Was für ein Leben. Was für Begegnungen und Erfahrungen. Am Sonntag, 26. Januar, feiert Schwester Hanna Maura Hartwig ihren 90. Geburtstag. Sie war eine der ersten Schwestern in der Communität Casteller Ring, sie hat hunderte Menschen in der Klinik Kitzinger Land auf ihrem letzten Weg begleitet – und deren Angehörigen den Abschied erleichtert. Bekannt ist sie als „Schwester mit dem Dirndl“.

Ein sanftes Lächeln, eine feste Stimme, ein phänomenales Gedächtnis: Schwester Hanna erzählt aus ihrer Biografie und macht die Vergangenheit lebendig. Drei Jahre jung war sie, als die Nazis die Macht in Deutschland ergriffen, der Zweite Weltkrieg endete, als sie 15 war. Eine Jugend in Kriegszeiten. „Natürlich hat mich das geprägt“, sagt sie. Aber ganz anders, als viele ihrer Altersgenossen. Vorsichtig musste sie als Kind sein. Innerlich balancieren zwischen der warmen, kirchlich geprägten Welt in der Familie und der gefühlskalten Welt in Schule und Hitlerjugend. Bloß nicht zu viel verraten von der menschenfreundlichen Gesinnung im eigenen Haus und in der Kirchengemeinde, die nach und nach infiltriert wurde.

Zweigleisiges Leben

Schwester Hanna erinnert sich an die Mutter eines Buben, die eine Mitarbeiterin des Hortes verleumdet hat. Die junge Mitarbeiterin wurde von den Nazi-Schergen abgeholt, die Verleumderin verteidigte sich. Sie würde tot umfallen, wenn es nicht stimmt, was sie behauptet hat. „Nach drei Wochen ist sie gestorben“, erinnert sich Schwester Hanna. Nicht der einzige Vorfall in ihrem Leben, bei dem sie nicht an einen Zufall glauben mag.

Mehrere Luftangriffe überstand sie in den Luftschutzkellern von Augsburg. „Wenn ich hier noch mal rauskomme, dann ist alles Zugabe“, hat sie sich bei einem besonders schweren Bombenhagel gedacht. 75 Jahre später kann sie darüber lächeln: „Seither lebe ich in der Zugabe.“

Nach dem Krieg machte sich die junge Hanna Hartwig auf die Suche. Das zweigleisige Leben – hin- und her- gerissen zwischen innerem Sehnen und äußerem Schein-Wahren – sollte endlich ein Ende finden. Sie wollte Frieden mit sich und der Welt finden, Gutes tun, im Auftrag Gottes wirken. Bei den Pfadfinderinnen fand sie die Antwort: „Hier konnte ich frei sein für Gott und den Menschen dienen“, erinnert sie sich. Es sollte ihr Motto für den weiteren Lebensweg werden.

Einzug ins „Schlösschen“

Schwester Hanna war beileibe nicht die einzige junge Frau, die sich nach den dunklen Zeiten auf die Suche nach Licht machte. Die Bundeszentrale für Pfadfinderinnen war so etwas wie eine Keimzelle für diese Frauen. Deren Vorsitzende Christel Schmid und Maria Pfister aus Schweinfurt beschlossen, gemeinsam einen Neuanfang zu wagen. In Castell fanden sie 1950 den geeigneten Ort, zogen ins „Schlösschen“, wo ein Pfarrer im Ruhestand und seine Frau – Tante Hanna – ihnen Platz gewährte. Langsam sprach sich ihr Plan herum, ein Leben für Gott und im sozialen Wirken zu wagen. 1951 lebten schon drei Frauen im „Schlösschen“, Anfang 1952 vier. Im Sommer 1952 zog Hanna Hartwig nach Castell. 22 Jahre jung war sie da, hatte eine Ausbildung zur Erzieherin vorzuweisen und schon vielfältige Berufserfahrungen gesammelt. Im Waisen- und Schülerheim hatte sie Kinder und Jugendliche zwischen drei und 17 Jahren betreut, im Flüchtlingslager in Nürnberg den Kindergarten übernommen. In Castell sollte ihr Leben einen tieferen Sinn finden.

