Der Hauptleidtragende bei der ganzen Geschichte war ein gerade mal fünfjähriger Bub. Schon den ganzen Tag hatte er sich unbändig auf das Karussell gefreut - und als er dann in einem zierlichen Hubschrauber saß, kriegten sich die Erwachsenen, darunter sein Vater, mächtig in die Wolle. Der Vorfall hatte jetzt ein Nachspiel vor dem Haßfurter Amtsgericht, wo der Vater nun auf der Anklagebank saß. Er wurde nach fast dreistündiger Verhandlung wegen zweifacher Körperverletzung zu einer viermonatigen Bewährungsstrafe verurteilt.

Auf der Haßfurter Kirchweih

Tatzeitpunkt war der 19. Oktober letzten Jahres gewesen, ein Samstagabend kurz nach 18 Uhr. Da lief das Kirchweihfest auf Hochtouren. Mitten unter den Besuchern befanden sich zwei Männer, der Angeklagte (44) und dessen Freund (61). Während der 44-Jährige seinen fünfjährigen Sohn dabei hatte, hielt der Ältere seinen sechsjährigen Enkel an der Hand.

Die Knirpse hatten es auf das lustige Karussell abgesehen. Einer setzte sich hinter den Hubschrauber, der zweite hinter das Feuerwehrauto. Unterdessen ging der Angeklagte zur Kasse. Dort sagte er der Frau, dass er ebenfalls Schausteller sei, und bat, die Kinder umsonst fahren zu lassen. Dies, meinte der Beschuldigte vor Gericht, sei in der Branche allgemein üblich.

Da die Frau den angeblichen Berufskollegen aber nicht kannte, kam für sie eine Gratisfahrt oder Ermäßigung nicht in Frage. Sie akzeptierte auch nicht, als kurz darauf der ältere Freund des Angeschuldigten mit einem 20-Euro-Schein in der Hand erschien, um die Tickets für die Kinder zu lösen. Vielmehr bestand sie bei der Fahrscheinkontrolle darauf, dass die beiden Kinder auszusteigen hätten.

Dabei, so ihre Aussage im Zeugenstand, "stupste" sie den Fünfjährigen an dessen Jacke. Der Vater dagegen schilderte diesen Vorgang ganz anders: Die Frau, behauptete er, "schüttelte, riss und schlug" seinen Sohn. Daraufhin sei er wie von der Tarantel gestochen hingerannt und habe die Kassiererin weggestoßen. "Ich habe nur meinen Sohn verteidigt", beteuerte er.

Andere Version

Die Version der Frau ergab ein ganz anderes Bild: Der Angeklagte habe sie mit seinem Arm in den Schwitzkasten genommen und gewürgt. Erst einem Kollegen und ihrem Sohn sei es mit vereinten Kräften gelungen, den Wütenden von ihr wegzuziehen. In der daraufhin einsetzenden Prügelei wurde ihr Sohn per Faustschlag am linken Auge getroffen - das Polizeifoto zeigt ein lupenreines Veilchen.

Dass der Prozess so lange andauerte, lag sicherlich daran, dass sich die Aussagen der geladenen Zeugen teilweise diametral widersprachen. Es gab, formulierte Strafrichterin Ilona Conver, leider "keine wirklich neutralen" Zeugen. Dennoch hielt sie die beiden Taten für erwiesen. Den Antrag von Rechtsanwalt Alexander Wessel, den fünfjährigen Jungen zu vernehmen, lehnte das Gericht ab. Neben der - noch nicht rechtskräftigen - Bewährungsstrafe, die für zwei Jahre ausgesetzt wurde, muss der Verurteilte 1200 Euro an den Kreisjugendring zahlen