Als Maria Langhammer den Umschlag öffnet und kurz darauf die Untersuchungsergebnisse in der Hand hält, ist sie verunsichert. Ziemlich abstrakte Begriffe sind auf dem Papier in einer kleinen Tabelle aufgelistet, für den Laien kaum verständlich, Abkürzungen und Zahlenwerte reihen sich aneinander. Maßeinheiten sind dabei, die im normalen Alltag nicht von Bedeutung sind. Eine Zahl sticht dabei heraus: 50,11 - weil die Ziffern fettgedruckt sind, fallen sie Maria Langhammer sofort auf. Darüber steht: "Gemessene Konzentration".

Die Spalte rechts daneben ist mit "Referenzwert" überschrieben, dort steht die Ziffer 34,2. "In Ihren Proben haben wir eine Überschreitung des Referenz wertes der Allgemeinbevölkerung gefunden", steht da. Die gefundene Substanz: PCDD/PCDF/dl-PCB. "Ich war geschockt, dass ich so hohe Werte habe", sagt Langhammer. Mit dem Buchstabenwirrwarr, der die Substanz beschreiben soll, kann sie - wie so ziemlich jeder, der nicht gerade Chemiker oder Spezialist ist - nichts anfangen. Beruhigen kann die 70-Jährige auch nicht, was noch auf dem Papier steht: "Aus umweltmedizinischer Sicht schätzen wir die bei Ihnen gemessenen Konzentrationen als gesundheitlich nicht bedenklich ein."

Blut und Urin

Das Schreiben kommt vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Die staatliche Einrichtung hatte der Bevölkerung von Wonfurt ein Human-Biomonitoring angeboten, bei dem das Blut und der Urin der Teilnehmer auf Schadstoffkonzentrationen (innere Belastungen) verschiedener Umweltnoxen (Gifte) im Körper untersucht werden sollte. Denn einige Bürger waren und sind verunsichert, was das Unternehmen Loacker im Wonfurter Industriegebiet betrifft: Dort werden Kabel- und Elektroschrott verarbeitet, derzeit nur noch Kabelschrott, seitdem eine vom Landratsamt angeordnete Stilllegung der Produktion Anfang 2012 vom Verwaltungsgericht Würzburg teilweise wieder aufgehoben wurde.

Die Firma Loacker steht im Verdacht, dass aus ihrem Produktionsprozess giftige Stoffe über den Staub in die Umwelt gelangen. Deshalb hat sich die Bürgerinitiative "Lebenswertes Wonfurt" gebildet. Die Mitglieder fürchten um ihre Gesundheit und kämpfen für eine sichere Produktion (Einhausung Halle).

Angst um die Gesundheit

Auch Langhammer hat Angst. "Das ist gar nicht so einfach. Wenn du es jemandem sagst, heißt es, du spinnst", sagt sie. Sie ist die einzige von 75 Teilnehmern des Biomonitorings, bei der der Referenzwert bei der Summe der sogenannten polychlorierten Dibenzo(p)dioxine/ -furane (PCDD/F) und dioxinähnlichen polychlorierten Biphenyle (dl-PCB) überschritten wurde. Bei den Flammschutzmitteln (PBDE) lagen sechs Personen über dem Referenzwert. Maria Langhammer vermutet, dass das mit Loacker zusammenhängt, sie wohnt etwa 800 Meter von dem Unternehmen entfernt, von ihrem Fenster aus kann sie das Betriebsgelände sehen. "Ich habe Angst um meine Gesundheit."

"Die Verunsicherung der Frau kann ich verstehen", sagt Dr. Uta Ochmann. Die Ärztin für Arbeits- und Umweltmedizin an der Uniklinik München hat sich Langhammers Untersuchungsergebnisse angeschaut. Entscheidend dabei sei, dass zum Vergleich ein Referenzwert herangezogen wird. Wenn dieser überschritten wird, muss das noch kein Grund zur Sorge sein: "Das sagt überhaupt nichts darüber aus, ob eine gesundheitliche Gefährdung vorliegt", sagt die Medizinerin.

