Bei strahlendem Sonnenschein sitzen fünf Männer auf der Terrasse des „Radl Imbiss'“ in Marktsteft. Sie sind regelmäßig hier, quatschen, trinken etwas. Einer der Stammgäste schrickt plötzlich hoch. Jako hat wieder zugeschlagen. „Das ist ein Frecher“, sagt Beate Wilhelm kopfschüttelnd. Manchmal macht er das: piekst die Gäste mit seinem Schnabel. Weh tut das nicht, aber erschrecken kann man schon mal.

Jako ist eine Elster. „Wir sind sicher der einzige Imbiss im Umkreis, bei denen die Besitzer einen Vogel haben“, sagt Beate Wilhelm und lacht. Zusammen mit ihrem Mann Karlheinz führt sie den Kiosk seit sieben Jahren. Allerdings nur in den Sommermonaten – Ende Oktober müssen sie den Platz an der Kitzinger Straße wegen des Hochwasserschutzes räumen.

Mit Hochwasser haben die Wilhelms Erfahrung: Als es im Juni 2013 im Landkreis Kitzingen „Land unter“ hieß, stand das Wasser auch bis zum Radl Imbiss. „Ich dachte, wir hätten endlich mal einen Tag frei“, erzählt die Gastronomin. Sie und ihr Mann stehen während der Saison jeden Tag im kleinen Imbiss. Stattdessen sei der Besucherandrang sogar noch größer gewesen: Helfer, Passanten, Schaulistige.

Jako war damals noch kein Thema. Ein Anwohner hatte den Rabenvogel vor einigen Wochen entdeckt. Scheinbar war das Jungtier aus dem Nest gefallen. Der Nachbar päppelte ihn auf – doch jetzt hat es sich Jako im Imbiss bequem gemacht. „Wir haben sogar schon einen Fanclub hier“, sagt einer der Stammgäste und zeigt sein T-Shirt: Es ist vom Sportartikelhersteller „Jako“. Wer hier wohl nach wem benannt wurde?

Jako sitzt derweil auf der Schaukel am nahen Spielplatz. Mit den Krallen hält er eine Socke fest, pickt mit dem Schnabel darin umher. Wo er die jetzt her hat? Beate Wilhelm zuckt nur mit den Schultern. „Keine Ahnung.“ Jako ist halt sehr neugierig – nur mit dem Konzept vom „Eigentum“ hat er es noch nicht so richtig. „Man muss schon aufpassen.“ Schlüsselbünde sind ihm zu schwer. Dafür klaue er besonders gerne Zigaretten. „Bier trinkt er auch – damit passt er sich hier gut an“, sagt der Stammgast, den Jako vorhin gepiekst hat.

Eine britische Studie aus dem Jahr 2014 hat festgestellt, dass Elstern keinen erhöhten „kriminellen“ Antrieb besitzen. Das geflügelte Wort von der „diebischen Elster“ sei eher ein Märchen. Die Vögel verhalten sich gegenüber Neuem generell erst einmal zurückhaltend, heißt es. Auch dass sie besonders auf glänzende Dinge abfliegen, sei eine Mär. Doch offenbar gibt es Ausnahmen.

Jako hat die Studie wohl nicht gelesen: Einer der Männer hält ihm eine Zwei-Euro-Münze hin. Jako kommt sofort, schnappt mit dem Schnabel zu und hüpft weg. „Hey“, ruft der Stammgast. Mit dieser prompten Reaktion hatte er wohl nicht gerechnet.

Doch wozu braucht Jako überhaupt Geld? Zum Zigaretten kaufen? Die kann er sich ja auch direkt klauen. Das scheint er sich auch zu überlegen. Wenig später lässt er sich die Münze bereitwillig wieder abnehmen. Beate Wilhelm krault dem kleinen Vogel den Bauch. Angst vor Menschen hat Jako jedenfalls nicht. Muss er in Marktsteft auch nicht. Hier lieben sie „ihren“ Vogel.