Erste Weltkrieg zwei Jahre zu Ende. Friedensruhe herrschte in den deutschen Städten allerdings lange noch nicht. Der Versailler Friedensvertrag fand in weiten Kreisen der Bevölkerung keine Zustimmung. Und im Münchner Hofbräuhaus wurde die NSDAP gegründet. Und in Steinwiesen? Da gab es keine geteerten Straßen, keine Fernseher, Telefone etc. Viele hatten Ehemänner, Söhne und Freunde im Ersten Weltkrieg verloren. Manche Heimkehrer waren zu Invaliden geworden. Die Mehrheit der Bevölkerung hatte mit Armut zu kämpfen.


Gläubige Katholikin

Jetzt, 96 Jahre später, wohnt Johanna Klinger immer noch in Steinwiesen. Und während ihres bisherigen Lebens hat sie viele Entwicklungen innerhalb ihrer Familie und ihres Heimatdorfes miterlebt. "Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so alt werde", sagt die Seniorin. Auf ihrem Tisch liegt der Fränkische Tag: "Den lese ich jeden Tag." Von ihrer Wohnung aus kann sie zur Kirche schauen. Als gläubige Katholikin gehört der regelmäßige Besuch des Gottesdienstes seit frühester Kindheit zu ihrem Leben. Ein solches ohne Glauben, ohne Gott und Jesus Christus ist für Johanna Klinger undenkbar.

Während Johanna Klinger erzählt, wird einem richtig bewusst, welch einfaches und entbehrungsreiches Leben unsere Mütter und Väter hatten. Und dennoch strahlt oftmals gerade diese Generation Dankbarkeit und Zufriedenheit aus. Ihr Vater sei an den Folgen des Ersten Weltkriegs gestorben, erzählt Johanna Klinger. Damals war sie acht Jahr alt. Für ihre Mutter bedeutete das, dass sie die Familie allein durchbringen musste. Stundenlang saß ihre Mutter an der Nähmaschine, schneiderte Kleidung und half darüber hinaus bei Bauern mit. "Es gab keinen Strom, kein fließend Wasser", berichtet Johanna Klinger von damaligen Zeiten, in denen sogar zwei Ziegen mit im Haushalt lebten. "Die Wäsche wurde im Bach gewaschen, und das Trinkwasser aus dem Brunnen geholt."


Strikte Trennung

Erinnert sich Johanna Klinger an ihre Schulzeit, so spricht sie von Schiefertafeln, Kreide und Griffel. Es gab aber auch ein Lese- und Rechenbuch sowie einen Katechismus. Die Erst- bis Drittklässler und die Viert- bis Siebtklässler wurden zusammen in einem Klassenzimmer unterrichtet. "Damals gab es noch viele Kinder in Steinwiesen", schmunzelt Johanna Klinger. Dabei erzählt sie, dass ihr Jahrgang 24 Mädchen und 16 Jungen zählte. Während die Mädchen in der Schule, dem heutigen Rathaus, von Ordensschwestern unterrichtet wurden, waren die Jungen im heutigen Museum untergebracht. "Es war alles strikt getrennt." Gespielt wurde auf der Straße beziehungsweise auf dem, was man damals zumindest darunter verstand.

Mit 13 Jahren (damals betrug die Schulpflicht nur sieben Jahre) startete Johanna Klinger ins Berufsleben, damals als Arbeiterin in der Steinwiesener Porzellanfabrik. "Ich verdiente 14 Pfennige pro Stunde." In der Wochen waren das 6,45 Reichsmark. Noch heute ist Stolz aus ihrer Stimme zu entnehmen, wenn sie von ihrem ersten Fahrrad spricht. Von ihrem Wochenlohn musste sie sechs Reichsmark ihrer Mutter zur Unterstützung des gemeinsamen Haushaltes geben. Die restlichen 45 Pfennige hat sie für ihren "Traum" gespart. Ein Fahrrad kostete damals immerhin um die 60 Reichsmark. Spricht man Johanna Klinger auf ihre Jugend an, so erzählt sie von Spaziergängen mit Freundinnen auf der Straße, von Zusammenkünften in den einzelnen Höfen. "Auto, Diskos, Telefon - niemand hat sich damals solche Sachen vorstellen können."

Auch an den Zweiten Weltkrieg erinnert sich Johanna Klinger. Ihr damaliger Freund sei gefallen. Erfahren habe sie dies in einem Brief mit dem Inhalt: "Gefallen für Großdeutschland." Während der Kriegsjahre habe es in fast jedem Haus in Steinwiesen Tränen gegeben. Und immer, wenn wieder die traurige Nachricht über einen gefallenen Mitbürger eintraf, wurden Gedenkgottesdienste abgehalten. "Während der Kriegsjahre gab es kein Lachen", zieht die 96-Jährige ein trauriges Resümee.

Im Jahre 1950 heiratete Johanna Klinger schließlich ihren 17 Jahre älteren Mann Franz. Vier Kinder, neun Enkel und sechs Urenkel gingen aus dieser Ehe hervor. Während ihr Mann für den Lebensunterhalt sorgte, zog sie die Kinder groß, sorgte für ein gemütliches Heim. "Das war damals so üblich." Rückblickend sagt sie dann auch zufrieden: "Ich würde das alles wieder so machen. Ich würde ihn wieder heiraten."

Ihr ganzes Leben verbrachte Johanna Klinger in Steinwiesen, an das sie sogleich eine Liebeserklärung abgibt: "Mir gefällt es immer noch."


Noch ein Wunsch

Das Alter hat natürlich seine Spuren hinterlassen. Aber: "Hauptsache man hat noch seine Gedanken", sagt die 96-Jährige, die heute bei ihrem Sohn lebt. Gerne geht sie auch heute noch zur Kirche. "Alleine geht es aber nicht mehr." Deshalb ist sie dankbar, wenn sie von ihren Kindern beziehungsweise ihrem Patenkind auf dem Weg zum Gottesdienst begleitet wird. Regelmäßig besucht sie noch den Seniorentreff. Und dann gibt es da noch ein großes Hobby: Sie strickt mit Leidenschaft Socken für ihre Nachkommen. Trotz ihres hohen Alters hat sie aber auch noch einen Wunsch. So will sie mindestens noch einmal Uroma werden.