Nicht nur bei PISA-Tests geht es für Deutschland Schritt für Schritt bergauf. Wenn sich Deutschlands Schüler auch im Ländervergleich der 9. Klassen durch die Bank verbessern, dann lässt das im Bildungsföderalismus schon mal aufhorchen.
Deshalb hob die Kultusministerkonferenz (KMK) diesen Erfolg - "enorme Fortschritte" im Fach Englisch bei den Neuntklässlern von Flensburg bis Passau - am Freitag auch gebührend hervor. Doch woanders sieht es weniger glanzvoll aus im deutschen Bildungssystem. Wichtige Erkenntnisse aus dem 544-seitigen Report des Berliner Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB):

1. Wie fiel der Ländervergleich zur Bildung im Detail aus?
Der "IQB-Bildungstrend 2015" zeigt, dass das streng leistungsorientierte Bundesland Bayern an der Spitze bleibt. Mit Spitzenwerten in Deutsch und Englisch haben bayerische Neuntklässler abgeschnitten. In zwei der fünf Untersuchungsbereiche (Orthografie Deutsch und Leseverstehen Englisch) belegen sie gar den ersten Rang, in zwei Punkten (Zuhören Deutsch und Hörverstehen Englisch) den zweiten Platz, und einmal landen sie auf dem dritten (Lesen Deutsch).
Dramatisch wirkt der Absturz Baden-Württembergs in der Tabelle - dafür werden von manchen Experten grün-rote Schulexperimente verantwortlich gemacht. Das Flächenland Nordrhein-Westfalen schwächelt weiter, die Stadtstaaten Bremen und Berlin mit vielen Migrantenkindern tragen immer noch die Rote Laterne.

2.Wo gab es Überraschungen ?
Ausreißer mit guten Platzierungen im Ranking schafften die Ost-Länder (Lesekompetenz Deutsch), das Saarland und Rheinland-Pfalz (Rechtschreibung Deutsch), Mecklenburg-Vorpommern und Hessen (Leseverständnis Englisch) und Hamburg (Hörverständnis Englisch). Dass Sachsen bei der Lesekompetenz im Fach Deutsch so klar vor den anderen Ländern rangiert war nicht zu erwarten. In Baden-Württemberg ging der Anteil der Schüler, die in Deutsch den Regelstandard erreichten, "signifikant zurück".

3. In Englisch sind Erfolge zu verzeichnen?
Flächendeckend in Deutschland, aber insbesondere in den Ost-Ländern wurden in Englisch "große Fortschritte im Vergleich zu 2009 erzielt", hebt die KMK hervor. Auch wenn sich der Trend in manchem Tabellenranking nicht so deutlich niederschlägt - dies ist nach gut 25 Jahren der Deutschen Einheit ein pädagogischer Erfolg. Das schwache Abschneiden der Ost-Schüler in der Fremdsprache wurde gern auf die unterentwickelte Bedeutung des Englischunterrichts in der DDR und den Mangel an guten Lehrern zurückgeführt. Nun weist IQB-Chefin Petra Stanat arauf hin, dass Ost-Länder ihre Englischlehrer zur Weiterbildung nach Kanada schicken. Bundesweit erreichen gut 40 Prozent ein Jahr vor dem Mittleren Schulabschluss die Regelstandards.

4. Bei der Rechtschreibung stimmt die Richtung?
Als positiv heben die Bildungsminister hervor, dass bundesweit zwei von drei Schülern der 9. Klassen die Regelstandards in deutscher Orthografie schon ein Jahr vor dem Mittleren Schulabschluss schaffen. Zwar sei bundesweit der Anteil kompetenter Schüler im Bereich Rechtschreibung lediglich "stabil geblieben" - doch einige Länder zeigten hier positive Trends, etwa Hamburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

5. Wo gibt es Nachholbedarf bei der Integration?
Der beschämend enge Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland ist seit dem "PISA-Schock" vor 15 Jahren ein Mega-Thema der Schulpolitik.
Die KMK redet nicht drum herum: Es bleibe "eine wichtige Aufgabe", auf diesem Feld voranzukommen. Im Deutsch-Kompetenzbereich Lesen seien freilich die auf sozialen Hintergründen basierenden Unterschiede "bundesweit signifikant verringert" worden. Auch sei die Differenz zwischen Schülern mit und ohne zugewanderten Eltern im Fach Englisch kleiner geworden. Alles in allem fühlen sich die meisten Schüler in ihrer Klasse wohl: "Die Ergebnisse zeigen, dass das Zugehörigkeitsgefühl insgesamt hoch ausgeprägt ist" - dies gelte für Schüler mit und ohne Migrationshintergrund.

6. Schulreformen bleiben wohl ein Streitthema?
Baden-Württembergs Bildungs-Flop führt im Land selbst bereits zu hitzigen Debatten über ein Herumdoktern am Schulsystem. IQB-Leiterin Stanat sagt, grundsätzlich brächten Strukturreformen Unruhe ins System.
"Man muss schon sehr, sehr gute Gründe haben, um eine Schulstruktur anzufassen." Für das "Ländle" gehe die Tendenz bei Bildungstests freilich schon längere Zeit nach unten.Deshalb habe sie große Zweifel, dass die vor Ort so umstrittene Einführung der Gemeinschaftsschule Hauptgrund für den aktuellen Ranking-Einbruch ist. Hamburgs SPD-Schulsenator Ties Rabe meinte, es sei schwierig für Lehrer, sich auf ihren Unterricht zu konzentrieren, wenn ständig die Schulen umgebaut würden. Auch Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) warb für "Systemkonstanz" - Verlässlichkeit sei in der Bildung sehr wichtig.

Diesen Artikel hat Werner Herpell von der Deutschen Presse-Agentur verfasst