Es ist ein intensives Gespräch. Über die Bedürfnisse der Mitarbeiter und der Bewohner. Über die Herausforderung der Pflege im Jahr 2019. Über die Schwierigkeit, Veränderungen herbeizuführen. Und über die Werte von Marie Juchacz, die auch hundert Jahre nach Gründung der AWO aktuell sind und eine Richtschnur für die tägliche Arbeit von Sybille Schmitz-Rügamer und Stefanie Gassner darstellen.

114 Mitarbeiter sind im Wilhelm-Hoegner-Haus in der Kitzinger Siedlung beschäftigt. Sie betreuen 74 Bewohner in der Pflege- und 63 in der Behinderteneinrichtung. „Jeder Tag ist anders“, sagt Einrichtungsleiterin Schmitz-Rügamer. So etwas wie Routine gibt es nur um 8 Uhr: Da ist täglich eine Besprechung angesetzt. Ansonsten ist Flexibilität gefragt – von der Einrichtungsleiterin, ihrer Stellvertreterin und von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

„Die Arbeit in der Pflege hat sich total gewandelt.“
Stefanie Gassner, Pflegedienstleiterin

„Die Arbeit in der Pflege hat sich total gewandelt“, sagt Gassner – und es klingt keinesfalls nach Frust. Vor 22 Jahren, als sie bei der AWO anfing, war jeder Tag durchgetaktet. „Die Bewohner mussten sich nach den Arbeitsplänen der Einrichtung richten“, erinnert sie sich. Heute stehen die Bedürfnisse der Menschen viel mehr im Mittelpunkt. Das hat Konsequenzen für die Mitarbeiter: Sie müssen flexibler sein, müssen die Bewohner und deren Gewohnheiten viel genauer beobachten, müssen wissen, wann sie Hunger haben und wann sie zur Toilette geführt werden müssen. „Die Mitarbeiter haben einerseits mehr Freiraum als früher“, sagt Schmitz-Rügamer. Andererseits müssen sie mit diesem Freiraum und der geforderten Flexibilität umgehen können und wollen. Kein leichtes Unterfangen.

„Es kommt immer etwas dazwischen“, sagt Schmitz-Rügamer und Gassner nickt. Einen strukturierten Tagesablauf gibt es nicht mehr. Weder für sie, noch für ihre Mitarbeiter. Also müssen sich die Kollegen umstellen, vor allem im Kopf. „Sie dürfen nicht frustriert sein, wenn sie ihr vermeintliches Tagespensum nicht geschafft haben“, erklärt Schmitz-Rügamer. Am Ende des Tages muss sich jeder Mitarbeiter immer wieder von Neuem bewusst machen, was er alles geleistet hat.

„Wir erleben gerade einen Kulturwandel in der Altenpflege“, sagt die Einrichtungsleiterin. Der betrifft auch die Zusammenarbeit innerhalb der Teams. Schmitz-Rügamer und Gassner fordern von ihrer Belegschaft eine größtmögliche Selbstständigkeit geradezu ein. Dienstpläne selber schreiben, Probleme eigenständig lösen, neue Ideen beitragen und umsetzen: „Dazu wollen wir unsere Mitarbeiter befähigen“, sagt die Einrichtungsleiterin.

Das Berufsbild in der Altenpflege hat sich gewandelt, die Arbeit ist anspruchsvoller geworden. „Unser Ziel lautet immer, auf die Ressourcen der Menschen zu schauen, die bei uns wohnen“, sagt Schmitz-Rügamer. „Wir wollen erkennen, was sie noch leisten können und uns nicht darauf fokussieren, was nicht mehr geht.“ Mit Wertschätzung habe das zu tun, mit dem Wunsch, das Wohlbefinden der Bewohner zu steigern. „Dafür müssten die Pflegehelfer aber viel mehr Zeit haben“, weiß die gelernte Sozialpädagogin.

„Die nächste Generation hat ein ganz anderes Bild von unseren Werten.“
Sybille Schmitz-Rügamer, Einrichtungsleiterin

1971 ist das Haus in der Siedlung gebaut worden. Die Anfänge waren nicht leicht. Vorurteile machten die Runde, psychisch beeinträchtigte Menschen waren in den 70er und 80 Jahren noch nicht in der Gesellschaft integriert. „Heute sind wir längst anerkannt“, freut sich Schmitz-Rügamer. Die Siedler bringen ihre Senioren ins Wilhelm-Hoegner-Haus, wenn sie daheim nicht mehr versorgt werden können. „Der Bedarf steigt kontinuierlich“, sagt Gassner und bedauert, dass viele Anfragen für eine Kurzzeitpflege abgelehnt werden müssen. „Wir haben dafür einfach keinen Platz.“ Und kein Personal.

114 Menschen arbeiten im Wilhelm-Hoegner-Haus. Von den Pflegern über Verwaltungskräfte bis hin zum Küchenpersonal. Das Ziel der beiden Einrichtungsleiterinnen klingt da durchaus ambitioniert: Eine gemeinsame Sprache finden, gemeinsam die Werte leben, die AWO-Gründerin Marie Juchacz schon vor 100 Jahren formulierte: Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Toleranz, Gerechtigkeit. „Dafür stehen wir nach wie vor“, betont Schmitz-Rügamer, weiß aber auch, dass es nicht einfach ist, junge und ältere Mitarbeiter gleichermaßen für diese Sichtweisen zu begeistern. „Die nächste Generation hat ein ganz anderes Bild von diesen Werten“, sagt sie und Stefanie Gassner konstatiert: „Der Egoismus nimmt zu.“

„Pflegeheim ist nicht gleich Pflegeheim.“

Sybille Schmitz-Rügamer

Einrichtungsleiterin

Also müssen die Leitlinien der AWO immer wieder neu diskutiert, die Zusammenarbeit immer wieder neu justiert werden. Als neuestes Instrument für eine Diskussion auf Augenhöhe hat Gassner den „AWO-Talk“ ins Leben gerufen. Vierzehntägig kann jeder Mitarbeiter seine Wünsche und Anliegen in einem offenen Plenum vorbringen. „Wir wollen damit ein klares Zeichen setzen, dass wir füreinander da sein wollen“, erklärt sie.

Eine offene und ehrliche Kommunikation streben die beiden Frauen an – nicht nur mit den Bewohnern und Mitarbeitern, sondern auch mit den Angehörigen und all denjenigen, die sich mit dem Gedanken tragen, einen Verwandten im Wilhelm-Hoegner-Haus unterzubringen. Natürlich wissen sie um die Skandale, die es in einigen wenigen Heimen gab. „Aber Pflegeheim ist nicht gleich Pflegeheim“, betont Schmitz-Rügamer und lädt alle Angehörigen ein, Fragen zu stellen und sich das Haus anzuschauen. Um mit eigenen Augen zu sehen, wie drastisch sich die Arbeit in der Altenpflege in den letzten Jahren verändert hat.