„Deutschland ist auch mein Land“, sagt Fahri Kilic. Der 44-Jährige ist einer von sechs Islamlehrern in Unterfranken. 400 Kilometer legt er Woche für Woche zurück, um seine Schüler in Kitzingen, Würzburg und Karlstadt zu unterrichten. Sein Unterrichtsfach nennt sich „Islamische Religion“, sein Anliegen ist die Toleranz zwischen den Religionen.

„Kein Vater darf seine Tochter zwangsverheiraten.“
Fahri Kilic

Freitagvormittag, fünfte Stunde in der Siedlungs-Mittelschule. Kilic steht vor neun Schülern aus den 5. und 6. Klassen. Thema sind die Kalifen. Und die Vorbildfunktion des Propheten. Warum hat sich Mohammed den Arabern offenbart, will ein Schüler wissen. Das hat Allah bestimmt, antwortet der Lehrer. „Es hätte genauso gut in Deutschland oder England passieren können.“ Kilic lehrt seine Schüler, dass Schamgefühl und Glaube im Islam zusammengehören. Duschen nach dem Fußballtraining sei richtig. „Aber nicht ganz nackt.“ Zwangshochzeiten seien dagegen falsch. „Kein Vater und keine Mutter darf seine beziehungsweise ihre Tochter zwangsverheiraten“, lehrt Kilic seine Schüler. So habe es der Prophet gelehrt.

In Erlangen ist der Islamlehrer aufgewachsen, ging als Jugendlicher mit den Eltern in die Türkei, arbeitete dort fünf Jahre als Grundschullehrer und kehrte 2004 zurück. Seit sechs Jahren ist er als Islamlehrer in Unterfranken eingesetzt, unterrichtet sowohl in der Grundschule als auch in der Mittelschule. „Immer mehr Eltern haben keine Zeit, ihren Kindern den Islam näher zu bringen“, bedauert Kilic. Deshalb sei es wichtig, dass sie die Grundlagen der Religion in der Schule erfahren. Kilic will „problemlose Menschen“ aus seinen Schülern machen, wie er es formuliert. Menschen, die einander achten und in Frieden miteinander leben. „Die Schüler sollen ihr Brot teilen“, sagt er. Von solchen Menschen könne eine Gesellschaft doch nur profitieren. Dieser Ansicht ist auch der Leiter des Sachgebietes Schulen an der Regierung von Unterfranken, Gustav Eirich. „Ein staatlich initiierter Islam-Unterricht, der von ausgebildeten Lehrern auf Deutsch gehalten wird, ist sehr sinnvoll“, sagt er. Gerade angesichts der steigenden Zahlen von muslimischen Schülern. Bislang beschränkt sich das Angebot allerdings auf Grund- und Mittelschulen.

Horst Karch, Ministerialbeauftragter für Realschulen in Unterfranken, nennt drei Gründe: Es gibt keinen Hauptansprechpartner bei den Muslimen in Deutschland, mit dem beispielsweise Unterrichtsstandards besprochen werden könnten. Bislang gibt es zu wenig Lehrer, die neben dem Islam ein zweites oder drittes Fach unterrichten könnten. „Und der Bedarf ist an unseren Realschulen auch übersichtlich.“ Nichtsdestotrotz wären Islamlehrer auch an den weiterführenden Schulen wünschenswert.

Gustav Eirich hat bislang nur positive Rückmeldungen erhalten – von Schülern, Eltern und Lehrern. Und sogar von Würzburgs Bischof Friedhelm Hofmann. Der hatte sich bei einem gemeinsamen Termin für die Einrichtung eines Unterrichtsfaches „Islam“ auch an Berufsschulen ausgesprochen. Domdekan Günter Putz, Schulreferent im Bistum, hatte betont, dass alle Religionen einen Platz in den Schulen finden müssten: „Das Schlimmste ist eine religiöse Verwahrlosung.“

Fahri Kilic und seine fünf Kollegen beugen dieser „religiösen Verwahrlosung“ durch ihre tägliche Arbeit vor. Toleranz, Verständnis, Nächstenliebe: drei Pfeiler, auf denen die Arbeit des 44-Jährigen ruht. „Niemand darf für seine Religion haftbar gemacht werden“, sagt er. Und Gewalt gehöre gleich gar nicht zu einer Religion. „Wenn jemand in Not ist, dann muss man ihm helfen“, sagt er. „Das ist in allen Religionen gleich.“

Miteinander sprechen, Gemeinsamkeiten entdecken, Unterschiede erklären: So kann Verständnis erwachen. Kilic fördert nicht nur in der Schule den Dialog.

„Wenn jemand in Not ist, dann muss man ihm helfen. Das ist in allen Religionen gleich.“
Fahri Kilic

Am Wochenende steht Kilic als Schiedsrichter auf dem Fußballplatz seinen Mann und muss sich manchmal einiges anhören. „Einmal kam ein Zuschauer auf den Platz und schrie, dass es sein Land sei, in dem ich gerade eine rote Karte verhängt hatte“, erinnert er sich. Kilic hat ihm geantwortet, dass Deutschland auch sein Land sei, dass er hier aufgewachsen ist, hier arbeitet und Steuern bezahlt. „Ich fühle mich als Deutscher und als Türke“, sagt er. Ein Widerspruch sei das nicht.

Kilic setzt sich als Islam-Lehrer für die Menschen aus der Türkei, aus Albanien, Bosnien oder Pakistan ein. In seiner Freizeit fördert der fünffache Vater das Verständnis zwischen den Kulturen. Er hat die B-Jugend des SSV Kitzingen trainiert – in der zum damaligen Zeitpunkt kein Moslem spielte – er hat Kindergarten- und Schulkinder durch die Moschee in Etwashausen geführt.

Der 44-Jährige fühlt sich als ein Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Seine Empfehlung an die Menschen aus der Türkei, Albanien oder Pakistan: Lasst Eure Kinder bei der Feuerwehr, beim Roten Kreuz oder beim Sport im Verein mitmachen. „Und geht auf Eure Nachbarn zu.“

Der 44-Jährige hat in dem Mehrfamilienhaus, in dem er wohnt, an Weihnachten Geschenke an seine Nachbarn verteilt. Und zunächst ungläubige Blicke geerntet. „Wer den ersten Schritt macht, der wird von Gott belohnt“, sagt er. Die Belohnung ist für ihn und seine Familie in Form einer guten Nachbarschaft gekommen.

Kilic weiß, dass der Mensch immer Angst vor dem Unbekannten hat, dass Mut und Respekt für ein friedvolles Miteinander nötig sind. Dafür will er weiter kämpfen und arbeiten. „Ich bleibe hier bis zu meiner Rente“, sagt er. Denn Deutschland ist auch sein Land.