- "Für mich hat sich der Kreis geschlossen" - das sagte Eberhard Eichhorn aus Ummerstadt beim Heimatkundlichen Gesprächskreis des Heimatvereins Pfarrweisach. Mit diesem Fazit schloss er einen eineinhalbstündigen Vortrag, in dem er sich und seine Zuhörer unter dem Titel "Aktion Ungeziefer" mit der Zwangsumsiedlung in der ehemaligen DDR befasst hatte.
Aus Ummerstadt in Südthüringen kommend, wo er einst mit seiner Familie als "Ungeziefer" zwangsumgesiedelt wurde, durchlebte der Referent laut eigenen Angaben viele Stationen in der DDR, bis er im Jahr 2007 wieder zurück nach Ummerstadt kam, wo er bis heute wohnt. 2009 war er Mitbegründer des Historischen Vereins Ummerstadt, dem er bis heute vorsteht.


Alles verloren

Das Thema und der Vortrag Eichhorns, der jetzt 72 Jahre alt ist, sorgte unter den 40 Zuhörern im Gasthaus Eisfelder teilweise für Gänsehaut, so skrupellos und menschenverachtend sind das Militär und die Polizei mit ihren Landsleuten umgegangen. Eichhorn: "Die Aktion Ungeziefer ist eine der totgeschwiegenen Terroraktionen in der DDR". Die Familien hätten durch "die große Politik alles verloren". Zeitweise sah man sich in die Zeit der Teilung Deutschlands und der politischen Eiszeit zwischen Ost und West zurückversetzt, so sehr gingen die Schilderungen Eichhorns und die Originaldokumente mit ihrem zynischen Unterton unter die Haut.
So stand handschriftlich auf einem Dokument zu lesen: " ... diese Zahlen hat mir eben der Genosse König durchgegeben, das wäre das Ergebnis der Kommissionsarbeit zur Beseitigung des Ungeziefers". Und mit "Ungeziefer" sind Menschen gemeint.


Gesperrte Zone

1952, als es noch keinen Stacheldraht um die DDR gegeben hat, habe sich die politische Situation verschärft, berichtete Eichhorn. Auf einer Breite von fünf Kilometern hinter der Grenze seien die Menschen isoliert gewesen - es durfte niemand in diese Zone. Ummerstadt habe damals 1000 Einwohner gehabt, dazu kamen rund 500 Flüchtlinge aus dem Krieg. Die Lage habe sich, so berichtete Eichhorn beim Heimatverein, 1952 so zugespitzt, dass immer mehr bespitzelt und denunziert wurde.
Am 29. Mai 1952 begann die Zwangsausweisung. Betroffen waren "ausgesuchte" Familien entlang des Eisernen Vorhangs, insgesamt 900 Menschen. Die Familie Eichhorn - Vater und Mutter, vier Söhne und eine Tochter - traf es zwischen dem 4. und 5. Juni. Innerhalb von zwei Stunden mussten sie mit anderen Ummerstädtern frühmorgens ihr Haus räumen. Jeder Haushalt, der "umgesiedelt" wurde, bekam einen Lkw gestellt, auf dem das nötigste Hab und Gut geladen wurde - Kleider, Geschirr, Möbel.
Bei Hildburghausen wurden sie auf einem Güterwaggon verladen - niemand wusste, wohin die Reise geht. Einmal hieß es nach Polen, dann habe sich diese Information wieder zerschlagen; wieder andere Gerüchte tauchten auf, ehe die Eichhorns in Arnstadt bei Erfurt "gelandet" waren, so der Referent. Dort machte sich die Familie sesshaft - doch nicht für sehr lange, denn schon drei Jahre später sind die Eichhorns nach Lauscha in Thüringen umgezogen und schließlich - wie die meisten umgesiedelten Ummerstädter - in den Westen geflüchtet.
Über diese Aktion, die Flucht in den Westen, gibt es nochmals viel zu berichten, was einen weiteren Abend füllen wird. Dazu lädt der Heimatverein am Montag, 22. Februar, ins Gasthaus Eisfelder ein. Referent ist wieder Erhard Eichhorn. Der Vorsitzende des Heimatvereins, Horst Ruhnau, zeigte sich erfreut über das Interesse an diesem authentischen Bericht. "Das war die bestbesuchte Veranstaltung des Heimatvereins", kommentierte er im Hinblick auf die Vielzahl der Gäste.