"Soll ich dir helfen? Was ist passiert?", fragt verzweifelt ein freundlicher, aber auch etwas verängstigter junger Mann. Er ist zu einem Radfahrer geeilt, der in der Innenstadt mit dem Fahrrad gestürzt ist und sich nicht mehr bewegt. Ein zweiter Passant eilt ebenfalls hinzu. Andere gehen einfach weiter. Vielleicht haben sie den kleinen Fahrradunfall ja gar nicht bemerkt? Manche scheinen auf ihrem Weg eher etwas schneller zu werden oder den Blick in die andere Richtung zu lenken - zufällig?
Sie meinen, das wäre ein erdachtes Szenario? Findet man immer spontane Hilfe im Notfall? Wie das in Bamberg ausschaut, das wollten wir, die Klasse 8e des E.T.A.-Hoffmann-Gymnasiums, selbst testen. Erst vor kurzem hatten wir im schulischen Erste-Hilfe-Kurs gelernt, dass bei Unfällen Hilfe zu leisten bzw. weitere Hilfe zu holen ist, ein Vorübereilen also unterlassene Hilfeleistung darstellt. In den Medien hört man zudem immer wieder, dass Helfende sogar oft von Gaffern behindert werden!


Täuschend echte Verletzungen

So machten wir uns also an einem Freitagmorgen zusammen mit unserer Klassenlehrerin Walburg Lechner auf den Weg in die Innenstadt, wo um diese Uhrzeit eine Menge Leute unterwegs waren. Niklas, der sich bereit erklärt hatte, das Unfallopfer zu spielen, wurde zunächst mit Kunstblut bemalt und wir hatten Glück, dass in seiner Hose bereits ein Loch am Knie war. So sah er im Nu tatsächlich unübersehbar verletzt aus, mit Blut im Gesicht, auf dem Hemd und am Arm.
Die anderen Schüler verteilten sich, ausgerüstet mit Smartphones und Kameras, inzwischen in naheliegenden Geschäften und Cafés, um das Geschehen unauffällig beobachten zu können. Nun konnte unser Test beginnen. Niklas war es zuerst unangenehm, den Sturz zu inszenieren. Schließlich musste er ja Passanten täuschen. Außerdem sollte es ja möglichst echt aussehen und dennoch sollte er sich nicht wirklich verletzen. Aber er konnte sich überwinden und platzierte sich in einem unbeobachteten Moment neben einem Café unter seinem Fahrrad, um so zu tun, als hätte er sich verletzt.


Einige liefen einfach vorbei

Erst nach einiger Zeit - in der schon ein paar Leute vorbeigelaufen waren - rannte ein Mann aus dem Café heraus, um zu schauen, was passiert war und wohl um zu helfen. Niklas spielte weiter, aber dann kamen auch schon zwei Mitschüler, die die Situation auflösten. Der Mann war sichtlich erleichtert. Ein Krankenwagen war also nicht nötig.
Diesen Versuch wiederholten wir an anderen Schauplätzen noch einige Male, um ein brauchbares Ergebnis zu erhalten. Jedes Mal eilten Passanten zu Hilfe, zeigten sich besorgt, nahmen sich Zeit, waren aufmerksam, teilweise so sehr, dass wir uns wirklich mit der Aufklärung unseres Experimentes beeilen mussten, um das Rufen des Krankenwagens zu verhindern.
Kurze Gespräche folgten jeweils. Wir fragten nach dem Erste- Hilfe-Kurs, wann er gemacht wurde und vor allem, wie sie bei einem echten Unfall gehandelt hätten. Die Antworten waren übereinstimmend: Hingehen zum Unfallopfer, sich ein Bild machen, selbst Hilfe leisten, wenn möglich, andere um Hilfe bitten oder rufen oder eben den Notarzt holen.


"Andere helfen doch schon"

Eine weniger angenehme Aufgabe war es, vorbeigehenden Passanten nachzulaufen und sie auf ihr Verhalten anzusprechen. Die meisten zeigten sich nicht gesprächsbereit, eilten schnell weiter, gaben vor, keine Zeit zu haben, meinten, andere hätten ja schon Hilfe geleistet oder waren schon gar nicht mehr zu sehen. Schade eigentlich. Aber vielleicht war es ihnen so peinlich, sich hier verdrückt zu haben, dass sie es sich merken und vielleicht beim nächsten Mal handeln und eingreifen? Wir hoffen es jedenfalls. Dann wäre unser kleines Experiment ja nicht umsonst gewesen!
Von Katharina, Sophie, Niklas, Nils, Katharina, Paula, Samuel und Lorenz, Klasse 8e des E.T.A.-Hoffmann-Gymnasiums Bamberg


"Das kann doch nicht sein": Kommentar von Leo Bär, Thomas Stahl und Vincent Bergmann, Klasse 8e des E.T.A.-Hoffmann-Gymnasiums Bamberg

Dies denken sich viele Leute, wenn sie in den Nachrichten hören, dass eine Person fast stirbt, weil Gaffer und Schaulustige die Einsatzkräfte behindern. Und nur, um für die sozialen Netzwerke ein gutes Video zu bekommen. Leider kommt es mittlerweile ständig vor, dass wenn Rettungskräfte zum Einsatzort kommen und versuchen wollen, dem Verletzten zu helfen, zu diesem aber nicht durchkommen, da Gaffer und Schaulustige sie behindern.
Wir sind der Meinung, dass wenn es um das Leben eines Menschen geht es egal ist, wie viele Aufrufe und Likes man in Sozialen Netzwerken hätte bekommen können, denn ein Menschenleben ist absolut nicht mit so etwas zu vergleichen.


"Bald ist das Handy weg" - Interview mit dem Bamberger Richter Nino Goldbeck

Nicht helfen ist das eine - gaffen und Helfer behindern das andere. Was passiert eigentlich, wenn man filmt, statt einzugreifen? Dazu haben wir den Bamberger Richter Nino Goldbeck interviewt.

Warum gaffen Ihrer Meinung nach so viele Menschen?
Nino Goldbeck: Ich glaube, dass es in der Natur des Menschen liegt, immer alles erfahren und über alles Bescheid wissen zu wollen.

Sind die aktuellen Gesetze ausreichend, um das Gaffen bundesweit abzusenken?
Die aktuellen Strafen sind zwar angemessen, bei weitem aber nicht ausreichend, dass das Gaffen dadurch drastisch absinken würde. Aber es wird derzeit ein Gesetzesentwurf entwickelt, der es der Polizei künftig schon beim Zücken des Smartphones erlaubt, den Gaffern dieses sofort abzunehmen. Diese "Strafe" wird für viele eine noch abschreckendere Wirkung haben.
Das Interview führte Linus, Klasse 8e des E.T.A.-Hoffmann-Gymnasiums BambergWussten Sie, dass?


Auszug aus dem Strafgesetzbuch zu unterlassener Hilfeleistung und zu Gaffern


Unterlassene Hilfe: Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

Helfer behindern: Ebenso wird bestraft, wer in diesen Situationen eine Person behindert, die einem Dritten Hilfe leistet oder leisten will.