Landkreis Kt Den Landwirten reicht es. Sie wollen nicht mehr als Sündenböcke für den Klimawandel und das Insektensterben dastehen. Wilfried Distler und Alois Kraus wehren sich im Namen ihrer Berufskollegen. Und warnen vor den Konsequenzen einer weiteren Entfremdung von Verbrauchern und Erzeugern.

Seit Ende September stehen an vielen Straßen im Freistaat Bayern grüne Kreuze als Mahnmal. Wie ist die Aktion bislang angekommen?

Alois Kraus: Sehr gut. Die Kollegen aus der Landwirtschaft sagen, dass es höchste Zeit für einen solchen sichtbaren Protest war. Und mit den Verbrauchern kommen wir so leichter ins Gespräch, können unsere Sicht der Dinge weitergeben.

Grüne Kreuze alleine werden aber nichts verändern.

Wilfried Distler: Das sehen wir genauso. Wir müssen den Druck aufrecht erhalten. Nachbesserungen beim kürzlich beschlossenen Agrarpaket der Bundesregierung sind dringend notwendig. Sonst werden wir einen einschneidenden und verheerenden Strukturbruch erleben.

Strukturbruch?

Distler: Ja. Eine totale Veränderung innerhalb der Landwirtschaft, die vor allem zu Lasten der kleinen Betriebe gehen wird.

Wieso?

Kraus: Weil sich die großen Betriebe besser auf die immer neuen Anforderungen einstellen können. Nehmen Sie als Beispiel die Gewässerrandstreifen.

Die sollen auf einer Breite von fünf Metern frei von einer Bewirtschaftung gehalten werden, wenn diese Fläche dauerbegrünt ist.

Kraus: Ein kleiner Betrieb braucht aber jede Fläche, die ihm zur Verfügung steht. Gerade wenn er Tiere hält. Wo soll denn das Futter herkommen? Gerade hier, im trockenen Franken.

Distler: Oder nehmen Sie die Düngeverordnung. Um die umzusetzen, müssten viele kleine Betriebe umrüsten. Wissen Sie, was ein großes Güllefass kostet?

Keine Ahnung.

Kraus: 80.000 bis 100.000 Euro. Und da haben Sie noch keinen Schlepper, um die Gülle auf die Felder zu bringen.

Wieso brauche ich denn ein neues Güllefass?

Distler: Weil die Gülle ab 2021 nicht mehr oberflächlich, sondern bodennah oder direkt in den Boden eingebracht werden muss. Dafür muss in die Technik investiert werden.

Aber das betrifft doch nicht alle Landwirte?

Distler: Wie gesagt: Die großen Betriebe können sich solche Investitionen am ehesten leisten. Die kleinen überlegen sich das ganz genau. Wir steuern auf einen Strukturwandel im großen Stil zu. Die Betriebe über 200 Hektar Betriebsgröße wachsen derzeit am stärksten. Genau das wollen die meisten Verbraucher doch eigentlich vermeiden. Aber es braucht halt eine gewisse Größe, um überhaupt noch Gewinn erzielen zu können.

Denken viele Betriebe tatsächlich schon ans Aufhören?

Distler: Ich bekomme wöchentlich Anrufe von Landwirten, die sich überlegen, ob sie weiter machen. Sie arbeiten 70 bis 80 Stunden die Woche, produzieren beste Nahrungsmittel und werden dann noch von Teilen der Gesellschaft diffamiert. Die Stimmung in der kompletten Landwirtschaft ist am Boden.

Kraus: Die Wertschätzung für Lebensmittel ist unserer Gesellschaft abhanden gekommen. Das Auto und der Urlaub sind vielen deutlich wichtiger.

Distler: Kein Wunder: Wir leben im Überfluss. Die Lebensmittel kommen aus dem In- und Ausland in die Ladentheken. Und am Ende des Tages werden viele weggeworfen.

Sie klingen desillusioniert.