Die jungen Frauen bauten den Dachboden im „Schlösschen“ aus, der Blick aus ihren einfachen Zellen fiel auf die provisorische Kapelle. Hanna Hartwig arbeitete im örtlichen Kindergarten, ihre Cousine als Haushälterinnen oder Sekretärinnen in der Bank und beim Fürsten. Das Interesse Gleichgesinnter sollte nicht abreißen, langsam wurde der Dachboden zu klein für die Frauen aus ganz Deutschland, die in ein neues Leben starten wollten. 1957 zog die Communität auf den Schwanberg. Im Schloss dort oben war Platz geworden. Sieben Jahre lang hatte es als Altenheim gedient. In Kitzingen war ein Neubau entstanden.

Mit der Erweiterung wuchsen die Aufgaben. Die 14 Schwestern kümmerten sich um Flüchtlingsfrauen, boten Präventivkuren für junge Mütter an und organisierten Begegnungsfreizeiten für Menschen aus Ost- und West. Kinder aus Flüchtlingslagern verbrachten zunächst in Castell und dann vermehrt im Schloss auf dem Schwanberg Erholungsfreizeiten. „Christel Schmid hatte ihre Finger immer am Pulsschlag der Welt“, erinnert sich deren Mitstreiterin aus den ersten Jahren. Die Schwestern renovierten die Flügel des Schlosses, bauten in den 60er- und 70er Jahren das Ordenshaus, das Schulgebäude und Internat und konnten 1987 die St.-Michaelskirche einweihen.

Führerschein mit 55

Sie boten Lehrgänge in Hauswirtschaft an, lehrten soziale Frauenberufe und führten Förderlehrgänge für schwächere Schüler ein.

Schwester Hanna zeichnete auf dem Schwanberg für die Waschküche und Bügelstube verantwortlich. Sechs Lehrlinge betreute sie dort Jahr für Jahr. Ihrer wahren Bestimmung sollte sie erst später begegnen: 1984 fragte Fürst Albrecht zu Castell-Castell bei den Schwestern an, ob sie eine Seelsorgerin für die neue errichtete Klinik Kitzinger Land abstellen könnten. Die Aufgabe: Begleitung Sterbender und seelsorgerische Unterstützung der Pflegekräfte. „Diese Aufgabe hat mich von Anfang an sehr angesprochen“, erinnert sich Schwester Hanna-Maura. Ein Problem gab es allerdings: Die damals 54-Jährige hatte keinen Führerschein. Also hat sie sich in der Fahrschule angemeldet und wenig später ihren Führerschein bestanden. Der war auch nötig, schließlich musste sie sehr flexibel sein, wurde immer wieder mitten in der Nacht angerufen. Viele Nächte durchwachte sie an den Betten des Krankenhauses. „Kein Problem“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. „Das frühe Aufstehen für das gemeinschaftliche Morgengebet war für mich immer ein Kampf.“

Hunderte letzte Atemzüge hat sie in den zehn Jahren ihrer Tätigkeit begleitet. „Eine wunderbare Aufgabe“, sagt sie. Der Tod weist nach ihren Erfahrungen viele Parallelen mit einer Geburt auf: „Man weiß nicht, wann es so weit ist, sondern kann nur warten.“ Säuglinge wie Sterbende müssen durch einen dunklen Gang, der für beide ans Licht führt. Davon ist sie überzeugt. Schmerzvoll ist der Tod nach ihren Beobachtungen nur bis zu dem Punkt, an dem sich der Betroffene vom Leben verabschieden kann. „Dann wird es sanft.“ Das Wichtigste in der Sterbebegleitung sei das „verlässliche Dabeisein“. Den Angehörigen hat sie deshalb auch immer Mut gemacht, den letzten Schritt mit zu begleiten.

Neun Jahrzehnte voller Wendungen und Aufgaben, voller Freude und Trauer hat Schwester Hanna-Maura erlebt. Eine Zeit, auf die sie voller Glück zurückblickt. „Mein Leben war wunderbarer als ich es mir hätte ausdenken können.“

Am Sonntag feiert Schwester Hanna ihren 90. Geburtstag. Gratulanten sind herzlich willkommen. Zwischen 10.30 Uhr und 12 Uhr empfängt sie Gäste im Ordenshaus.