7.30 Uhr. Montagmorgen. Schon wieder. Laura schnappt sich ihren Schulrucksack, öffnet die Haustür und marschiert los. Noch vor der ersten Straßenecke stöpselt sie sich ihre Kopfhörer in die  Ohren. Laura gibt sich die volle Dröhnung – und kommt mit wummerndem Herzen und Beat im Blut in der Schule an. Glück gehabt. Glück?

 2497 Unfälle in Bamberg

Glück, dass sie nicht von einem Auto erfasst wurde, das sie beim Überqueren der Straße einfach nicht wahrgenommen hat. Glück, dass der Radfahrer, dessen Klingel sie überhört hat, noch ausweichen konnte. Glück,  dass sie keinen Unfall verursacht hat. Dass ihr nichts passiert ist.
„Allein in Bamberg ereigneten sich im vergangenen Jahr 2497 Unfälle“,  berichtet Polizeihauptkommissarin Ines Schellmann, Verkehrssachbearbeiterin bei der Polizeiinspektion Bamberg-Stadt. Wie viele davon auf lautes Musikhören im Straßenverkehr zurückzuführen seien, kann sie allerdings nicht sagen. Denn es gibt darüber keine Statistik. Nicht für Bamberg, nicht für Bayern, nicht für Deutschland. Wie auch? Es  ist kaum nachweisbar, dass ein Mensch einen Unfall verursacht  hat, weil er zu laut Musik gehört hat.
Und dennoch gibt es  schreckliche Fälle. Wie der eines jungen Mannes, der am 13. Januar dieses Jahres  die Landsberger Allee in Berlin überqueren wollte und das Warnsignal der herannahenden Tram nicht hörte. Der 20-Jährige wurde von der Bahn erfasst, schlug mit dem Kopf gegen die Frontscheibe und wurde schwer verletzt. Ersten Ermittlungen zufolge war die laute Musik aus seinem Kopfhörer schuld an diesem Unfall, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt.

Kein generelles Verbot

Sind das wirklich nur Einzelfälle? Fakt ist: Musik im Straßenverkehr zu hören, ist zwar nicht verboten, selbst riesige Boxen im Kofferraum sind es nicht, so die Polizeihauptkommissarin. Aber: „Das Gehör darf durch die Musik im Straßenverkehr nicht beeinträchtigt werden“, klärt sie auf.  Hintergrund ist Paragraf 1 und Paragraf 23 der Straßenverkehrsordnung. In Paragraf 1 heißt es:
„Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“ Und weiter: „Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.“
Paragraf 23, Absatz 1 sagt: „Der Fahrzeugführer ist dafür verantwortlich, dass seine Sicht und das Gehör nicht durch die Besetzung, Tiere, die Ladung, Geräte oder den Zustand des Fahrzeugs beeinträchtigt werden.“
Deshalb kann ertappten Musik-Freaks auch durchaus eine Strafe drohen: „Wenn man zum Beispiel als Fahrradfahrer  erwischt wird, muss  man  zehn Euro zahlen!“, so Hauptkommissarin Ines Schellmann.  Nichtsdestotrotz hören 67 Prozent  aller Jugendlichen zwischen zwölf und 16 Jahren, die an einer Umfrage in der Graf-Stauffenberg-Realschule teilgenommen haben,  Musik, wenn sie unterwegs sind. Und einige von ihnen geben sogar zu, so laut aufzudrehen, dass sie nicht mehr hören, was um sie herum passiert.

Was sagen die Versicherer?

Wer beide Stöpsel im Ohr hat, gefährdet unter Umständen den Straßenverkehr aber sogar vorsätzlich.  Das heißt: Im Falle eines Unfalles könnte die Versicherung sich das Geld vom Unfallverursacher wieder zurückholen, wie André Kleilein, Versicherungsexperte aus Bamberg,  erklärt.  Das gelte für Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen. Wer dagegen „nur“ im Auto laute Musik aus dem Lautsprecher  hört, handelt  seines Erachtens fahrlässig oder  grob fahrlässig. In solchen Fällen zahlen Versicherungen.
Es gibt aber auch Leute, die  behaupten, Musik im Straßenverkehr  habe einen  positiven Einfluss auf den Fahrer und seinen Fahrstil. Ist da etwas dran?
Günther Rötter, Musikwissenschaftler der Technischen Universität  Dortmund, hat herausgefunden, dass Musik durchaus die Aufmerksamkeit steigern kann. Wenn man zum Beispiel auf einer  Autobahn immer nur geradeaus fahren muss. Im Stadtverkehr, wenn viel los ist, lenkt Musik allerdings eher ab. Das Unfallrisiko steigt. Zu diesem Ergebnis kam er, nachdem er 1600 Fahrer in einem Fahrsimulator getestet hatte. Die Ergebnisse wurden in vielen Online-Magazinen  veröffentlicht.
Eine gute Nachricht gibt es zum Schluss für Heavy-Metal-Fans: Die weit  verbreitete Meinung, diese Musik mache im Auto besonders aggressiv, stimmt nicht. Zumindest konnte  der Musikprofessor keinen Zusammenhang  zwischen Musikart und Unfallrisiko feststellen.  Allerdings gibt es einen Zusammenhang zwischen Unfallrisiko und Lautstärke: Verkehrsteilnehmer, die Musik voll aufdrehen, können nämlich nicht nur ein  Martinshorn überhören. Bei ihnen steigt auch mit der Lautstärke  die Herzschlagfrequenz. Der  Körper, so sagen Ärzte,  schüttet Stresshormone aus.  Also, egal ob  Mozart oder  Metallica:  Im Straßenverkehr sollte man Musik eher leise hören!


Autoren: Erarbeitet von den  Schülern der Klasse 7b der Graf-Stauffenberg-Realschule Bamberg, zusammengefasst von klartext-Redakteurin Brigitte Löffler

Schüler recherchieren
Die Klasse  7b  der  Bamberger  Graf-Stauffenberg-Realschule nimmt am Projekt
„Vorfahrt für sicheres Fahren – Jugend übernimmt Verantwortung“ teil, einer Gemeinschaftsaktion des Deutschen Verkehrssicherheitsrats e. V., der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, der Initiative „Kavalier der Straße“, des Izop-Instituts und unserer Zeitung.