„Ich bin dafür, dem Nachwuchs die Chance zu geben, überall mal reinzuschnuppern.“ Das sagt Optikermeister Gerald Zörner. Sein Wissen an die Jugend weiterzugeben ist fester Bestandteil seiner Arbeit: „Wir hatten schon immer Praktikanten im Geschäft. Mindestens vier pro Jahr.“

Mittelschüler tun sich zu schwer

Dass ein Drittel der Praktikanten vom Gymnasium kommt, ist für einen handwerklichen Ausbildungsberuf ungewöhnlich. Für Zörner ist das aber nichts Neues: „Wir haben kontinuierlich Praktikanten aus den Gymnasien. Die, die wissen, dass sie nicht studieren wollen.“ Die Anforderungen der Ausbildung sind hoch, deshalb freut sich der 56-jährige über Jugendliche mit höheren Schulabschlüssen: „Die mit Mittlerer Reife marschieren mit normalem Lernaufwand durch die Lehre, Abiturienten tun sich in der Schule leichter.“ Für Hauptschüler sind die Anforderungen nach den Erfahrungen des Optikermeisters zu hoch. „Es drängen vermehrt Bewerber von der Mittelschule in die Berufsgruppe, aber sie tun sich zu schwer.“

Neben einer präzisen Feinmotorik und guten Kenntnissen in Mathematik und Physik brauchen Optiker-Azubis soziale Kompetenzen und Einfühlungsvermögen. Zörner achtet darauf besonders: „Die Noten sind oft zweitrangig. Face-to-Face zählt. Und Ehrlichkeit. Die ist im Verkauf ganz wichtig.“

Drei Azubis hat Zörner momentan in seinem Betrieb. Von Anfang an dürfen sie in allen Bereichen mitarbeiten. Von der Anfertigung von Brillen über das Schleifen von Gläsern und dem Bedienen der Maschinen bis hin zur Arbeit mit den Kunden: „Ich nehme die Azubis direkt mit in den Verkauf, damit später keine Hemmungen da sind“, erklärt der 56-jährige. Lisa Pischel wird von Zörner zur Optikerin ausgebildet. Die 24-Jährige hat bereits einen Bachelor in Pädagogik. Sie bestätigt, wie fordernd die Ausbildung ist: „Im Vergleich zur Uni ist es mehr Arbeit.“ Trotzdem bereut sie ihre Wahl nicht. „Der Beruf ist sehr interessant, vor allem die handwerkliche Arbeit. Nach dem Studium habe ich mich nicht gefühlt, als hätte ich wirklich einen Beruf.“

Zukunftsängste? Fehlanzeige!

Laut Zörner können seine Azubis nach der Ausbildung beruhigt in die Zukunft blicken: „Es gibt keine arbeitslosen Optiker.“ Ihm zufolge suchen Optikerbetriebe händeringend nach Mitarbeitern jeglicher Qualifikation.

Auch die Konkurrenz im Internet bereitet Zörner keine Sorgen: „Das Internet bedient unter zehn Prozent des Umsatzes, es ist also nicht so, dass unser Gewerbe bald weg vom Fenster sei.“ Die Stärke des Brillenhandels im Netz liegt Zörner zufolge bei den niedrigen Sehstärken. Hier fallen Messfehler weniger stark auf. Für Kinder mit Lernauffälligkeiten oder für Menschen mit Kopfschmerzen sei ein Besuch beim Optiker allerdings unumgänglich.

Die Ausbildung in einem kleineren, traditionellen Betrieb hat für Zörner einen Vorteil gegenüber großen Filialisten: „Für die Industrie sind diese Betriebe Innovationspartner. Hier werden neue Produkte an die Masse gebracht.“ Die Stärke der großen Optikerunternehmen ist Zörner zufolge die Möglichkeit, die Ausbildung ihrer Lehrlinge zentral zu organisieren und ein Ausbildungskonzept zu erarbeiten. „Im traditionellen Optikerladen ist der Azubi die rechte Hand vom Chef. Es kommt also darauf an, wie gut der ist.“

Für ihn sind seine Azubis seine zukünftigen, besten Mitarbeiter: „Die selbst Ausgebildeten sind, wenn sie bleiben, die wertvollsten Fachkräfte. Sie arbeiten so, wie die Geschäftsführung denkt.“