Bücher über die Zeit der NS-Diktatur sind, vor allem wenn es sich um die Schilderungen von Zeitzeugen handelt, erschütternd. Sie machen aber umso mehr fassungslos, wenn die Erinnerungen scheinbar neutral aufgeschrieben sind, ohne Hass auf die Machthaber oder die Deutschen insgesamt.

"Drei Leben", die Erinnerungen von Max Mannheimer, aufgezeichnet von Marie-Luise von der Leyen, ist ein solches Dokument, das ist seiner einfachen, im Plauderton gehaltenen Sprache das Unbegreifliche schildert. Mannheimer, der in einer kleinen Stadt in Ostmähren aufwächst, erlebt eine idyllische Kindheit und Jugend, in der sich ganz allmählich der Irrsinn des Rassenwahns entfaltet. Dass Juden nicht wie ihre christlichen Nachbarn Weihnachten feiern, bekommt der Junge im Kindergarten mit - weil ein anderes Kind ein Geschenk bekommt, das er auch gerne gehabt hätte. "Es war vermutlich das erste Mal, dass ich einen Unterschied zwischen Christen und Juden bewusst wahrnahm. Andere Wahrnehmungen kamen nach und nach hinzu", erinnert sich Mannheimer.

Schleichende Veränderungen

Andere Wahrnehmungen - das sind kleine, schleichende Veränderungen im Umgang der Menschen miteinander. Tschechen, die plötzlich ihre deutsche Wurzeln entdecken, Parteiabzeichen am Revers tragen, eine tiefreligiöse Nachbarin, die das Marienbild auf ihrem privaten Altar durch ein Hitlerbild ersetzt - Dinge, die sich deshalb ändern, weil die Randgebiete Böhmens und Mährens mit dem Münchner Abkommen vom September 1938 zum Deutschen Reich gehören.

Natürlich wird auch in Mannheimers Familie über eine Auswanderung diskutiert, aber letztlich verworfen, dennoch muss sie ihre Heimat aufgeben und 1939 in den noch unbesetzten Teil Mährens ziehen. Dass das nur eine Zwischenstation ist auf einem Weg, den Mannheimer unter anderem ins Konzentrationslager Auschwitz führen wird. Nur er und sein Bruder überleben weitere Deportationen und Konzentrationslager.
Max Mannheimer beginnt ein neues Leben, das er nach einer Zeit des Verdrängens ganz dem Bewusstsein widmet, dass er einer der letzten Zeitzeugen ist, die nicht schweigen dürfen.