Da soll mal einer sagen, junge Menschen würden sich für nichts mehr begeistern. Wer sich mit Andreas Niederquell unterhält, der merkt sehr schnell, wie das Feuer der Leidenschaft in ihm brennt. Der gebürtige Etwashäuser ist Angler. Vor kurzem hat er den Fisch seines Lebens aus dem Main gezogen. Dabei ist er erst 21 Jahre alt.

Ein Dienstagnachmittag im Oktober. Andreas Niederquell hat sich unterhalb der Südbrücke in Kitzingen positioniert. Auf Barsche will er gehen. Viel Zeit hat er nicht eingeplant. Entsprechend seine Ausrüstung. Eine relativ kurze Rute, eine dünne Schnur. Beim dritten Wurf ins Wasser merkt er, dass sich etwas Außergewöhnliches tut. „Volleinschlag“, nennen es die Angler. Mit anderen Worten: Da ist ein richtig dicker Fisch am Haken. Wie dick, das sollte Andi erst nach einer Stunde erfahren.

„Ich habe noch nie so kämpfen müssen“, erinnert sich der gelernte Metallbauer, der im Dreischichtbetrieb bei Franken Guss arbeitet und so gut wie jede freie Minute am Main oder an den Mainsondheimer beziehungsweise Hörblacher Seen verbringt. Nicht selten geht er nach der Nachtschicht direkt ans Wasser. Zelt, Liege und Schlafsack sind immer im Auto. „Die Ruhe am Wasser ist einzigartig“, sagt er. „Die Natur wunderschön.“

Andi Niederquell ist keine Ausnahme. Die Zahl der jungen Angler ist erstaunlich hoch. „Fast alle Vereine haben gut besuchte Jugendgruppen“, bestätigt der Kreisbeauftragte des Unterfränkischen Fischereiverbandes, Hubert Przybylla. Alleine in der Ortsgruppe Marktsteft/Marktbreit sind unter den rund 250 Mitgliedern mehr als 30 Jugendliche. Sie können in der Regel kostenlos an Zeltlagern oder Fortbildungen teilnehmen.

Andi Niederquell hat kaum laufen können, da hat ihn sein Vater schon zum Angeln mitgenommen. Von Etwashausen aus ist er später mit dem Rad losgezogen und hat die Angler am Main besucht. Die Faszination sollte ihn nicht loslassen. Mit seinen Kumpels Wesley Rogers, Pascal Bergmann und Lars Christ ist Andi Niederquell am liebsten an den Hörblacher Seen unterwegs, baut an den Wochenenden regelrechte Camps auf. „Wir angeln Tag und Nacht“, erzählt er. „Ein Freund stellt die Köder mittlerweile selbst her.“ Das ist gar nicht so einfach: Die so genannten Boilies – kleine, runde Teigkugeln – sollen den Fischen ja nicht nur einmal schmecken, sondern die Tiere langfristig anlocken.

„Vor lauter Adrenalin habe ich gar nicht gemerkt, dass ich blute.“
Andi Niederquell, Angler aus Leidenschaft

Karpfen sind Andis Lieblingsfische. Riesenbrocken hat er schon aus dem Wasser geholt. 15 bis 18 Kilo schwer. Größer als Computer Bildschirme. Dieses Mal sollte er einen noch weitaus größeren Fisch an der Angel haben. „Ein echter Monsterfisch“, erinnert sich Andi mit glänzenden Augen.

Etwa 12 000 Mitglieder zählt der unterfränkische Fischereiverband, rund fünf Prozent sind Jugendliche. Im Landkreis Kitzingen haben rund 1050 Menschen einen Angelschein. Die Angelstrecke am Main reicht im Kreis Kitzingen von Wipfeld bis Marktsteft und umfasst rund 36 Kilometer. Dazu kommen die Seen, an denen das Angeln erlaubt ist. Die Entnahme ist klar geregelt: Für manche Arten gelten Schonzeiten, andere dürfen erst ab einer bestimmten Größe entnommen werden. Beim Hecht und Zander liegt die Grenze beispielsweise bei 50 Zentimeter. „Jeder Fisch sollte zumindest einmal in seinem Leben ablaichen können“, erklärt Przybylla den Hintergrund. Bei Welsen gibt es allerdings keine Schonzeit. Die Raubfische haben sich im Main in den letzten Jahren stark vermehrt. Eine Entnahme der Vielfresser ist durchaus gewünscht.

Andi Niederquell war schnell klar, dass er einen Wels an der Angel hatte. „So wie der gezogen hat.“ Über Büsche und Geäst ist er mit der Angel in der Hand am Ufer gesprungen, um den Fang ja nicht zu verlieren. „Wenn ich gezogen hätte, wäre die Angelschnur hundertprozentig gerissen“, erklärt er. Etwa hundert Meter ging das gut, an einem Baum war allerdings Schluss. „Jetzt musste ich ihn stoppen“, erinnert er sich. Irgendwie ist es ihm gelungen, langsam konnte er den Fang Richtung Ufer ziehen. „Dann wurde der Fisch sauer und ist wieder los.“ Ein paar Mal ging das so. Immer Hin und Her.

Nicht im Traum hätte Andi gedacht, dass er den Wels wirklich an Land bringen würde. Erst recht nicht, als er ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Fast eine Stunde war da schon vergangen. „Mir haben alle Muskeln weh getan“, erinnert sich Andi. Plötzlich ist der Wels aufgetaucht. „Ich habe mir gedacht: Jetzt oder Nie.“ Mit aller Kraft hat er gezogen, ist dann ins Wasser gesprungen, hat dem Riesenfisch ins Maul gefasst und ihn an Land gezogen. „In dem Moment war mir alles egal“, erzählt er. Die Hände haben zwar geblutet und die Hose war bis zu den Oberschenkeln nass: Dennoch war er in diesem Moment überglücklich. „Vor lauter Adrenalin habe ich gar nicht gemerkt, dass ich blute.“

Mit der Angelrute hat Andi den Fisch abgemessen, später noch einmal exakt gemessen und gewogen. Ergebnis: 2,02 Meter Länge und ein Gewicht zwischen 50 bis 60 Kilo. Von seinen Freunden wird Andi Niederquell seither nur noch „Waller-Knaller“ gerufen.

Rekordverdächtig? So sehr sich Andi Niederquell über seinen Fang gefreut hat, einen Rekord hat er nicht aufgestellt. Wie Hubert Przybylla informiert, wurden aus dem Main schon Waller mit fast 2,50 Meter Länge gefischt. Der Weltrekord liegt knapp unter drei Metern.

Verwertung: Etwa 20 Kilo Filet hat der Wels abgeworfen. Andi Niederquell hat ihn direkt vor Ort zerteilt. „Freunde, Familie und Verwandte haben sich über das feine Fleisch gefreut.“