Blei im Körper

Sie nennt ein Beispiel aus dem Schützensport: "Sportschützen, die regelmäßig mit bleiummantelten Geschossen hantieren, haben teilweise Blutbleikonzentrationen bis zu 300 Mikrogramm pro Liter." Der Referenzwert von Blei bei dem Human-Biomonitoring der Wonfurter liegt im Mittel bei 18,1 Mikrogramm pro Liter Vollblut (direkt und ungefiltert aus der Vene genommenes Blut). "Bei erwachsenen Männern sind toxische Wirkungen von Blei im Körper ab etwa 400 Mikrogramm pro Liter möglich. Die Spanne zwischen Referenzwert und toxikologisch bedenklichen Konzentrationen ist meist groß. Dennoch ist ein solcher Messwert wichtig und für den Betroffenen als Hinweis zu nehmen, seinen Umgang mit dem Gefahrstoff zu analysieren und Schutzmaßnahmen zu treffen", erklärt Ochmann.

Was sind Referenzwerte?

Referenzwerte, was sind das eigentlich? Das Landratsamt Haßberge, das das Biomonitoring am Gesundheitsamt in Haßfurt begleitet hat, hatte dazu eine Erklärung abgegeben: Diese Werte kennzeichnen die allgemeine Hintergrundbelastung in der Bevölkerung und geben die üblicherweise in biologischen Proben wie Urin oder Blut vorkommenden Schadstoffkonzentrationen wieder. Referenzwerte basieren auf der Untersuchung von vielen Proben einer ausreichend großen, möglichst repräsentativen Stichprobe von gesunden Personen der Allgemeinbevölkerung. 95 Prozent der Allgemeinbevölkerung weisen Konzentrationen unterhalb des Referenzwertes auf, und nur fünf Prozent überschreiten ihn.

Uta Ochmann findet, dass die Erklärungen des LGL in dem Schreiben an Maria Langhammer "etwas kurz" geraten sind, um der 70-jährigen Frau die erhöhten Werte und mögliche Zusammenhänge zu erläutern. "Bei ihr könnten die höheren Werte unter anderem auch im Alter begründet liegen." Da Langhammer 70 Jahre alt sei, könne es sich bei ihr um eine Kumulation der Dioxine und dioxinähnlichen Verbindungen über die lange Lebenszeit handeln. Sprich: Je länger man solchen fettlöslichen Stoffen ausgesetzt ist, desto mehr davon sammeln sich im Fettgewebe des Körpers an.

Dioxine entstehen etwa bei der Verbrennung von Müll, auch in Elektronikgeräten sind die giftigen Stoffe enthalten. Nicht zwangsläufig muss der erhöhte Wert bei Maria Langhammer aber von dem in der Kritik stehenden Recycling-Unternehmen stammen. Man wisse, dass die Stoffe durch konsequente Maßnahmen wie etwa den Einbau effektiver Filteranlagen bei Müllverbrennungsanlagen in den vergangenen Jahren und durch Verwendungsverbote von PCB-Verbindungen seit Ende der 80er Jahre zurückgegangen sind, sagt Ochmann.

Es besteht Informationsbedarf

Bei einem Wert, wie er bei Langhammer gemessen wurde, ist man ohne eine nötige ausführliche Erklärung dazu freilich verunsichert. "Der Gedanke ist ganz schnell da, dass man vergiftet ist." Der Frau müsse aber bezüglich der gemessenen Werte nicht bange sein. Sinnvoll fände es die Ärztin, wenn die Behörden der Bevölkerung in Wonfurt noch einmal die Möglichkeit böten, konkret über das Thema Human-Biomonitoring zu sprechen und darüber zu diskutieren. Offenbar bestehe noch Informationsbedarf. Auch die Testmethode mit Blut- und Urinproben zu arbeiten, hält Ochmann für ausreichend: Damit ließen sich die untersuchten Chemikalien gut nachweisen, eine Gewebeprobe sei dafür auf keinen Fall notwendig.

Der Amtsarzt am Gesundheitsamt im Landratsamt Haßberge, Dr. Jürgen Reimann, hat erklärt, dass die Bürgerinitiative in Wonfurt bereits auf das LGL zugekommen ist. Sie hätten um ein Gespräch gebeten, ein solches soll nun zeitnah vereinbart werden. Zu den Untersuchungsergebnissen von Maria Langhammer sagt der Arzt, der das Biomonitoring im Februar begleitet hatte: "Es ist schwer, jemandem zu vermitteln, dass er überhöhte Werte hat, aber dass das keine gesundheitlichen Folgen hat." Die gemessenen Dioxine müssten laut Reimann "auch nicht zwangsläufig von Loacker kommen". Dennoch hält er es für sinnvoll, wenn die Produktionshalle des Unternehmens eingehaust und mit entsprechenden Luftfiltern ausgestattet werden würde. "Es wäre das Vernünftigste, um da mal einen Abschluss zu machen." Damit nämlich werde die Gefahr, dass irgendetwas freigesetzt wird, minimiert.