Eberhard Ponader hat eine erstaunliche Beobachtung gemacht. Der ehemalige Revierförster aus dem Eberner Stadtteil Unterpreppach saß im Juni dieses Jahres auf einem Hochsitz im Forst-Distrikt Haßwald Nord und spähte. Und spähte und sah und filmte - und hatte endlich den lang ersehnten Nachweis in bewegten Bildern: Eine Wildkatzen-Mutter ließ ihre vier Jungen in den Morgenstunden vor ihrem Unterschlupf herumtollen. Ponaders Video zeigt vier kleine, flauschige Hüpfer, die um einen Baum sausen, sich gegenseitig voller Begeisterung auflauern, jagen, beißen und anspringen.

"Wir haben hier endlich auch Jungtiere gefunden", freut sich Jürgen Thein. Der Biologe aus Haßfurt, der das 2011 angelaufene Naturschutz-Projekt "Wildkatzensprung" in ganz Bayern mitbetreut, ist ein bisschen neidisch auf Eberhard Ponader. Seit fast zehn Jahren ist Thein der bedrohten europäischen Wildkatze (Felis silvestris silvestris, lateinisch für "Waldkatze") im Kreis Haßberge auf der Spur, aber das Glück, eine solche Beobachtung zu machen, hatte er bislang nicht. Wer im Wald spazieren gehe in der Hoffnung, eines der Tiere erspähen zu können, den müsse er enttäuschen: "Die Chancen gehen gegen Null." Nicht unbedingt deswegen, weil die Wildkatze so extrem scheu ist, sondern weil man sie schlicht nicht sieht: mit ihrem grauen, braun-schwarz melierten Fell ist sie im Wald zwischen all dem Geäst und Gestrüpp nur äußerst schwierig zu entdecken.


Nachts aktiv
Noch dazu ist sie überwiegend in der Dämmerung und nachts aktiv und streunt durch ein recht großes Revier. Wenn, dann müsste man schon wissen, wo sie gerade unterwegs ist, erklärt Thein. Würde man sich auf die Lauer legen und viel Geduld mitbringen, könnte es klappen.

Seit dem Jahr 2004 hat der Biologe regelmäßig mit der Wildkatze zu tun, damals wurde das Förderprojekt "Rettungsnetz Wildkatze" gestartet. Anfang der 80er Jahre hatte es bereits ein Auswilderungsprojekt gegeben, auch im Landkreis Haßberge wurden damals Tiere ausgesetzt. Allerdings sind die heute im Gebiet nachgewiesenen Wildkatzen anderen genetischen Ursprungs. Vermutlich sind sie über Waldkorridore aus Osteuropa eingewandert und erschließen sich nach und nach neue Lebensräume.

Baldrianduft lockt die Tiere an
Im Kreis Haßberge wird Jürgen Thein bei seiner Forschungsarbeit seit 2008 maßgeblich von Eberhard Ponader unterstützt. Außerdem gibt es in Bayern rund 150 Freiwillige, die im Zeitraum Januar bis März bei einer jährlichen, man könnte sagen "Wildkatzenzählung" mitmachen: Um die Tiere nachweisen zu können, werden an verschiedenen Punkten in deutschen naturnahen Laub- und Mischwäldern, unter anderem im Landkreis Haßberge, sogenannte Lockstöcke aufgestellt.

Dazu werden schlichte Holzpfähle mit einer Baldrian-Lösung eingesprüht, was auf die Wildkatzen (aber auch andere Katzen) ziemlich anziehend wirkt. Warum das so ist, kann Thein nur vermuten, wissenschaftlich ist das nicht ausreichend untersucht. Anscheinend hat der Duft Ähnlichkeit mit einem Sexual-Lockstoff oder wirkt anderweitig euphorisierend auf die Tiere. Jedenfalls reiben sich die Wildkatzen gerne an dem Stück Holz. "Baldrian finden die total lecker", sagt Thein und zuckt mit den Schultern.

Genetische Untersuchung
Über ein Phase von zehn Wochen werden dann jedes Jahr ab Januar etwa alle sieben Tage die Haare an den Lockstöcken eingesammelt. Das Material wird im Senckenberg-Institut in Frankfurt genetisch untersucht. So lasse sich eindeutig feststellen, ob es sich bei dem Fund um Wildkatzenhaare oder die von einem anderen Tier handelt. Die Resultate der Gen-Analysen der vergangenen Jahre sind für das Projekt "Wildkatzensprung" ein Erfolg: "Zwischen Hofheim und Ebern gibt es die Wildkatze überall", sagt Thein. Und im Steigerwald sei sie nun auch endlich entdeckt worden. Im Landkreis Haßberge gab es 2013 über 20 Lockstockfunde. Zum Vergleich: 2004 war es einer.

