Uff. Mara ist froh, dass sie nicht die Luft anhalten muss. Ihr Wollkleid passt ganz genau. Nicht zu weit, nicht zu eng. Die Sechsjährige aus Bamberg schielt zu der Dame hinüber, der man gerade in ein Kleid hilft, das am Rücken mit Schnüren fest zugezogen wird. Mara ist schon bei der Jacke. Ein dunkelbrauner Janker mit einer Schleife vorne. Schaut eigentlich ganz gut aus. Kratzen tut auch nichts. Nur die Strumpfhose - dunkelgrau - die ist viel zu groß. Und die Schuhe... Ob sie damit die drei Stunden Dreharbeiten durchhält?

Mit der Mutter zur Kostümprobe

"Was hast du denn für eine Größe?", fragt die Dame mit dem Wiener Schmäh, die zwischen hunderten von Kleidern, Hosen, Mänteln und Brustpanzern im ehemaligen Domherrenhof hin- und hersaust, Mara. Zielsicher holt sie dem Mädchen - und all den anderen kleinen und großen Leuten, die in die Bamberger Karolinenstraße einbestellt wurden, das Outfit von den Kleiderstangen. Mara schaut zu ihrer Mutter. "Du wolltest ja berühmt werden!", sagt die und lacht. Mara grinst. Denn auch wenn der Vorschlag, bei einem Film mitzuspielen, von ihrer Mutter kam - überreden musste sie sie nicht. Kein Sekündchen.
"Ich gucke immer Yakari", berichtet Mara über ihre bisherigen TV-Erfahrungen. Und manchmal auch "Logo", schiebt sie hinterher. So einen richtigen Spielfilm, einen für Erwachsene, hat sie noch nie gesehen. Und erst recht nicht darin mitgespielt. Aber als frischgebackene Erstklässlerin ist man mutig. Und neugierig.
"Und wenn dann auch noch in Bamberg gedreht wird", sagt Maras Mutter Evelyn fast schon entschuldigend. "Ich wollte ihr diese außergewöhnliche Erfahrung nicht vorenthalten." Sie selbst habe sich auch um eine Komparsenrolle beworben. "Ich bin aber leider nicht genommen worden!" Casting-Pech.
Ein bisschen hat Evelyn ihrer Tochter schon von dem Film erzählt. Um was es darin geht. Draußen an der Tür des Gebäudes hängt ein Schild, darauf der Arbeitstitel "Die Seelen im Feuer". Die deutsch-österreichische Produktion basiert auf einem gleichnamigen Roman der Nürnberger Historikerin Sabine Weigand und spielt in der Zeit der Hexenverfolgung.
Sabine Weigand war auch schon zu einer Autorenlesung in Zeil am Main zu Gast. Schließlich ist Zeil ein Zentrum der Hexenverfolgung im Hochstift Bamberg gewesen. Hier haben die Bamberger Gericht gehalten und Menschen auf Scheiterhaufen verbrannt. Und hier gibt es auch ein Tagebuch des damaligen Bürgermeister Johann Langhans, der die Hexenverfolgung dokumentierte und schließlich, wie sein Tagebuch dramatisch zeigt - selbst ein Opfer von ihr wurde.

Hexendokumentationszentrum

Zeil hat der Geschehnisse gedacht, indem die Stadt ein Hexendokumentationszentrum am Stadtturm einrichtete. Hier ist sogar noch der Raum erhalten, in dem die armen Menschen bis zu ihrer Hinrichtung eingesperrt worden waren.
Sabine Weigands Geschichte spielt zum Ende der Hexenverfolgung hin in der Zeit um 1630. Gedreht wird der ZDF-Fernsehfilm in Niederösterreich, Wien und Anfang Oktober eben auch in Bamberg. Ob die Filmer einmal in Zeil vorbeischauen werden? Wohl eher nicht.
Denn Bamberg bietet schon eine schöne, auch authentische Filmkulisse. In mehreren Verfolgungswellen wurden im damaligen Hochstift Bamberg zwischen den Jahren 1612 und 1630 mindestens 880 Frauen, Männer und auch Kinder als Hexen hingerichtet; die Hälfte davon in Zeil. Bamberg war Hochburg der europaweiten Hexenverbrennung. Ein grausiges Kapitel der Geschichte. Ein Stoff, der nicht für Yakari-Gucker taugt. "Klar werde ich mit meiner Tochter auch darüber sprechen, was damals los war. Aber auch nicht zu viel. Wir werden uns gemeinsam ganz behutsam und wohl eher sehr begrenzt dem Thema nähern. Vor allem werde ich ihr den Unterschied zwischen Realität und Film erklären", sagt Evelyn.

Maximal fünf Stunden Drehzeit

Zudem vertraue sie der Produktionsfirma. Die müssten strenge Auflagen erfüllen, die bei Filmarbeiten gelten, in denen Kinder mitspielen. "Kinder dürfen zum Beispiel auch nicht so lange drehen wie Erwachsene, maximal fünf Stunden", weiß Maras Mutter. Wird Mara den Spielfilm überhaupt anschauen dürfen? "Nein!", sagt Evelyn, um dann nach einer längeren Pause nachzuschieben: "Höchstens die Szenen, in denen Mara mitspielt - vorausgesetzt, da passiert nichts zu Dramatisches oder Brutales."
Mara schwirrt in die Maske ab. Mal schauen, ob man die kleinen Blessuren in ihrem Gesicht - ein Andenken vom Sturz im Pausenhof heute früh - zukleistert. Fehlanzeige. Die Visagistin fährt Mara ein paar Mal durch die blonden Haare, dreht sie und fotografiert sie. Mit einem Zettel in der Hand. Darauf steht eine Nummer, Maras Name und unten "Johanna Klein". Wer das ist? Mara findet den Namen jedenfalls schon mal ganz hübsch.
Johanna Klein, gespielt von Silke Bodenbender, ist eine der Hauptfiguren. Es ist die Frau, die mit ihrer Jugendliebe Cornelius, alias Mark Waschke, in den Bannkreis von Denunziation, Verhaftung und Hinrichtung gerät. "Wir sind noch auf der Suche nach einem Mädchen, das unserer Hauptdarstellerin ähnlich sieht. Das sie als Kind darstellen könnte", sagt Regieassistentin Alexandra Ortmair, während sie sich durch die Listen der Komparsen kämpft. 71 Menschen wurden nach dem Casting in den Domherrenhof eingeladen. Ob Mara die Rolle bekommt, steht in den Sternen. Allein bei dieser Kostümprobe wurden acht Mädchen eingekleidet, die dafür in Frage kämen. "Morgen sind es nochmal zwölf", zählt Alexandra Ortmair ab. Jungs würde man aber auch noch suchen, sagt sie. Und vor allem fünf Frauen, die bereit wären, sich ihre Haare abschneiden zu lassen.
Haare abschneiden? Dagegen hätte Mara etwas.