Die verweichlichte, vom Gesundheitswahn infizierte und von der EU aalglatt normierte Welt wendet sich mit Grausen. Bio-Schinkenwurst "sehr fein" mag ja angehen, aber ein blutiges Stück Fleisch am Spieß über dem Feuer? Nein!

Der Wohlstand bringt es mit sich, dass uns alles mund- und normgerecht serviert wird, antiseptisch verpackt in fein säuberlich beschrifteten Plastikschächtelchen. Nie sind Menschen gesünder gestorben als heute. Schaut man aber genauer dahinter, kommt einem das Grausen: Wie ist es möglich, dass 100 Gramm feine Kalbsleberwurst immer präzise 357,5 Kilokalorien enthalten (und womöglich Spuren von Kalbsleber)? Das ist möglich, weil die gesamte Nahrungskette kaum noch Natur enthält, weil genormte Kälber und Ferkel in genormten Ställen unter Kunstlicht genormtes Futter fressen und nach dem Ablauf der DIN-Lebenszeit einen genormten Tod für den Supermarkt am keimfreien Fließband sterben.

Der Verbraucher, sofern nicht vegan, kauft guten Gewissens: Er hört die Sau nicht quieken wie früher bei der Hausschlachtung. Gestorben und zubereitet wird sauber, chirurgisch und, blutleer. Den fein gewolften Speckschwarten und dem weichgekochten Schweinerüssel sieht man im Kunstdarm die Herkunft nicht mehr an. Arme Schweine! Sie haben es nicht verdient, so zu enden, nachdem ihr Schweineleben schon keines war. Wenn schon, dann soll die Schwarte in der Glut Blasen schlagen, dass es knusprig kracht, wenn man ins Gegrillte beißt. Das Fleisch vom Grill hat etwas Steinzeitliches, unbestritten. Aber ist die Lebensmittel-Großindustrie nicht der um Welten größere Anachronismus? Eine Industrie, die mehr Abfall als Nahrung produziert?

Von Kultur gar nicht zu reden, da könnten sich am Grill Debatten entzünden. Haben Old Shatterhand und Winnetou am Lagerfeuer in der Prärie jemals veganen Bio-Hefe-Brotaufstrich zu sich genommen? Das letzte Refugium der ehrlichen Anarchie auf dem Teller ist es wert, verteidigt zu werden. Wann kommt die Norm für die Temperatur der Grillkohle und den Rauchentwicklungskoeffizienten? Wohl bald. Es geht um die
(Brat-)Wurst!

Lesen Sie hiereinen Contra-Kommentar von Rudolf Görtler.