Helene Lamparter kann es auch zwei Wochen später noch nicht fassen. Von ihrem Wohnzimmerfenster aus hat sie die Jäger beobachtet, wie sie ihre Gewehre angelegt haben. Und zwei Schwäne erschossen.

Am 13. Januar haben sich entlang des Mains etwa 150 bis 200 Jäger daran gemacht, die Population der Nilgänse und anderer Vögel zu reduzieren. Von Marktbreit bis Fahr waren die Jäger an diesem Vormittag unterwegs. Wie viele Tiere genau geschossen worden sind, kann der Vorsitzende der Kreisgruppe Kitzingen im Bayerischen Jagdverband, Dr. Klaus Damme, nicht sagen. Noch fehlen die Angaben aus einigen Revieren. Von 40 Nilgänsen und zehn Kormoranen weiß er sicher. Ein paar Enten und Blesshühner sind sicher auch geschossen worden. Und ein paar Schwäne.

Im Landratsamt waren Wochen vorher Vertreter von Naturschutz, Veterinäramt, Gesundheitsamt, Jägern und Landwirten übereingekommen, dass die Nilgans eine Bedrohung für die Gemüsebauern und die Landwirte darstellt. Die Tiere fressen nicht nur die Ernte ab. Ihre Hinterlassenschaften sind gerade für die Gemüsebauern ein Problem.

Die Schonzeit in den Revieren am Main wurde daraufhin bis zum 20. Februar aufgehoben. Auch von der Unteren Naturschutzbehörde kam ein klares Signal: „Die Nilgans ist keine geschützte Art, es besteht kein Interesse daran, dass sie sich immer stärker verbreitet und unsere heimischen Vögel verdrängt“, hieß es. Selbst Klaus Petter vom Bund Naturschutz zeigt Verständnis für die Aktion. „Der Beschuss hat sich aufgedrängt“, sagt er. Die Nilgänse seien nicht nur verantwortlich für einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden, sondern verhielten sich auch noch aggressiv gegenüber einheimischen Tierarten. „Im Umkreis von hundert Metern um ihre Nistgebiete tut sich nichts mehr.“

Grünes Licht also für eine „konzertierte Aktion“, wie es in einer Pressemitteilung des Amtes hieß. Die gemeinsam organisierte Aktion fand am 13. Januar statt. Unter anderem direkt vor Helene Lamparters Haus.

„Es knallte vom Main aus“, erinnert sie sich. „Zuerst dachte ich, es seien Feuerwerkskörper.“ Weit gefehlt. Die 82-Jährige, die seit mehr als 50 Jahren in dem Haus mit Blick auf den Main und die Weinberge Mainstockheims wohnt, traute ihren Ohren nicht, als ihr Mann sagte: „Die schießen die Schwäne ab.“ Helene Lamparter saß gerade beim Frühstück. Sie zog sich schnell einen Mantel über und ging Richtung Fähre. Vier Jäger hat sie im Boot entdeckt. Ein Schwan trieb bereits tot im Wasser, ein anderer lag schon im Boot. „Der Kopf hing über Bord.“ Helene Lamparter zeigte den Jägern die Faust und ging zurück ins Haus. Sie rief beim Tierschutz an, ohne jemanden zu erreichen, schaltete die Polizei ein, die ihr von der konzertierten Aktion berichtete – und wandte sich schließlich an die Presse.

Klaus Damme weiß um die emotionale Verbindung von Mensch und Schwan. Er weiß aber auch, dass die Jäger nicht gegen das Gesetz verstoßen haben. Bis zum 15. Januar dürfen die meisten Gänse- und Entenarten bejagt werden – und eben auch Schwäne. Deren Population mache den Landwirten zwar lange nicht so viel Ärger wie die Kolonien von Nilgänsen, die vor allem im Hörblacher Bereich ihre Nistplätze gefunden haben – dennoch habe er auch schon von Schwänen gehört, die sich an den Getreidefeldern gütlich tun. Vor ein paar Jahren seien Schwäne im Stadtgebiet Kitzingen geschossen worden, weil sich ihre Zahl sehr vermehrt hatte und sie die Treppenstufen am Ufer ständig verdreckt hatten.

Klaus Petter kann sich an diese Zeiten auch noch erinnern. Er weiß auch, dass Schwäne laut Jagdrecht geschossen werden dürfen. Dennoch appelliert er an das Fingerspitzengefühl der Jagdpächter. Schwäne seien friedliche Tiere, würden keinen volkswirtschaftlichen Schaden verursachen und das Landschaftsbild bereichern.

Helene Lamparter kann Letzterem nur zustimmen. Zwei bis fünf Schwäne hat sie Jahr für Jahr von ihrem Grundstück aus am Main gesehen. Ein paar Tage nach der „konzertierten Aktion“ sei es am Flusslauf auffällig ruhig gewesen. Erst vor kurzem habe sie wieder zwei Schwäne gesehen. Ihren Ärger hat sie noch lange nicht überwunden. Drei Tage lang hatte sie richtig Magenschmerzen. Auch heute noch wünscht sie den Verantwortlichen „tausend schlaflose Nächte. Und dass sie immer von Knallgeräuschen aufschrecken.“