Im Flur des ersten Stocks im Rotkreuzhaus in Kitzingen stehen und sitzen rund 20 Moslems. Die Frauen und Männer beugen sich über Formulare und füllen die Zeilen mit ihren persönlichen Daten aus. Dann warten sie darauf, dass sie an die Reihe kommen. Ihr Anliegen: Blut spenden für einen guten Zweck. Und als ein Zeichen der Toleranz.

Abdelzahra Hassan hatte die Idee zu der Aktion. Am liebsten wäre er schon am 4. November zum Blutspenden gegangen. Denn da jährt sich ein besonderer Tag für alle gläubigen Moslems: Die Trauerfeier für Hussein, den Enkel des Propheten Mohammed.

Es ist eine lange Geschichte, die Abdelzahra Hassan aus dem Irak und Sahoo Aschna sowie Mahdi Yaqubi aus Afghanistan erzählen. Eine Geschichte, die sich vor langer Zeit abgespielt hat, im Jahr 680 nach Christus. Aber sie wirkt nach, in den Herzen und Köpfen von gläubigen Moslems auf der ganzen Welt.

Hussein war ein Enkel des Propheten Mohammed. Heute wird er als Märtyrer von den Schiiten verehrt. In der Stadt Kerbela, im heutigen Irak, kämpfte er mit 72 Anhängern gegen eine Übermacht. Mal ist von 10 000 Kämpfern die Rede, mal von 35 000. „Seinen Mitstreitern hat er freigestellt, in den Kampf zu ziehen“, erzählt Abdelzahra Hassan.

Hussein starb, sein Kopf wurde auf einen Speer gespießt und nach Damaskus gebracht. Die Schlacht besiegelte die Trennung von Schiiten und Sunniten und wird seither symbolisch als Kampf zwischen Gut und Böse gedeutet.

„Hussein hat sein Blut geopfert und auch wir wollen unser Blut geben.“
Abdelzahra Hassan, Blutspender

„Es gab schon immer Terroristen“, kommentiert Abdelzahar Hassan die Geschichte. Die bösen Mächte haben die Zeit überdauert. Im Namen des Islams wird gemordet und gefoltert. „Doch die Botschaft Husseins an alle gläubigen Moslems hat auch die Zeiten überdauert“, freut sich Hassan. „Es gibt eine Gerechtigkeit.“

Jahr für Jahr pilgern Millionen Gläubige am 4. November nach Kerbela, um am Grab Husseins zu beten. „Es ist die zweitgrößte Pilgerstätte nach Mekka“, erklärt Sahoo Aschna. Der Unterschied: Wer nach Kerbela kommt, der erhält Wasser, Essen und Unterkunft gratis. „Tausende Ehrenamtliche helfen“, erklärt Hassan. „Alle Gläubigen sind willkommen, egal welcher Religion.“

Im ersten Stock des Roten Kreuzes in der Schmiedelstraße werden die rund 20 gläubigen Moslems aus Kitzingen willkommen geheißen. Die Mitarbeiter des Roten Kreuzes helfen bei der Registrierung. Dann folgt das Gespräch mit einem Arzt und schon geht es auf die Liege. Zwischen 80 und 130 Menschen kommen zu dem monatlichen Termin. Dank der Moslems aus Kitzingen klettert die Zahl an diesem 12. November auch über die 100er-Grenze.

Für die Männer und Frauen aus Afghanistan oder dem Irak ist es eine Premiere. Noch nie zuvor haben sie Blut gespendet. „Hussein hat sein Blut geopfert und auch wir wollen unser Blut geben“, sagt Abdelzahra Hassan. „Egal für wen.“ Mit seinen Bekannten aus Kitzingen will er ein Zeichen setzen. Gegen Hass und Terror und für Toleranz. „Die Salafisten haben gar nichts“, sagt er. „Wir haben Hussein und den Glauben an die Gerechtigkeit.“