Kraus: Immerhin ist die Politik jetzt ein bisschen hellhörig geworden und versucht, unsere Anliegen ernst zu nehmen.

Sie haben der bayerischen Staatsregierung bei der Aufstellung der grünen Kreuze in Prichsenstadt Verrat vorgeworfen.

Kraus: Dabei bleibe ich auch. Was beim Runden Tisch zum Volksbegehren Artenschutz noch Konsens war, ist in Söders Gesetzentwurf nicht mehr aufgetaucht. Der Schutz der Artenvielfalt ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, da geht es auch um Themen wie den Flächenverbrauch. Aber jetzt hört es sich so an, als sei die Landwirtschaft an allem Schuld.

Früher hatten die Landwirte eine starke Lobby.

Distler: Früher gab es auch noch viel mehr Landwirte. Vor 35 Jahren hatten wir in Nenzenheim, wo ich herkomme, noch mehr als 25 Milchviehbetriebe. Jetzt sind es nur noch drei. So ist das überall.

Kraus: Und damit geht auch bei den Verbrauchern Wissen verloren. Was vor 40 Jahren jeder kannte, müssen wir heute erklären.

Tun Sie das?

Kraus: In diesem Punkt müssen wir uns tatsächlich an die eigene Nase fassen. Wir haben nicht darüber geredet, welche Leistungen wir seit vielen Jahren für die Natur erbringen.

Welche denn?

Kraus: Denken Sie an die Blühstreifen oder die ökologischen Vorrangflächen. Seit 2015 werden in verstärktem Maße Zwischenfrüchte angebaut, um die Auswaschung von Nährstoffen aus dem Boden zu verringern. Um der Monokultur etwas entgegenzusetzen, bauen wir mindesten fünf Feldfrüchte an. Und bevor wir die Wiesen mähen, dürfen die Blühpflanzen erst mal abblühen.

Dafür gibt es Geld vom Staat.

Distler: Auch so ein Vorurteil. Es gibt eine Aufwandsentschädigung. Wie der Name schon sagt: Der Aufwand wird entschädigt, aber kein Landwirt macht damit Gewinn.

Erzielen die Landwirte überhaupt noch große Gewinne?

Distler: Es wird zunehmend schwieriger. Auch durch solche Handelsabkommen wie Mercosur. Dass die Verbraucher dagegen nicht Sturm laufen, verstehe ich nicht.

Warum sollten sie?

Distler: Was in Argentinien oder Brasilien produziert wird, entspricht nicht den europäischen Standards. Hier bei uns darf kein gentechnisch verändertes Soja mehr in der Fütterung verwendet werden. Die Rinder in Südamerika aber werden damit gemästet. Spätestens zwei Monate, bevor sie nach Europa verschifft werden, kommen sie in große Gatter, so genannte Feedlots, und werden mit Mais und Soja aufgemästet. Was hier verboten ist, holen wir uns über solche Handelsströme ins Land.

Kraus: Und das Ganze ohne Kennzeichnung. Die meisten Verbraucher wissen doch gar nicht, was sie da einkaufen.

Was tun?

Kraus: Eine deutliche Kennzeichnung einführen. Ob Ampelsystem oder Skala von 1 bis 5. Das Fleisch aus Südamerika müsste da beispielsweise mit einer 0 ausgezeichnet werden. Entspricht nicht den Produktionsstandards in Europa.

Und das soll helfen?

Distler: Das wäre zumindest ein klares Signal. Letztendlich dürfen die Verbraucher vor dem Regal nicht nur auf den Preis schauen, sondern müssen sich auch überlegen, wo die Ware herkommt, unter welchen Bedingungen sie produziert wurde.

Kraus: Der Verbraucher sollte sich so verhalten, wie er argumentiert.

Lesen Sie am Dienstag, welche Zukunftssorgen den Leiter eines Mastschweinebetriebes im Landkreis umtreiben.