Wenn man seine Tage nicht unbedingt damit vernichtet, sich in sogenannten sozialen Netzwerken herumzutreiben, erfährt man von dort ausgetragenen kuriosen Vorgängen mit einiger Verzögerung. Beschimpfungs-Kampagnen heißen in der digitalen Welt vornehm übersetzt Kotsturm, das bedeutet: Einer hat eine Meinung geäußert, die vielen nicht passt, und wird dafür mit Unrat beworfen, i. e. angepöbelt, oder es wird, was eher selten vorkommt, gegenargumentiert.

Eine solche Kampagne hat unlängst der Grüne Cem Özdemir provoziert, als er das Ehepaar Wulff dafür rügte, ein Bruce-Springsteen-Konzert besucht zu haben. (Was, nebenbei, die Bild-Zeitung exklusiv dokumentierte. Wulff, dessen angebliche Verfehlungen auf einen winzigen Rest zusammengeschrumpft sind, gehörte allein für die Dummheit, sich wieder mit diesem Blatt einzulassen, bestraft.) Denn, so Özdemir: Rock 'n' Roll sei nichts für Konservative, stehe "so ziemlich für das exakte Gegenteil" von deren Politik. Das offenbart in mehrerer Hinsicht vollkommene Ahnungslosigkeit.

Freilich stand klassischer Rock einmal fürs - freizeitkulturelle - Aufbegehren, das Versprechen an Jugendliche, sich nicht länger mehr ein- und unterordnen zu müssen, für freiere Verkehrsformen in Sexualität und Mode. Der Kapitalismus, den die Rockmusik nie in Frage stellte, hat das sofort produktiv absorbiert. Übrig geblieben ist der Mythenverkauf von Großverdienern à la Rolling Stones oder eben Springsteen, zu Beginn seiner Karriere als "Zukunft des Rock 'n' Roll" apostrophiert, dessen Musik übrigens langweilig, in gewissem Sinne stockkonservativ ist. Dass nun ausgerechnet ein Spitzen-Grüner das alte Mantra von Sex and Drugs and Rock 'n' Roll für sich und sein Milieu reklamiert, ist - doch auch wieder sehr komisch. Nebenbei: Claudia Roth, die ihre Biografie gerne mit der Zeit als "Tourmanagerin" von "Ton, Steine, Scherben" schmückt, war bei der linken Band erst, als es mit der schon deutlich bergab ging. Der Band.

Ein bisschen Recherche kann eben nie schaden. Zurück zu den Grünen: Diese Partei der homöopathischen LehrerInnen, der protestantisch verknöcherten, Kräutertee trinkenden Vorschriftenmacher_innen, der politisch korrekten, garantiert drogenfreien Verklemmt- und Bravheit, mit auch nur einem Hauch von Ausflippen zu assoziieren: Das ist schon stark. Sie können sich aussuchen, ob's nur blöd oder ranschmeißerisch unverschämt ist.