„Diese Frage muss unsere Gesellschaft bewegen“, meinte Guido Kreppold. Und keiner wollte ihm widersprechen. Die Zukunft der Klöster und der Kirche bewegte zumindest alle Zuhörer in der Münsterschwarzacher Buchhandlung im Klosterhof. Der Kapuzinerpater stellte dort sein Buch mit dem provokanten Titel „Die Verwaltung des Untergangs. Keine Hoffnung für Klöster und Kirchen?“ vor.

Kreppold zeichnete ein düsteres Bild der Gegenwart: Der Glaube verdunstet, die Kirche wird bedeutungslos. „Die Leute laufen uns in Scharen davon“, sagte er. Die Zahlen bestätigen das. Nur noch 55 Prozent der Bevölkerung gehörte Ende 2016 einer der beiden großen Kirchen an. Vor sieben Jahren waren es noch 62 Prozent. Längst seien die Zeiten vorbei, da Kirchenaustritte noch ein soziales Tabu darstellten. „Die geistige Strömung der Zeit geht an der Kirche vorbei“, stellte Kreppold fest. Und wie reagiert die Theologie? „Die ist völlig ratlos.“

Keine Hoffnung? Schwester Else von der Communität Casteller Ring wollte das nach der Buchvorstellung nicht so stehen lassen. „Unsere Gemeinschaft wird nicht aussterben“, meinte sie. 32 Schwestern leben derzeit auf dem Schwanberg. Immer wieder gebe es Neueintritte, auch wenn deren Zahl übersichtlich sei. „Wir wissen, dass wir kleiner werden“, meinte Schwester Martina. „Aber auf absehbare Zeit machen wir uns keine Sorgen.“

Sorgen macht sich auch die Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen, Dr. Katharina Ganz, nicht. Auch wenn im Schnitt nur alle eineinhalb Jahre eine Novizin in den Orden eintritt. „Diese Entwicklung schreckt mich gar nicht“, sagt sie. Warum? Weil der außergewöhnliche Boom an Ordenseintritten Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts nun mal vorbei sei. Soziale und private Beweggründe seien damals für die massenhaften Eintritte – vor allem von Frauen – verantwortlich gewesen. Zum Glück gebe es die Not von damals nicht mehr. Wer jetzt in einen Orden eintritt, der tue das aus „vollem Herzen“. Die Masse sei dabei nicht entscheidend. Es komme viel mehr auf die Motivation an.

Laut Guido Kreppold habe sich die Kirche in den letzten Jahrzehnten zu sehr auf die Vernunft, das Bewusstsein und den Willen berufen. „Sie hat verlernt, mit Gefühlen umzugehen.“ Die Folge: Die Kirche erreicht immer weniger Menschen – obwohl die nach wie vor in großer Zahl spirituellen Beistand suchten. Das zeige sich vor allem in besonders emotionalen Momenten wie Geburt (Taufe), Hochzeit oder Tod. „Wo Menschen zutiefst ergriffen sind, da ist die Spur Gottes“, meinte Kreppold. „Und in diesen Augenblicken liegt die Chance der Kirche. Da müssen wir die Menschen ansprechen.“

Die richtige Ansprache will jedoch gelernt sein – die Worte müssten vom Herzen und nicht vom Verstand gesteuert sein. Kirchenvertreter müssten deshalb wieder lernen, selbst Gefühle zuzulassen, sich betreffen zu lassen, zuzuhören. Sie müssten ihre Gesprächspartner ernst nehmen. Nur so sei das spirituelle Niveau der ersten Christen wieder erreichbar. „Die waren erleuchtet“, erinnert Kreppold. Weil sie eine Nähe zur Schöpfung und zu ihren Mitmenschen hatten. „Und genau da müssen wir wieder hinkommen.“

„Pfarrgemeinschaften zu vergrößern, bringt gar nichts. Wir müssen die Kraft des Ursprungs

wieder wecken.“

Guido Kreppold, Autor und Kapuzinerpater

Kreppold sparte nicht mit Kritik an der Institution Kirche: Sie sei nicht fähig, auf die Sorgen der Menschen von heute einzugehen. Es gelinge ihr nicht, den Menschen einen Raum der Geborgenheit zu geben. „Die Leute gehen dahin, wo etwas geboten wird“, meinte er. Es gebe sehr wohl christliche Kreise, die wieder eine spirituelle Kraft entwickeln. Als Beispiel nannte er den Benediktushof von Willigis Jäger im Landkreis Würzburg. Die Strukturreformen der katholischen Kirche seien dagegen der falsche Weg. „Pfarrgemeinschaften zu vergrößern, bringt gar nichts“, betonte er. „Wir müssen die Kraft des Ursprungs wieder wecken.“

Viele Priester seien dahingehend überfordert, ihnen fehle die Bereitschaft, sich der eigenen Not zu stellen und sie zu bearbeiten. Vielerorts fehle die innere Entwicklung und Reife. Kreppold bedauert eine viel zu geringe Bereitschaft, die Probleme der Gegenwart anzuschauen und anzugehen. Es brauche eine kritische Reflexion. Im Mittelpunkt des Handelns müsse immer die Frage stehen: Inwieweit dient das Handeln der Liebe? Denn der christliche Auftrag laute nach wie vor, die Liebe Gottes zu verkünden, die Menschen dahin zu führen, dass Liebe gelingen kann. Die Aufgabe der Kirche ist für ihn deshalb zeitlos: Die Angst überwinden, Freude und Hoffnung mehren.

Wie das gelingen kann? Kreppold ruft seine Brüder und Schwestern dazu auf, ihre alten Ideale neu zu überdenken. Seine Überzeugung: Schlagwörter wie Demut, Gehorsam oder Gemeinschaft würden die modernen Menschen eher abschrecken als anlocken. „Die christliche Botschaft besteht nicht nur aus Verzicht“, betonte er. „Nur wenn es mir selber gut geht, kann ich auch andere Menschen glücklich machen.“ Kreppold ermutigte alle Interessenten an einem Leben im Orden, zunächst intensiv ihr Innerstes zu erkunden – und erhielt Bestätigung von den Zuhörern. Der Weg nach Innen, die Erkundung der Gefühlswelt, spiele im Theologiestudium kaume eine Rolle, bedauerte ein anwesender Benediktinerpartner. „Wir werden 20 Jahre im Intellekt geschult, aber nicht im Umgang mit Gefühlen“, bedauerte auch Kreppold und konstatierte: „Die emotionale Bildung hinkt gegenüber der intellektuellen Bildung hinterher.“