Sie haben vieles erlebt. Und eines gelernt: Der Lehrerberuf besteht aus viel mehr als bloßer Wissensvermittlung. „Entscheidend ist die menschliche Beziehung“, sagt Irene Meixner. Wer die Kinder nicht liebt, der könne auch kein guter Lehrer sein.

Irene Meixner und Alfons Goldschmitt sind vor kurzem ausgezeichnet worden. 55 Jahre Mitgliedschaft im BLLV. Nicht zusammen, sondern jeder für sich. Anlass für ein Gespräch: über das Leben als Lehrer. Über die schönen und die weniger schönen Seiten.

Irene Meixner war Grundschullehrerin, erste und zweite Klasse. Die ganz Kleinen hat sie betreut, ein Berufsleben lang. Start war in Kirchschönbach, im Jahr 1963. Die erste, zweite, dritte und vierte Klasse in einem Raum. Etwa 40 Kinder. Kein Drucker, kein PC, keine technischen Hilfsmittel.

„Man muss zu diesem

Beruf berufen sein.“

Irene Meixner, frühere Grundschullehrerin

Nur sie und eine Tafel. Die schrieb Irene Meixner nach Schul-ende, am Nachmittag, mit Aufgaben und Anweisungen voll. Am nächsten Vormittag hatten alle Kinder etwas zu tun. Stillarbeit und Direktunterricht wechselten sich ab. „Das war schon ein logistischer Aufwand“, erinnert sie sich.

Geschlafen hat sie unter der Woche im Pfarrhaus. „Der Pfarrer hat mich freundlicherweise aufgenommen“, erzählt sie. Ein Auto hatte sie damals nicht, ihr damaliger Freund und späterer Ehemann fuhr sie Montagfrüh hin und holte sie Freitagabend wieder ab. Abenteuerliche Zeiten waren das, die nächsten fünf Jahre in Lülsfeld ging es ähnlich weiter. Beispiel Sportunterricht: Eine Turnhalle gab es nicht. Im Winter sprangen die Schüler über die Bänke im Flur oder machten Kreisspiele.

Alfons Goldschmitt denkt trotz mancher Herausforderungen auch sehr gerne an seine Anfangsjahre zurück. Da hatte er teilweise sogar mehr Schüler zu unterrichten als seine Kollegin. In Bad Bocklet und Bad Kissingen begann seine Lehrerlaufbahn mit der Betreuung der Kinder von der ersten bis zur achten Klasse. Sein Glück: Er war als Hilfskraft für den damaligen Seminarleiter eingeteilt. „Das hat mich mein Leben lang geprägt“, sagt er. Der junge Alfons Goldschmitt hat sich vieles abschauen können. Die wichtigste Lektion: „Man kann von den Schülern viel verlangen“, sagt er. „Entscheidend ist allerdings die menschliche Komponente.“ Der heute 76-Jährige hat diese menschliche Komponente am Ende jeden Schuljahres auf ganz eigene Weise mit Leben gefüllt: Jeder Schüler war aufgerufen, den Lehrer zu bewerten. Anonym, schriftlich. „Die Ergebnisse habe ich dann mit den Schülern besprochen“, erzählt er. „Das war sehr lehrreich. Auch für mich. Mir wurde quasi ein Spiegel vorgehalten.“

Irene Meixner nickt bei diesen Worten. „Man muss zu diesem Beruf berufen sein“, sagt sie. Das oberste Gebot laute, die Schüler immer als Menschen zu sehen und zu behandeln. „Wer keine Liebe zu den Kindern entwickeln kann, der kommt in Schwierigkeiten“, warnt sie. „Das wirkt sich früher oder später auf die eigene Psyche aus.“

Alfons Goldschmitt hat bis zu 70 Kinder in seinem Klassenzimmer gehabt. Von sechs bis 15 Jahre reichte die Alterspyramide – von der ersten bis zur achten Klasse. „Geschadet hat das nicht“, versichert er. Und organisieren ließ sich das auch. Alles eine Frage der Logistik. Die Großen haben mit den Kleinen gelernt, profitiert haben beide Seiten. „Meine Erstklässler konnten damals schon an Weihnachten fließend lesen“, erinnert er sich. Und manch ein Siebt- oder Achtklässler konnte den Kleinen die Geheimnisse der Rechtschreibung oder der Mathematik kindgerechter erklären als ein Lehrer.

Also alles bestens früher? War früher alles eitel Sonnenschein? Meixner und Goldschmitt lächeln bei dieser Frage. Natürlich gab es auch in ihrem Berufsleben Probleme und Sorgen. Mit den gesellschaftlichen Veränderungen veränderten sich auch die Erwartungen an die Lehrer. „Als diejenigen Kinder, die antiautoritär erzogen worden waren, selbst Kinder bekamen, wurde es nicht einfacher“, formuliert es Alfons Goldschmitt diplomatisch. Elterngespräche verliefen von da an anders, das Ansehen der Lehrkraft hatte sich zum negativen gewandelt. „Nicht bei den Kindern“, betont Alfons Goldschmitt. „Aber bei manchen Eltern.“ Auch schulpolitische Entscheidungen machten das Leben für Lehrer und Kinder nicht leichter. Alfons Goldschmitt bedauert nach wie vor, dass der Übertritt in die Realschule von der sechsten in die vierte Klasse vorverlegt wurde. Die Zeit in der fünften und sechsten Klasse habe so manchem Schüler gut getan. „Da blühte der eine oder andere regelrecht auf“, erinnert er sich. Mit dem Übertrittzwang für alle Schüler nach der vierten Klasse habe sich der Leistungsdruck unnötig erhöht. Von einer Überforderung für Kinder und Eltern in der vierten Klasse spricht Irene Meixner. Auch die damalige Entscheidung für das G8 konnten und können die beiden Lehrer nicht nachvollziehen.

„Wenn ein Bezug zu den Kindern da ist, dann werden sich die Schüler auch anstrengen.“
Alfons Goldschmitt, ehemaliger Hauptschullehrer

Zu groß sei die zeitliche Belastung gewesen. „Der Sinn des Lebens besteht doch nicht darin, nur für die Schule zu lernen“, sagt der ehemalige Hauptschullehrer Goldschmitt, der von 1975 bis 2004 in Wiesentheid wirkte. Am Nachmittag müsse man auch ausspannen oder seinen Hobbys in Vereinen nachgehen können.

Seit 15 beziehungsweise 14 Jahren sind die beiden in Rente. Die Schulpolitik, die Herausforderungen für Lehrer, Schüler und Eltern verfolgen sie seither weiter – sei es über Kollegen beim BLLV oder durch die Augen ihre Kinder und Enkel. Angehenden Lehrern raten sie, möglichst viele Praktika zu machen, um rechtzeitig herauszufinden, ob sie für den Beruf geboren sind. „Wenn ein Bezug zu den Kindern da ist, dann werden sich die Schüler auch anstrengen“, fasst Alfons Goldschmitt seine Erfahrungen zusammen. Irene Meixner sagt es mit ihren Worten: „Fühlt sich ein Kind geborgen, öffnet es sich. Und dann wird es auch gerne lernen.“