Streuen ist nicht gleich streuen. Wer wüsste das besser als Georg Günther. Der Kitzinger Bauhofleiter ist seit 17 Jahren verantwortlich dafür, dass der Winterdienst in der Großen Kreisstadt funktioniert.

Sand, Splitt, Salz oder doch etwas ganz anderes? Günther hat schon viele Materialien kommen und gehen sehen. Jetzt ist er überzeugt: Kein anderes Streumittel ist so wirksam und noch dazu so ökologisch wertvoll wie Sole. Vor allem, seit sie quasi vor der Haustür gewonnen wird.

Weniger Material notwendig

Vor neun Jahren ist das Kitzinger Hallenbad von Grund auf renoviert worden. Das aqua-sole hat sich zu einem Besuchermagneten entwickelt. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich ein erfreulicher Nebeneffekt ergeben: Die Sole, die in den Erdschichten unterhalb des Bades schlummert, wird auch für den Winterdienst genutzt. „Das funktioniert reibungslos“, versichert Günther. Bei Bedarf rangieren die Bauhofmitarbeiter einfach mit ihren Räumfahrzeugen an die „Tankstelle“ – ein unscheinbarer Kunststofftank neben dem Bad – und füllen ihr Fahrzeug mit Sole auf.

Ideal ist ein Verhältnis 70 zu 30, also 70 Prozent Trockensalz, das mit 30 Prozent Sole vermischt wird. Der Effekt: Die Kristalle des angefeuchteten Salzes greifen in den Asphalt, es gibt so gut wie keinen Abrieb mehr. „Der Fahrtwind hat das reine Trockensalz schnell an den Fahrbahnrand geweht“, erklärt Günther. Das feuchtere Gemisch bleibt länger auf der Fahrbahn. „Wir brauchen deshalb insgesamt weniger Material“, erklärt er. Und das wird auch noch direkt in Kitzingen gewonnen. Lange Transportwege sind nicht mehr nötig.

Im Dezember 2012 wurde die Sole-Tankstelle eröffnet. 120 000 Euro hatte sie nach Angaben der Stadt gekostet. Deren Hoffnung auf externe Abnehmer hat sich schnell erfüllt. Neben dem Landkreis und dem Staatlichen Bauamt sind auch fünf Gemeinden aus dem Umkreis dabei, betanken ihre entsprechend umgerüsteten Räumfahrzeuge mit Kitzinger Sole. Die Kapazitäten für weitere Kunden sind vorhanden. Oberbürgermeister Siegfried Müller hatte vor vier Jahren davon gesprochen, dass der unterirdische Salzstock „die nächsten 200 Jahre hält.“

Im Staatlichen Straßenbauamt setzen die Räumdienste auch längst auf Sole. In Kitzingen und Wiesentheid wird die Sole selbst erzeugt. „Das ist ganz einfach“, versichert der Leiter der Kitzinger Straßenmeisterei, Frank Rose. Ein großer Trichter wird mit Salz befüllt und mit Wasser begossen. Das Salz löst sich, das Salzwasser sackt nach unten und wird abgesaugt.

Angenehmer auch für Hunde

Etwa 4000 Liter können so innerhalb von drei Stunden erzeugt werden. Gerade bei Temperaturen um den Gefrierpunkt funktioniere der Einsatz von Sole sehr gut. „Dann können wir präventiv streuen, etwa zwei bis drei Stunden, bevor es glatt wird“, erklärt Rose. Auch die Autobahnmeisterei und die Räumdienste in Würzburg und Ochsenfurt würden mittlerweile auf Sole setzen.

Georg Günther geht in Kitzingen derweil noch einen Schritt weiter. Jetzt sollen nicht nur Straßen, sondern auch Bürgersteige und Treppenanlagen mit Sole von Schnee und Eis befreit werden. Entsprechende Handsprüher sind bereits umgerüstet, erste Versuche an kritischen Stellen vielversprechend gelaufen.„Sand ist rutschig und Salz rollt früher oder später weg“, sagt Günther. Die Sole wirke gut, auch auf rutschigen Untergründen wie schwarzem Basalt, der beispielsweise am Königsplatz zu finden ist. Nicht nur der Mensch, auch die Tiere würden vom neuen Material profitieren. Für Hundepfoten ist Sole deutlich angenehmer als herkömmliches Trockensalz. Weiterer Vorteil: Bauhofmitarbeiter müssen die Gehwege so gut wie gar nicht nachreinigen – anders als bei Sand. Das spart Arbeitszeit.

Trotz dauerhafter Minustemperaturen hatten die Bauhofmitarbeiter in Kitzingen bislang einen ruhigen Winter. Vier- bis fünfmal mussten sie erst ausrücken. „Es ist richtig kalt, aber trocken“, sagt Günther. Dennoch: Der Bereitschaftsdienst steht Morgen für Morgen um 2.30 Uhr auf und alarmiert seine Kollegen bei Neuschnee oder Glätte. Dann sind die Fahrer um 3 Uhr auf der Straße, um die 150 Kilometer Straßennetz rechtzeitig zum Berufsverkehr geräumt zu haben. Die Handräumer machen sich um 4 Uhr auf den Weg. Auf ihrem Rücken: Original Kitzinger Streugut.

Sole in Kitzingen

Vorkommen: Halb Kitzingen ist von unterirdischen Salzstöcken durchzogen. Die Sole – also Salz-Wasser-Lösung – für das Hallenbad und für die Sole-Tankstelle stammt aus einem Vorkommen in 180 Metern Tiefe, nahe der Achtelstetter Mühle in der Marktbreiter Straße. Streudienst: 30 Kubikmeter Sole fasst der schwarze Kunststofftank neben dem Aqua-Sole. Die Steuerungs-/Lagertechnik ist in einem zweckmäßigen Gebäude in Stahlbauweise untergebracht. Wer tanken will, wählt am Steuerschrank die gewünschte Menge an Sole vor. Mittels einer Tauchpumpe wird das zu betankende Fahrzeug über einen speziellen Sicherheitsschlauch befüllt.

Dauer: Vier bis fünf Minuten dauert die Betankung eines herkömmlichen Feuchtsalzstreuers im Durchschnitt (Fassungsvermögen 1,8 bis 2 Kubikmeter Sole).