Die Psychologie spielt eine Rolle. Russland und China sowieso. Das Ende der Milchquote darf auch nicht vergessen werden. Und die Verbraucher spielen zumindest eine Nebenrolle. Wenn es um den Milchpreis geht, sind viele Dinge zu beachten. In einem Punkt sind sich die Betroffenen allerdings einig: Lange kann es so nicht weitergehen.

Harald Hartmann sitzt in seinem Hof in Dornheim und zieht die Stirn in Falten. „Wir sind mittendrin in der Krise“, sagt er. „Die dritte Krise innerhalb von sechs Jahren.“ 2009 ist der Milchpreis schon einmal unter 30 Cent pro Kilo gefallen. Drei Jahre später noch einmal. Aktuell erhält der Dornheimer 29,15 Cent pro Kilo von seiner Molkerei. Damit geht es ihm noch ein wenig besser als den Kollegen, die einer Genossenschaft angeschlossen sind. Zwischen 26 und 28 Cent erhalten die meisten Landwirte laut Alois Kraus, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes und selbst Milchviehhalter. „Bei diesen Preisen erzielt niemand mehr einen Gewinn.“

Am Dienstag dieser Woche demonstrierten die Milchviehhalter in München. Mittendrin: Bernd Hörner aus Kleinlangheim. „Ein schlechtes Jahr kann man schon mal durchhalten“, sagt er. „Aber auf Dauer macht das einem sehr zu schaffen.“ 60 Kühe hat Hörner in seinem Stall stehen, Mit Verlusten in Höhe von 60 000 Euro im Vergleich zum Vorjahr rechnet er. An Modernisierungen oder Investitionen ist erst gar nicht zu denken.

Embargo und Trockenheit

Harald Hartmann sitzt auf seiner Bank und deutet auf das neu gedeckte Dach seines Wohnhauses. Zwischen 2009 und 2012 hat er das Projekt mit seinem Sohn, einem gelernten Zimmermann, verwirklicht. 7000 Euro für das Material. Mehr hat das neue Dach nicht gekostet. „Die andere Dachseite konnten wir schon nicht mehr machen“, sagt er. Die nächste Milchkrise kam ihnen dazwischen. „Ich sage es Ihnen ganz ehrlich“, klagt Hartmann. „Momentan müssen wir sogar über ein paar hundert Euro diskutieren.“

Die Gründe für die Krise? Hartmann nennt einige Faktoren: Die Trockenheit, das russische Embargo, die steigende Eigenproduktion in China, der Wegfall der Quote im April diesen Jahres. „Es wird nicht mehr Milch produziert, als im letzten Jahr“, versichert Bernd Hörner. „Aber mehr als gebraucht wird.“

Weil der russische und chinesische Markt weitgehend weggefallen sind, muss die produzierte Milchmenge jetzt auf dem europäischen Markt untergebracht werden. „Das geht nur über den Preis“, sagt Hartmann. Den Discountern will er deshalb gar keinen Vorwurf machen. „Die machen doch nur ihren Job.“ Und die Verbraucher greifen in der Regel nach dem günstigsten Angebot im Kühlregal. Die Lösung für das Problem liegt für Hartmann ganz woanders: bei den Milchviehhaltern selbst.

Zwei bis drei Prozent weniger Milch produzieren und das rund fünf Monate lang. „Dann würde der Preis schon in eine andere Richtung gehen“, prognostiziert er. Freiwillig funktioniere so eine Beschränkung allerdings nicht. Es bräuchte schon eine gesetzliche Vorgabe.

Von einer neuen Milchquote will Hartmann in diesem Zusammenhang nicht sprechen. Sein Vorschlag, hinter dem der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) steht: Die Monitoringstelle in Brüssel setzt bei absehbaren Krisen eine Menge fest. Wer sich daran hält, wird finanziell entschädigt. Wer die festgelegte Menge überschreitet, muss eine Strafe bezahlen.

Alois Kraus sieht dagegen keine kurzfristige Lösung. „Wir leben in einer freien Marktwirtschaft“, sagt er. „Da sind auch solche Phasen drin. Leider.“ Kraus' Appell an seine Kollegen: Gürtel enger schnallen und sparen. Gleichzeitig appelliert er an die Politik, dem Zehn-Punkte-Plan des Bauernverbandes zuzustimmen. Darin wird unter anderem die Aufstockung der Zuschüsse zur landwirtschaftlichen Sozialversicherung gefordert, die Einführung einer Notstandsbeihilfe und von Liquiditätshilfen – oder eine steuerfreie Risikovorsorge. Mit anderen Worten: In guten Zeiten sollen die Milchviehhalter für schlechte Zeiten sparen können.

Demonstration in Brüssel

Ob und wann wieder gute Zeiten anbrechen, mag im Moment kein Landwirt vorhersagen. Hartmann verweist auf das Nachbarland Schweiz, wo die Milchquote bereits vor sieben Jahren weggefallen ist. „Dort brechen die Milcherzeuger weg“, sagt er. Damit die deutschen Milchviehhalter nicht das gleiche Schicksal erleiden, will Bernd Höring weiter demonstrieren. Am Dienstag war er in München, am kommenden Montag will er in Brüssel sein. Dort tagen die Agrarminister Europas. „Ich habe wegen der wirtschaftlichen Krise und der Trockenheit schon ein paar Kühe verkaufen müssen“, sagt Hörner. Mehr sollen es auf keinen Fall werden. Lange darf es so nicht weitergehen.