Fast vier Wochen Koma. 19 Wochen Klinikaufenthalt. Der Kitzinger Pfarrer Uwe Bernd Ahrens hat in den vergangenen Monaten viel durchgemacht. Am 17. Juli 2015 wäre er beinahe an einem plötzlichen, schweren Hinterwand-Herzinfarkt gestorben. Ein halbes Jahr später geht es ihm wieder ganz gut. Er ist dünn geworden, aber sein Lachen ist noch dasselbe. Die Nachwirkungen des Infarkts sind trotzdem präsent.

An einem der heißesten Tage des Jahres 2015 hatte Ahrens in Würzburg eine Physiotherapie-Praxis aufsuchen wollen – für Fitness-Übungen. „Es war ein Freitagnachmittag. Meine beste Entscheidung war, dass ich mein Auto nicht im Parkhaus, sondern direkt an der Straße abgestellt habe“, meint der 62-Jährige. „Sonst hätte man mich wohl nicht rechtzeitig gefunden.“

Ahrens stieg aus dem Wagen – und fiel einfach um. Es hatte keine Vorwarnung gegeben, keine Vorzeichen. „Ich weiß davon nichts mehr, aber man hat mir später erzählt, dass zwei Mädchen meinen Sturz beobachtet und Ersthelfer alarmiert haben.“

Es folgte eine 50-minütige Reanimation im Krankenwagen, dann wurde Ahrens in die Uni-Klinik gefahren, wo die Reanimierung nach weiteren 30 Minuten endlich Erfolg hatte: Ahrens Herz sprang wieder an. Es hatte es einen schweren Infarkt erlitten. Ein Stent wurde gelegt, also ein Implantat, das die verstopfte Blutader offen hält.

Belastende Gerüchte

„Der Infarkt, für den es bei mir kaum Risikofaktoren gab, war das Eine. Die Folgeschäden durch die für längere Zeit unterbrochene Sauerstoffzufuhr das Andere“, berichtet Ahrens. Organe im Bauchraum waren beschädigt, der Pfarrer musste mehrfach operiert werden.

Von all dem bekam Ahrens nichts mit. Erst nach drei Wochen konnten die Ärzte die Medikamentengaben reduzieren, um den Patienten langsam wach werden zu lassen. Vor allem für Ahrens Frau, seine drei Kinder und drei Enkel war es eine schreckliche Zeit. Sie sahen die vielen Monitore, das Beatmungsgerät, die Medikamentenbeutel. Und konnten nur hoffen und beten.

Besonders schlimm seien die Gerüchte gewesen, die in und um Kitzingen die Runde machten. In den sozialen Netzwerken gab es bereits Nachrufe. „Für meine Familie war das sehr belastend.“

Sehr vorsichtig sein

Er selbst, erzählt Ahrens, habe an die Zeit im Koma keinerlei Erinnerung. „Da ist nichts, gar nichts.“ Ende August, nach dem Aufwachen, habe er Stück für Stück realisiert, was geschehen war. „Ich konnte wegen der Beatmung noch nicht sprechen. Bewegen konnte ich mich auch nicht. Aber mein Sohn hatte eine Idee. Er brachte ein Plakat mit Buchstaben mit und deutete darauf.“ Ahrens Stimme wird unsicher. Er schluckt. Die Erinnerung tut weh.

„Mein Körper wollte nicht so recht. Aber ich bin trotzdem froh, dass ich sehr schnell wieder fit im Kopf war“, sagt er. Das sei ihm wesentlich lieber als andersherum.

Bei der Reha in Herzogenaurach gab es ein neues Problem. „Ich hatte einen multiresistenten Keim mitgebracht und musste deshalb erst mal wochenlang isoliert werden.“ Sein Krankenzimmer nannte Ahrens – Humor ist schließlich heilsam – „Raumschiff Enterprise“, weil alle Besucher nur in keimfesten Anzügen hereindurften. Er selbst begann, im „Ganzkörperkondom“ Treppen zu steigen, „jeden Tag ein, zwei Stufen mehr“. Auch sonst war Üben, Üben, Üben angesagt, sowohl fürs Herz als auch für die Organe.

„Es gab – und gibt – gute und schlechte Tage“, sagt der 62-Jährige. Sein Gang durch die Wohnung in Etwashausen wirkt noch ein kleines bisschen staksig. Ende November kam der evangelische Geistliche nach Hauser. Rein äußerlich merkt man ihm – bis auf den Gewichtsverlust von 17 Kilo – nicht viel von den vergangenen Monaten an. Trotzdem wird er noch lange nicht wieder voll einsatzfähig sein. Ahrens' Kardiologe hat seinen Patienten ganz eindrücklich vor jeder Art von Stress gewarnt.

Den Ausstieg aus dem Religionsunterricht in den Schulen hatte Ahrens schon vor seinem Infarkt in die Wege geleitet. Nun überlässt er auch die Verwaltung der Kindergärten weitgehend anderen.

„Keiner ist unersetzlich. Man muss das auch aushalten, dass andere manches anders machen als man selbst, aber deshalb nicht schlechter“, findet Ahrens. Die Erfahrungen des letzten halben Jahres lassen ihn gelassener auf das Leben schauen. „Ich habe gelernt, dass Monaco Franze recht hat: 'A bisserl was geht immer'. Manchmal ist es halt nur ganz wenig.“ Wenn man genau hinschaut, dann sehe man auch die kleinen Erfolge. „Ich bin sensibler geworden. Und empfindlicher.“ Streit möchte er vermeiden.

Wenn er an seine berufliche Zukunft denkt, dann denkt er vor allem an eines: an Seelsorge. „Ich habe mich gefragt: Was ist denn deine Kernaufgabe?“. Und er hat sich darauf selbst die Antwort gegeben: „Ich möchte nah am Menschen sein und ein Sprachrohr für andere, die vielleicht in schwierigen Situationen sind und sich nicht selbst artikulieren können.“

Ob er nach dem Infarkt nie an Gott gezweifelt hat? Oder zumindest mit ihm gehadert? „Man fragt sich schon, warum das gerade mir passieren muss. Aber natürlich weiß ich, dass es darauf keine Antwort gibt. An Gott gezweifelt habe ich nicht. Da hilft mir sicher auch meine theologische Vorbildung. Es war eher andersherum. Ich bin Gott dankbar.“

Dankbar? Ahrens nickt. Je klarer ihm die eigene Situation geworden ist, desto klarer habe er auch gesehen, „dass ich viele, viele Schutzengel hatte – damit angefangen, dass ich direkt an der Straße geparkt habe, bis hin zu der Tatsache, dass die Uni-Klinik gleich um die Ecke war.“ Diese Schutzengel will Uwe Bernd Ahrens künftig nicht allzu stark herausfordern. „Ich hoffe, die Menschen verstehen das.“

Am Sonntag, 31. Januar, wird Pfarrer Ahrens zusammen mit Pfarrer Oppelt ab 10 Uhr wieder einen Gottesdienst feiern – den Faschingsgottesdienst der Kitzinger Karnevals-Gesellschaft.