Im Norden von Kapstadt, ganz nah am Atlantik, steht derzeit die womöglich prächtigste Stadionruine der Welt: das Green-Point-Stadion, in dem die Deutschen bei der WM 2010 Argentinien mit 4:0 vom Platz gefegt hatten. Nach dem Turnier fanden noch fünf Fußballspiele und ein paar Konzerte statt. 400 Millionen Euro hatte der Luxustempel gekostet, jetzt steht er zum Verkauf. Die Kapstädter hätten vor vier Jahren mit einer billigeren Arena leben können - doch der Weltfußballverband Fifa wollte es anders.

In Brasilien droht vielen Spielstätten nun das gleiche Schicksal: Mitten in den Urwald in Manaus wurde eine Arena gepflanzt, obwohl es dort keinen höherklassigen Fußballverein gibt - genauso wie in Cuiabá und Brasília. Es sind Stadien, die nach der Weltmeisterschaft vermutlich kein Mensch mehr braucht - doch die Fifa wollte den Bau nun mal so. Genau hierin liegt das Problem, warum im fußballverrückten Brasilien nach wie vor keine große WM-Stimmung aufkommen mag: Die Brasilianer fühlen sich betrogen, verraten und verkauft von ihrer eigenen Regierung, die sich von der Fifa unter Druck setzen lässt und Milliarden von Steuergeldern in neue Stadien und in die Infrastruktur verpulvert hat. Nach einem Bericht des brasilianischen Rechnungshofs kostet die WM Brasilien insgesamt 9,9 Milliarden Euro. Im Gegenzug schätzt die Fifa, dass sie mit TV-Rechten, Vermarktung und Lizenzen etwa 3,1 Milliarden Euro verdienen wird - was für ein Missverhältnis!

Brasiliens Regierungschefin Dilma Rousseff steckt angesichts solch exorbitanter Zahlen in Erklärungsnot: Stets ließ sie verlauten, dass der Staat kein Geld für Kliniken, Schulen oder Universitäten habe. Und inzwischen liegt die Beteiligung der öffentlichen Hand für die WM bei 80 Prozent. Kein Wunder also, wenn sich der Frust der Brasilianer auf der Straße niederschlägt. Noch während der gewaltsamen Proteste beim Confed-Cup vor einem Jahr hatte Rousseff versprochen, mehr Geld in öffentliche Einrichtungen zu stecken und den Kampf gegen Korruption und Armut in ihrem Land aufzunehmen. Geschehen ist seitdem - nichts. Jetzt drohen also wieder Streiks, Demonstrationen und Gewalt. Die WM als willkommene Bühne, der Welt zu zeigen, wie groß die Unzufriedenheit mit der herrschenden Klasse im Land ist.

Eines kann man jetzt schon sagen: Die klinisch reine, euphorische und perfekte WM, wie sie sich die Fifa wünscht und mit täglichen Durchhalteparolen auf Besserung proklamiert, wird es auch in Brasilien nicht geben. Viele Stadien sind trotz Millionen-Investitionen nicht rechtzeitig fertig geworden, die Tickets sind für den Durchschnitts-Brasilianer unerschwinglich, fast täglich erreichen uns Nachrichten von blutigen Gefechten zwischen Drogenhändlern und Polizisten in den Favelas. Die größte Party der Welt hat schon vor dem Anpfiff im Land des Fußballs ihren Ballzauber verloren. Ein Volk braucht Spiele und Brot, um glücklich zu sein. Spiele alleine werden nicht reichen - nicht mal im fußballverrückten Brasilien.