Drei kleine Löcher im Unterbauch erinnern den jungen Mann an ein schlechtes Wochenende. Am Samstagmorgen kamen die Bauchschmerzen, nachmittags waren sie unerträglich. Blinddarmentzündung. Am Sonntag lag der Mann auf Dr. Hildrun Schättins OP-Tisch. Per Schlüsselloch-Technik entfernte die Chirurgin das entzündete Organ. Drei Tage später ist der Patient schmerzfrei und fit. Nur die kleinen Löcher hat er noch im Bauch.

Dr. Schättin ist Chefärztin der Allgemein- und Visceralchirurgie im Haus Haßfurt der Haßberg-Kliniken und eine Operateurin, die oft ohne große Schnitte auskommt. Minimal-invasiv ist der Oberbegriff für solche Eingriffe mit kleinsten Wunden am Körper des Patienten. Dr. Schättin benutzt den exakteren Begriff: "Laparoskopische Chirurgie".

Eine Kamera schafft Übersicht

Winzige Zugänge in den Körper reichen der Chirurgin bei solchen Operationen aus. "Die Wunden, die entstehen, haben kaum mehr als einen Zentimeter Durchmesser", erklärt sie. Damit sie trotzdem sieht, was im Körper vorgeht, wird bei jeder Operation eine sehr kleine Kamera über einen der - in der Regel drei - Zugänge eingeführt. Die Instrumente wie Scheren und Fasszangen sind lang und sehr dünn. Wie die Kamera werden Sie über einen schlanken Kanal an den Operationsherd im Körper geführt und per Handgriff vom Arzt bedient.

Für Patienten bringt die Technik oft Vorteile mit sich. Dr. Schättin erläutert sie am Beispiel ihrer letzten Operation an diesem Tag: Ein Narbenbruch am Nabel, der nach einer laparoskopischen Gallenoperation entstanden war. "Der Patient wurde auswärts operiert. Dann bekam er Bauchschmerzen. Jetzt ist er zu uns gekommen und wir haben ihn erneut operiert", sagt Schättin. Bei dem Eingriff sei wichtig gewesen, dass während der Operation "Diagnostik vorgenommen werden konnte", sagt Schättin, weil der Patient Beschwerden hatte. Über die kleine Kamera konnten die Organe im Bauchraum mitbeurteilt werden. "Wir haben Verwachsungen entdeckt, die gelöst wurden", erklärt Schättin.

Versorgt man einen solchen Narbenbruch klassisch über einen Schnitt in der Bauchdecke, kann der Bauchraum nicht eingesehen werden. Man hätte die Bauchmuskulatur durchschneiden müssen. "Das hätte das Risiko mit sich gebracht, dass neue Verwachsungen im Wundbereich entstehen", weiß Schättin.

Die OP hat eine Dreiviertelstunde gedauert. Nach vier Tagen ist der Patient wieder daheim - wenn keine Komplikationen eintreten. Bei herkömmlicher Operationsmethode hätte das deutlich länger dauern können. "Es hängt immer von den Schmerzen des Patienten ab. Nach minimalinvasiver Operation sind die in der Regel geringer, weil wir keine Muskeln durchtrennen müssen", erklärt Dr. Schättin.

Am häufigsten bei Gallen-OP

Am häufigsten wendet die Chefärztin die Technik bei Gallen-Operationen an. 150 Gallen entfernt sie pro Jahr sowie 130 Blinddärme. Außerdem behandelt sie zwischen 30 und 35 Hernien (Bauchwandbrüche) und 25 gutartige Erkrankungen des Dickdarms mit der Schlüssellochtechnik. "Das sind die Erkrankungen, die hier fast täglich laparoskopisch behandelt werden", sagt Schättin.

Bei Krebs stößt die Methode an ihre Grenzen. "Das mache ich in den seltensten Fällen. Nur, wenn es ein geeigneter Patient mit einem geeigneten Tumor ist", sagt die Dr. Schättin. In der Krebstherapie geht es oft nicht darum, möglichst wenige Spuren am Körper zu hinterlassen. Sondern darum, etwas großflächiger zu schneiden, damit keine Rückstände des Tumors im Körper verbleiben. "Das ist keine Routine, da müssen wir von Fall zu Fall schauen."

Nicht nur die Art der Erkrankung, auch die körperliche Verfassung des Patienten bestimmt, welche Therapiemethode infrage kommt. Damit minimalinvasiv operiert werden kann, muss der Bauch des Patienten mit Gas aufgefüllt werden. So wird Platz und Übersicht im Körperinneren geschaffen. "Für alte Menschen oder solche mit Herz- und Lungenerkrankungen kann das gefährlich werden", weiß die Expertin. Auch hier wird statt der auf den ersten Blick schonenderen Schlüsselloch-Methode der klassische Schnitt bevorzugt. "Der Vorteil des kleinen Zugangs muss von Fall zu Fall in Relation zu den individuellen Risiken der Methode gesetzt werden". Auch Kinder ab zwei Jahren können mit der Technik behandelt werden. Dafür hält das Haus Haßfurt der Haßberg-Kliniken besonders feine Geräte vor.

Seit den 80er Jahren verbreitet

Die Technik ist Standard als Teil der Visceralchirurgie (Operationen im Bauchraum). Gelernt hat Dr. Schättin sie im Juliusspital in Würzburg (bei Professor Ekkehard Schippers). Zuerst haben Gynäkologen die Technik eingesetzt, zur Entfernung der Gebärmutter, die Technik wurde dann von Visceralchirurgen verfeinert. Ab Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre wurde sie dann zunächst für Blinddarmentfernungen eingesetzt.