Bei den Jungtieren, die Eberhard Ponader nun zwischen Kirchlauter und Ebern beobachtet und gefilmt hat, konnte genetisch auch sicher nachgewiesen werden, dass es sich um Wild- und nicht um verwilderte Hauskatzen handelt. Denn an der Stelle, wo die Jungen und die Mutter gesehen wurden, habe man ebenfalls Haarproben gefunden, sagt Ponader. Die Untersuchungsergebnisse waren eindeutig. Die europäische Wildkatze stammt übrigens nicht von der Hauskatze ab: Laut Bund streifte sie schon durch unsere Wälder, noch bevor die Römer die ersten Hauskatzen über die Alpen brachten.

Wanderverhalten der Tiere
Flächendeckend und für die "Wildkatzen-Inventur" maßgeblich werden die Gen-Analysen laut Bund (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) seit dem Winter 2011/12 gemacht. In diesem ersten Untersuchungszeitraum wurden bundesweit 637 Proben untersucht, davon waren 380 Wildkatzen zuzuordnen. Insgesamt, so schätzt der Bund, leben in Deutschland 5000 bis 7000 Wildkatzen. Einige der Tiere wurden an mehreren Stellen nachgewiesen, wodurch sich Rückschlüsse auf das Wanderverhalten der Katzen schließen lässt.

Im Landkreis Haßberge gibt es hierfür ein schönes Beispiel, das im Zeitraum Januar bis März 2012 aufgezeichnet wurde: Ein und derselbe Wildkater wurde an sechs verschiedenen Lockstöcken nachgewiesen. Sein Laufweg führt durch den gesamten Haßberge-Kamm. Unterdessen sind die im gleichen Gebiet nachgewiesenen fünf Weibchen auf einer verhältnismäßig kleinen Fläche unterwegs und wurden an ein bis drei Lockstöcken entdeckt. Wahrscheinlich, so vermuten Ponader und Thein, war der Kater auf Brautschau. Möglicherweise ist er sogar der Vater der Jungtiere, die heuer entdeckt wurden. Die Untersuchungsergebnisse dafür stehen noch aus.

Für die beiden Wildkatzen-Forscher sind die Untersuchungsergebnisse ein klares Zeichen, dass sich die Bemühungen der Projektbeteiligten lohnen. Denn bis dahin blieb diese Tierart weitgehend unbeachtet. In den vergangenen Jahrhunderten wurde sie sogar intensiv bejagt, weil laut Thein allerhand Unsinn über die Wildkatze verbreitet wurde, wie etwa, dass sie ein gefährliches Raubtier sei und Rehe jage. Dabei sind die Tiere kaum größer als die gemeine Hauskatze (Wildkatzen sind etwas kräftiger und haben einen breiteren, kantigeren Schädel). Ihre Hauptbeutetiere sind, wer hätte es gedacht: Mäuse.

Das Projekt und seine Unterstützer
Motivation Der Bund (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) will mit dem Projekt "Wildkatzensprung", das im Rahmen des "Bundesprogramms Biologische Vielfalt" vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) gefördert wird, die Lebensräume der Wildkatze erkunden: "Diese Wildkatzen-Inventur ermöglicht es uns, festzustellen, ob und inwieweit ein Austausch zwischen den Wildkatzen in den isolierten Wäldern Deutschlands stattfindet. Auch Wildkatzenwanderungen können erstmals individuell für einzelne Tiere verfolgt werden. (...)

So kann der Bund besonders bedeutsame Korridorregionen ausmachen." Weiter erklären die Umweltschützer: "Darüber hinaus erlauben die Daten auch Aussagen über die genetische Vielfalt des Genpools der Wildkatzen. Genetische Vielfalt ist eine der drei Säulen der Biologischen Vielfalt. Der Aufbau einer Gendatenbank zur Wildkatze stellt somit einen wesentlichen nächsten Schritt zur langfristigen Sicherung der Art Wildkatze und auch der Biodiversität in Deutschland dar."

Projektpartner Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland sowie Bayern; Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit; Bundesamt für Naturschutz; Deutsche Bundesstiftung Umwelt; Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit; Bayerisches Landesamt für Umwelt; Bayerisches Staatsministerium für Ernährung. Landwirtschaft und Forsten; Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft; Bayerisches Amt für forstliche Saat- und Pflanzenzucht; Bayerische Staatsforsten AöR; Biosphärenreservat Rhön RhönNatur; Stadt Lohr am Main; Forschungsinstitut Senckenberg Frankfurt.