Jeder Mensch kennt das aus seinem eigenen Leben. Manchmal gibt es Ereignisse, die einen aus der Bahn werfen: Krankheiten, schwierige Lebensumstände, traumatische Erfahrungen. Die verfügbaren Hilfen und die eigenen Fähigkeiten genügen oftmals nicht, diese Krisen zu bewältigen und zu verarbeiten. Es können sogar lebensbedrohliche Situationen entstehen. In der Regel verändern sich diese bedrohlichen Lebensbedingungen wieder. Bei den Bewohnern des Johanna-Kirchner-Hauses in Marktbreit sieht das oft anders aus. Ihr Denken, Fühlen und Verhalten hat sich manifestiert. Jetzt gibt ihnen eine neue Therapieform Hoffnung, sich seelisch zu stabilisieren und persönlich weiter zu entwickeln.

„Der Mensch ist ein komplexes System.“
Franz Bernitzky Einrichtungsleiter

Das Johanna-Kirchner-Haus in Marktbreit ist 2001 eröffnet worden. Hier suchen Menschen mit sehr schweren psychischen Beeinträchtigungen Wege in ein besseres Leben. Borderline-Störungen, Psychosen, Depressionen: Menschen, deren Behandlung in psychiatrischen Kliniken beendet ist, kommen mit diesem Ziel nach Marktbreit. „Zu uns kommen vermehrt junge Menschen“, sagt Franz Bernitzky, der die Einrichtung seit ihrer Eröffnung zusammen mit Ulrike Schürger leitet. Seine Erklärung: Der Druck in der Gesellschaft nimmt zu, Familien brechen immer häufiger auseinander. „Und die jungen Menschen tragen Störungen davon.“ Junge Menschen wie Marie.

Marie ist 23 Jahre jung. Sie kam vor fünf Jahren in die Einrichtung. Borderline. Marie verletzt sich selbst. Vier Jahre verbrachte sie mit besonderem Schutz in einer intensiv betreuten Gruppe. Vor ein paar Monaten konnte sie in die offene Gruppe wechseln. Sie arbeitet intensiv an sich, lernt dazu. Eine neue Therapieform, die auf jeder Menge Daten fußt, hilft ihr dabei. Internetbasiertes Therapie-Monitoring: Hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich eine neue Anwendungsmöglichkeit, die von Prof. Günter Schiepek an der medizinischen Privatuniversität Paracelsus in Salzburg entwickelt wurde. Das Besondere daran: Prof. Schiepek und seine Kollegen haben Erkenntnisse aus der Physik und Mathematik als Grundlage für ihre neue Behandlungsform genommen. „Der Mensch ist ein komplexes System“, sagt Franz Bernitzky. Lineares Denken ist nichts weiter als eine Wunschvorstellung. Immer kommt etwas dazwischen, immer müssen neue Abläufe im Handeln und Denken eingebaut werden. Bei seinen Patienten sind diese Handlungs- und Gedankenstränge noch viel komplexer. Dennoch lässt sich dank statistischer Formeln ein Muster erkennen. An welchen Tagen sind die Betroffenen besonders unzufrieden mit sich? Wann sind sie besonders motiviert? Wann verspüren sie Wut und Ärger? Wann Geduld und Gelassenheit? Abend für Abend füllen die Klienten einen entsprechenden Fragenkatalog aus. 31 Fragen, eingeteilt in sechs Kategorien. Auf einer Skala von 1 bis 7 können sie angeben, wie wohl sie sich heute gefühlt haben, wie viel Liebe sie empfunden haben oder welche Ideen für die Zukunft sie haben. „Nach und nach schält sich ein bestimmtes Muster heraus“, erklärt Bernitzky. Das Eine hängt mit dem Anderen zusammen. Fängt der Tag schlecht an, hat das nicht selten Auswirkungen aufs Selbstbewusstsein, gelingt die Interaktion mit den anderen Patienten, steigt in der Regel das Wohlgefühl.

Alle Daten werden in den PC eingegeben. Alle zwei Wochen schauen sich Therapeuten und Klienten die Kurven auf den dazugehörigen Diagrammen an. Und dann setzt idealerweise ein Wandlungsprozess ein. „Die Leute fangen an, nachzudenken und zu reflektieren“, berichtet Elisa Engel, die das Projekt in den nächsten drei Jahren begleiten wird. Manche Erkenntnisse mögen für die meisten Menschen lapidar klingen. Für Betroffene wie Marie sind sie essenziell, womöglich lebensverändernd. „Sie merkt, dass sie selber Einfluss darauf hat, wie es ihr geht“, erklärt Bernitzk

In den letzten Wochen hat Marie gemerkt, wie sich neue Gedanken in ihrem Kopf bilden, wie sie Fortschritte macht. Früher hat sie sich oft selbst verletzt. „Aus einer inneren Not heraus“, sagt Bernitzky. Jetzt bewertet sie die Dinge und Menschen um sich herum nicht mehr danach, was gut oder schlecht ist. „Sondern danach, was hilfreich oder weniger hilfreich für mich ist“, erklärt sie. Anders ausgedrückt: Früher hat sie immer wieder die Kontrolle über ihre Gedanken verloren.

„Ich kann besser damit

umgehen, wenn sich in meinem Kopf wieder mal etwas verändert.“

Marie, Patientin

Jetzt lernt sie, ihre Gedanken in den Griff zu bekommen. „Ich kann besser damit umgehen, wenn sich in meinem Kopf wieder mal etwas verändert“, erklärt sie.y.

Eine Selbsterkenntnis, mit der Therapeut und Patient arbeiten können. Eine Basis für die weitere Behandlung. Die Erkenntnisse aus dem Internetbasierten Therapie-Monitoring werden in eine spezielle Therapieform übergeführt. „Letztendlich sollen die Menschen lernen, im Hier und Jetzt zu leben“, erklärt Bernitzky. Sie sollen Abstand zu ihren Gedanken gewinnen und Werte entwickeln. „Denn ohne Werte ist man orientierungslos.“ Marie hat ihre eigenen Schlüsse aus dem Training gezogen. Sie will selber aktiv werden, engagiert leben und nicht in ihrer Passivität bleiben.

Auf drei Jahre ist das Projekt zunächst angelegt, gefördert wird es von der Aktion Mensch. Bernitzky ist sicher, dass die neue Therapieform seinen Klienten helfen wird. „Ziel ist, dass alle 60 Mitarbeiter das System verstehen und es umsetzen können“. Ein komplexes Unterfangen. Aber mit komplexen Herausforderungen kennen sie sich im Johanna–Kirchner-Haus aus.

Johanna-Kirchner-Haus

Geschichte: Vor 18 Jahren wurde das Johanna-Kirchner-Haus in Marktbreit eröffnet.

Mitarbeiter: 60 Menschen, vom Therapeuten über den Sozialpädagogen bis hin zum Hausmeister sind dort beschäftigt.

Bewohner: 44 Menschen leben in der Einrichtung. Darüber hinaus gibt es 40 Wohnungen außerhalb, in der diejenigen Klienten leben, die sich weitestgehend stabilisiert haben. Im Haus gibt es drei Werkstätten.

Neubau: In diesen Tagen startet der Umbau und Neubau der Einrichtung. Zehn neue Räume entstehen.