Landkreis Kt Sie sind jung, sie sind motiviert – und sie wollen etwas verändern. Katharina Flammer und Luisa Tischler sind die neuen Ansprechpartner für Junglehrer beim BLLV im Kreis Kitzingen.

Wozu braucht es extra Ansprechpartner für junge Lehrer?

Tischler: Wer noch im Referendariat steckt oder ganz am Anfang seiner Berufslaufbahn, der hat andere Sorgen und Sichtweisen als die erfahrenen Kollegen.

Flammer: Diese Anregungen wollen wir sammeln und weitergeben.

An wen?

Flammer: Ans Schulamt, an die Regierung von Unterfranken, an die weiterführenden Gremien im BLLV.

Tischler: Wir sehen uns als Bindeglied und Vermittler.

Welche Sorgen treiben junge Lehrer denn um?

Flammer: Vor allem die Inklusion. Die halte ich grundsätzlich für eine super Idee. Aber wir sind dafür nicht wirklich ausgebildet worden.

Tischler: Um jedem Kind gerecht zu werden, fehlen den Lehrern die nötigen Mittel in Form von sonderpädagogisch ausgebildetem Personal.

Flammer: Bereits im Studium hat man wenig von Inklusion mitgekriegt.

Ist die Inklusion denn tatsächlich so prägend im Schulalltag?

Flammer: Es gibt Klassen, in denen 15 bis 20 Prozent der Kinder sozioemotional belastet sind.

Tischler: Da gibt es mitunter auch schwerwiegende Fälle, die sich auf die gesamte Klassengemeinschaft auswirken können.

Und darauf werden die jungen Lehrer nicht ausreichend vorbereitet?

Flammer: Leider nicht. Sie fragen sich, an wen sie sich wenden können, wenn ein Kind auffällig ist. Oder was dann zu tun ist. Das sind Fragen, die im Unterricht essenziell sind, aber die im Studium nicht beantwortet werden.

Welche Schulnote würden Sie Ihrem Studium geben?

Flammer: Eine 4. Ich bin jedenfalls nicht zielführend auf meinen Berufsalltag vorbereitet worden.

Tischler: Die Praxis fehlt, nach dem Studium hatte ich kaum eine Ahnung, wie ein Alltag als Lehrer aussieht. Ein Praktikumssemester, wie es in Niedersachsen angeboten wird, wäre hilfreich.

Wie sehen Ihre Lösungsvorschläge aus?

Tischler: In Sachen Inklusion brauchen die Schulen einfach mehr ausgebildetes Personal.

Flammer: Fachkräfte wie Sozialpädagogen. Als Lehrer kommt man da schnell an seinen Grenzen.

Welche Veränderungen wünschen sich Ihre jungen Kollegen noch fürs Studium?

Flammer: Wir müssten auf jeden Fall mehr eingebunden werden in den Schulalltag. Ein Jahr lang den Unterricht in einem Fach übernehmen. Das würde uns helfen und den Klassenlehrern auch.

Nach vier bis fünf Jahren Studium geht es für die meisten Studenten nach Oberbayern.

Tischler: Ob sie wollen oder nicht. Auch so ein Ding. Viele haben richtig Versetzungsangst. Nach diesem Schuljahr werden etwa 50 Prozent der Referendare nach Oberbayern geschickt. Das sind dieses Jahr in etwa 120 Lehrkräfte.

Flammer: Viele müssen in die Landeshauptstadt. Innerhalb von vier bis fünf Wochen müssen sie dort eine Wohnung finden.

Tischler: Was nicht beachtet wird: Eine langjährige Beziehung hat keinen Einfluss auf das Vergabeverfahren, im Gegensatz zu einer Heirat nach zwei Jahren Beziehung. Natürlich ist es verfassungskonform, da in Bayern der Schutz der Ehe einen hohen Stellenwert hat und diese Entscheidung jeder für sich treffen muss. Dennoch entsteht für diejenigen ein Nachteil, die für sich beschlossen haben, erst später oder gar nicht heiraten zu wollen.

Welche Sorgen treiben Ihre Kollegen noch um?

Tischler: Als ungerecht werden auch die Prüfungsbedingungen empfunden. In manchen Schulen gibt es die modernsten Lehrmittel, in anderen werden die Folien noch auf Overheadprojektoren gelegt. Das kann man den Prüflingen aber nicht zum Vorwurf machen.

Noch eine Anregung ans Kultusministerium?

Flammer: Ich würde mir einen Pool wünschen, in dem Lehrer ihre Arbeitsmaterialien zur Verfügung stellen. Jeder muss das Rad neu erfinden. Das bindet unnötig Kraft und Energie.

Tischler: Es braucht halt eine digitale Plattform, die nicht so kompliziert ist, wie die bestehende.

Flammer: Eigentlich eine schöne Aufgabe für das Kultusministerium, das ja Digitalisierung anstrebt.

Tischler: Ja, aber da müssten viel mehr Lehrer dabei sein, damit die Entscheidungen praxisnäher getroffen werden.

Was bereitet Ihnen am Beruf Lehrer Freude?

Flammer: Trotz der Anforderungen bin ich überzeugt von meiner Berufswahl. Es ist wunderbar, Beziehungen mit Kindern aufzubauen und über eine längere Zeit zu pflegen.

Tischler: Ansprechpartner für eine Klasse zu sein, ist ganz schön fordernd, aber auch sehr bereichernd. Man ist nicht nur Lehrer, sondern unterstützt oftmals auch emotional und wird für viele Kinder eine wichtige Bezugsperson. Und auch die Arbeit mit den Kollegen im Team macht unglaublich viel Spaß.

Flammer: Für mich ist das Wort Schulfamilie keine Floskel. Da entsteht im besten Sinne tatsächlich ein Zugehörigkeitsgefühl.