"Der Finzel" - das Fachgeschäft am Eberner Marktplatz gilt als eines der letzten Zugpferde im Stadtzentrum. Dessen Tage sind gezählt. Ende Oktober ist Schluss mit dem von außen unscheinbaren "Großmarkt" in Sachen Eisen-, Geschenk- und Haushaltswaren. Die Entscheidung fiel Jürgen Finzel und seiner Ehefrau nicht leicht. Da zwei der bewährten Mitarbeiter mittlerweile in den Rentnerstand überwechselten, blieb der Familie keine Wahl: Mit 67 Jahren ist Schluss, die Entscheidung fiel nicht plötzlich, ist aber unumkehrbar. "Mein Vater hat im Oktober 1950 aus kleinen Anfängen heraus im Schlimmbach-Haus nebenan angefangen, ich höre jetzt Ende Oktober auf", beschreibt der Geschäftsinhaber seine Entscheidung, die viele Leute in Ebern bedauern.

Ein Nachfolger? "Nix zu finden", sagt Jürgen Finzel traurig. "Den klassischen Beruf des Eisenhändlers gibt es nicht mehr." Dabei sei das der Verkäufer-Typ gewesen, der über die meisten Kenntnisse verfügte, verfügen musste. Womit das Problem schon beschrieben ist: Bei mittlerweile rund 50 000 Artikeln in den immer wieder erweiterten Geschäftsräumen am Marktplatz braucht es eine lange Einarbeitungszeit. "In ein paar Tagen ist das nicht getan", sagt Jürgen Finzel und wendet sich einem Kunden aus Eyrichshof zu, der eine bestimmte Dichtung benötigt. Ein Handgriff und der Chef hat das passende Exemplar bei der Hand.

Die Erfahrung macht's, das breite Sortiment, aber auch die Freundlichkeit. "Wir sind mit unseren Kunden immer klar gekommen." Und sei der Wunsch noch so ausgefallen gewesen, "beim Finzel" wusste man stets Rat. "Eine Vermieterin gab mal einer Zugezogenen mal den Rat: Wenn Sie nicht mehr weiter wissen, gehst zum Finzel."

Es gab schon Versuche, das Geschäft zu erhalten, so der Chef. "Die Leitung der Schreinermeister-Schule hat alle aktuellen Schüler und Ehemaligen angeschrieben, um Interesse zu wecken. Ich habe alle meine Vertreter auf das Thema angesprochen, damit sie es streuen." Gemeldet hat sich niemand, der ernsthaft Interesse oder geeignet gewesen wäre. Sogar die Gründung eines Trägervereins, nach dem Vorbild eines Eisenwaren-Geschäftes in Leipzig, hatten einige Eberner versucht. Vergebens.

Jetzt ist also Schluss, am 4. Oktober beginnt der Ausverkauf. Wie geht's mit dem Anwesen weiter, das den Finzels gehört, die selbst aber in der Nachbarschaft wohnen? "Damit habe ich mich - ehrlich gesagt - noch gar nicht beschäftigt. Jetzt muss erst einmal alles raus", macht Jürgen Finzel aus seiner Unsicherheit keinen Hehl: "So etwas habe ich ja auch noch nie gemacht." Und unter Wert will er sein Vermächtnis auch nicht verkaufen.

Für einige Sparten hat sich der Geschäftsinhaber aber schon um Nachfolgelösungen bemüht. Es wird auch weiterhin Müllsäcke geben, bei einem bisherigen Konkurrenten in Sandhof. Die Herstellung der Nummernschilder und den Schlüsseldienst übernimmt Andreas Einwag, der damit in sein Elternhaus am Marktplatz, einstmals Glaserei, umzieht. Er wird schon angelernt. Die technischen Gase sind künftig bei einem Schmied in Jesserndorf erhältlich. Auch für Angel-Köder hat sich ein Interessent gemeldet. Angelzeug selbst wird es in Ebern dann aber nicht mehr geben.

Was auch für andere Spezialgeräte gilt: "Ich bräuchte so eine Kaffeemaschine, wo man noch Bohnen reintun kann", suchte am Dienstag ein Kunde um Rat. "Eine Kaffeemühle, elektrisch oder mit der Hand", wurde Frau Finzel konkret und beschrieb damit das immense Spektrum des Angebots. Der Kunde wurde genau so zufrieden gestellt, wie der Pole, der wegen eines Auslandskennzeichens zum ersten - und wohl auch letzten - Mal das Traditionsgeschäft betrat.

"Es geht schon 'was verloren", hat Jürgen Finzel in den letzten Wochen von vielen seiner Stammkunden gehört, die dem einzigartigen Anlaufpunkt am Marktplatz schon nachtrauern. "Wo kriegt man jetzt noch die Schrauben handverlesen abgezählt - und zwar sofort die richtigen?", fragt ein Hobbyhandwerker.

Fürs Interieur haben sich schon Interessenten gemeldet. Besonders begehrt: Das riesige Schraubenregal - ein Autohaus, die Stadt und auch die Meisterschule haben deswegen schon angeklopft. Und auch das alte Regal hinter der Kasse wird einen Liebhaber finden. "Das kann Geschichten erzählen." Eine davon hat Jürgen Finzel sofort parat: "Da klebt hinten der Kuckuck noch drauf. Das hat mein Vater in Schlüsselfeld erstanden und als sie den Papper entdeckten regelrecht rausgeschmuggelt."

Jürgen Finzel weiß, dass die Schließung die Attraktivität des Marktplatzes schmälert. "Wir hinterlassen eine Lücke. Aber aufgrund der Personalsituation geht es nicht mehr anders. Ich hätte schon noch etwas länger gemacht, aber für den Laden brauchst Du immer drei Leute. Meinen letzten freien Tag habe ich im Februar gehabt."

Mit der Schließung wird auch der Mauer-Durchbruch zur einstigen Kegelbahn der damals angrenzenden Hirschen-Wirtschaft wieder hochgezogen. "Diese Räumlichkeiten hatten wir nur angemietet."