"Kommen Sie schnell, meine Mutter liegt im Drogenrausch leblos in der Badewanne!" rief der junge Mann aufgeregt ins Telefon, als er die Nummer der Einsatzzentrale der Polizei eingegeben hatte. Als die alarmierten Beamten kurz darauf eintrafen, lebte die 50-jährige Frau zwar noch, war aber aufgrund ihres Rauschgiftkonsums völlig apathisch und nicht ansprechbar. In ihrem Zimmer fanden die Ermittler einen winzigen Rest an Betäubungsmitteln: 0,1 Gramm Marihuana. Da dieser Stoff nicht zweifelsfrei der Frau zugeordnet werden konnte, wurde das Verfahren ohne weitere Auflagen eingestellt.

Die Person, die neben ihrem Pflichtverteidiger Tilman Fischer auf der Anklagebank Platz nahm, bot ein Bild des Jammers: Mit strähnigen und ungepflegten Haaren stützte die 50-jährige Frau den Kopf schwer auf ihren Händen ab. Wirr blickend, hatte sie größte Mühe, auf einfachste Fragen von Amtsrichterin Ilona Conver zu antworten und dem Gang des Verfahrens zu folgen. "Wenn man Sie so ansieht", meinte denn auch die Vorsitzende, "kommt einem das kalte Grausen."

Einer der damals beteiligten Polizisten schilderte im Zeugenstand, woran er sich erinnern konnte. Es war am 2. Juli letzten Jahres gegen 21 Uhr abends, als der Sohn seinen Notruf absetzte. Als dann kurz darauf die Polizeistreife kam, waren die Uniformierten auf das Schlimmste gefasst. Sie suchten in der unaufgeräumten und teilweise verschmutzten Wohnung sofort das Badezimmer auf, aber in der Badewanne lag niemand mehr. Der junge Mann, der die Polizei gerufen hatte, hatte es zwischenzeitlich irgendwie geschafft, seine berauschte Mutter in sein eigenes Bett zu bugsieren. Anwesend war ein weiterer Mann, es handelte sich dabei um den Freund der Mutter. Anwesend allerdings nur im physischen Sinne, denn er war ebenfalls völlig zugedröhnt und weggetreten. Die Drogensüchtige wurde vom Rettungswagen ins nahe gelegene Haßfurter Krankenhaus gebracht, wo sie unter ärztlicher Aufsicht war.

Im Zimmer der Angeklagten sahen die Ermittler eindeutige Hinweise auf intensiven Drogenkonsum wie Spritzen und angekohlte Löffel. An Betäubungsmitteln selber konnten sie nur das schon genannte Zehntel-Gramm Marihuana sicherstellen. Da das Zimmer nicht verschließbar war, konnte jeder Bewohner und Besucher jederzeit überall rein. Von daher war der Stoff nicht hundertprozentig der Beschuldigten zuordenbar.

Bei der Verhandlung erfuhren die als Zuhörer anwesenden Jugendlichen einer Schulklasse, dass sich die Frau in einem Methadon-Substitutionsprogramm befindet. Bei Methadon, einem synthetisch hergestellten Opioid, handelt es sich um einen vom Arzt verschriebenen Ersatzstoff, mit dem Heroinabhängige ihren Suchtdrang stillen können. Mit der geregelten Einnahme dieses Medikamentes unter Aufsicht soll schwer drogenabhängigen Menschen ein Weg aufgezeigt werden, von harten Drogen wie Heroin oder anderen Opiaten loszukommen.

Bei der 50-Jährigen mündete das Substitutionsprogramm augenscheinlich nicht in einen Erfolg. Richterin Ilona Conver mahnte: "Sie richten sich zugrunde" und Ilker Özalp von der Staatsanwaltschaft prophezeite ihr knallhart: "Wenn Sie so weitermachen, sterben Sie sehr bald." Die Juristen wirkten ziemlich hilflos, ob der prekären Situation der Angeklagten. So wurde das Verfahren gegen die mehrfach Vorbestrafte ohne Auflagen eingestellt. Aber für die Schüler auf den Zuhörerbänken war das traurige Bild, das die Frau abgab, sicherlich eine erschütternde wie eindringliche Mahnung dafür, wie gefährlich Drogenkonsum bzw. -missbrauch sein kann.