Schaut man sich die neuesten Plagiatsvorwürfe gegen Frank-Walter Steinmeier an, so verdichtet sich der Eindruck. Die Ahnengalerie reicht ja schließlich bis Koch-Mehrin, Schavan und Guttenberg. Doch was hilft uns die Erkenntnis? Bei Guttenberg oder Schavan schien dies noch klar. Diese Menschen müssen gehen, ihre politische Verantwortung vollumfänglich abgeben. Denn sie haben ein wichtiges Gut verspielt: ihre Glaubwürdigkeit.

Diese (Ab-)Rechnung ist jedoch im Kern fatal. Weil so verdeckt wird, was das eigentlich Verwerfliche ist. Denn: Wer im Politikbetrieb richtig Karriere machen will, braucht unbedingt einen veritablen Abschluss. Nur wer einen Titel vorweisen kann, genießt Ansehen, darf sich beim Lauf durch Institutionen und Gremien echte Karrierehoffnungen machen.

Und diese Hörigkeit gegenüber der akademischen Symbolik sorgt für einen immensen Druck bei den Betroffenen. Der Doktortitel muss her, möglichst früh, möglichst unaufwendig. Schummelei und echter Betrug sind da nicht weit.

Natürlich ist das Aufdecken von Plagiaten wichtig, muss das wissenschaftliche Arbeiten sauber bleiben. Aber vielleicht bedarf es eines Wertewandels in unserer Wahrnehmung. Denn Expertise drückt sich nicht selbstverständlich durch einen Dr. vor dem Namen aus. Fach-und Sachverstand haben viel mit echten Lebensläufen, Praxiserfahrung und wenig mit scholastischem Gedöns zu tun. Das Schielen auf Titel führt sonst in die Sackgasse und entwertet das akademische System als solches. Und ganz nebenbei bleibt der Mensch auf der Strecke.