Ein kleines Stück Papier hält Rudi Bickel in Händen. Es ist vergilbt, leicht eingerissen, abgegriffen. Die Schrift ist verblasst, aber noch gut zu lesen. Rudi Bickel muss das Geschriebene nicht lesen. Er kennt den Inhalt auswendig. Der Feldpostbrief mit der blauen Marke aus dem fernen Stalingrad ist das letzte Lebenszeichen seines Vaters Alfons Bickel.

Abgeschickt am 2. Januar 1943 (etwa einen Monat vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Stalingrad) hat der Brief die Familie Bickel noch erreicht. "Seid nur vorsichtig mit Rudi", bat Alfons Bickel in dem Brief um besondere Sorge für seinen Sohn, der damals knapp zwei Jahre alt war. Alfons Bickel sah seinen Sohn nicht mehr. Der Soldat aus Prölsdorf, der 1909 geboren wurde, starb vermutlich in den letzten Tagen der Schlacht um Stalingrad. Seine Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Deshalb gilt er offiziell nach wie vor als vermisst.

"Hat er gelitten?"

Das ungewisse Schicksal, die letzten Tage im Leben seines Vaters bewegen Rudi Bickel bis heute. "Hat er gelitten?" Diese Frage stellt sich der heute 72-Jährige immer wieder. Und mit ihm seine Frau Ottilie (74) sowie die beiden Söhne Norbert (48) und Jürgen (44). Rudi Bickel weiß es nicht. Gelitten haben sicherlich alle Soldaten, die in Stalingrad kämpfen mussten. Aber wie kam der Tod über den Vater? Schnell, langsam, qualvoll, war er allein?

Rudi Bickel ist seit 1996 viermal nach Stalingrad gereist. Ein Sohn begleitete ihn immer. Dort hat er auf dem Soldatenfriedhof in Rossoschka einen Ort gefunden, an dem er trauern kann. Der Name seines Vaters ist unter den vermissten Soldaten auf einem Steinwürfel eingraviert.

Es war ein langer Weg, der die Wehrmacht 1942 über Tausende von Kilometern nach Stalingrad in die brutalste und blutigste Schlacht des Zweiten Weltkrieges führte. Alfons Bickel war im Januar 1942 als 32-Jähriger von der Wehrmacht eingezogen worden. Er wurde Soldat in der 389. Infanterie-Division, die damals bei Prag aufgestellt wurde. Sein erster Marschbefehl lautete: Ostfront. Richtung Stalingrad.

Im November 1942 kesselte die russische Rote Armee die deutschen Truppen ein. Am 2. Januar 1943 schickte Alfons Bickel seinen (vermutlich) letzten Brief an die Heimat ab. Ende Januar/Anfang Februar kapitulierte die Wehrmacht. In diesen letzten Tagen der Schlacht um Stalingrad muss Alfons Bickel gefallen sein. Wo genau, wann und unter welchen Umständen ist nicht bekannt.

"Gehofft bis zuletzt"

Rudi Bickel war vier Jahre alt (da war der Krieg vorbei), als er erstmals vermutete, dass sein Vater nicht mehr heimkehren würde. Die Familie hat die Hoffnung aber nicht aufgegeben, dass Alfons Bickel doch noch am Leben sein könnte und in einem der Züge sitzen würde, die die Kriegsgefangenen aus Russland nach Deutschland brachten. Mit Hilfe des Roten Kreuzes suchte die Familie nach Alfons Bickel. Vergeblich. Die Familie habe "gehofft bis zuletzt", schildert Rudi Bickel. Bis es der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer schaffte, die letzten Kriegsgefangenen heimzuholen. 1955 war das. Aber die Hoffnung schwand immer mehr. Bis nur noch die traurige Gewissheit blieb: Alfons Bickel lebt nicht mehr. Glücklich heimkehrende Soldaten, die nach Angehörigen der 389. Infanterie-Division befragt wurden, schüttelten nur den Kopf. Offensichtlich hat aus dieser Einheit keiner überlebt.

Gleichwohl gab Rudi Bickel nicht auf, Näheres über das Schicksal seines Vaters zu erfahren. Stalingrad und alles, was damit zusammenhing, wurden ein Thema, das ihn in seinem Leben nicht mehr loslässt. Über Stalingrad "habe ich sämtliche Bücher gelesen", erzählt Bickel, und wenn ein neues Druckwerk erscheint, dauert es nicht lange, bis es im Bücherregal des Prölsdorfer Rentners steht.

Immer deutlicher wurde vor seinen Augen, welches unermessliche Leid sich dort abgespielt hat. "Man kann nicht glauben, was die Leute mitgemacht haben", sagt Rudi Bickel.

Mit der Öffnung der Sowjetunion und später Russlands und der Öffnung bis dahin geheimer Archive kamen weitere Informationen über den Krieg in den Westen. Neue Filme und Dokumentationen für das Fernsehen entstanden. Und: Reisen an die Orte des Krieges wurden leichter möglich.

Birkenkreuz und Gedenkstein

1996 flog Rudi Bickel erstmals mit Hilfe des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach Russland. Über Moskau ging es in das rund 1000 Kilometer südlich davon gelegene Stalingrad, das heute Wolgograd heißt. Sohn Norbert war dabei. Ziel war Rossoschka, ein kleiner Ort, 37 Kilometer vom Stadtzentrum Wolgograds entfernt. Dort hatte die Wehrmacht noch während des Krieges einen kleinen Friedhof angelegt. Rund 600 gefallene deutsche Soldaten sind dort von der Wehrmacht beerdigt worden. Als Rudi Bickel dort 1996 ankam, gab es nur dieses kleine, unauffällige Gräberfeld und ein Birkenkreuz samt einem Gedenkstein. Mehr nicht.

Viermal war Rudi Bickel mittlerweile in der Stadt an der Wolga (1996, 2000, 2006 und 2012). Bei einer Reise mit seinem jüngeren Sohn Jürgen hatte er die Möglichkeit, das Traktoren-Werk "Dscherschinski" an der Wolga zu besuchen, von dem sie aus einem Brief des Vaters und Großvaters wissen, dass Alfons Bickel dort zuletzt gekämpft hatte. "So nah waren wir ihm nie" davor oder später, erzählt Jürgen Bickel.

Als sich Rudi Bickel 2006 zum dritten Mal in Rossoschka aufhielt, war neben dem kleinen Wehrmacht-Friedhof mittlerweile ein großer Soldatenfriedhof entstanden, der mit hochrangigen Vertretern Russlands und Deutschlands und Veteranen beider Kriegsparteien eingeweiht wurde. Nahe dem kleinen Wehrmacht-Friedhof sind auf einem runden Gräberfeld (Durchmesser 150 Meter) bislang die Gebeine von 53 240 deutschen Soldaten beerdigt. 24 447 von ihnen sind namentlich bekannt, wie der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mitteilt. Die Namen der 24 447 toten Soldaten stehen außen auf der Mauer des Gräberfeldes.

Granitsteinwürfel

Gleich daneben befinden sich 107 große Granitsteinwürfel mit jeweils rund 900 Namen. Insgesamt sind auf den Steinblöcken 103 234 Namen eingraviert. Das sind die Vermissten. Und: In einem Gästepavillon von Rossoschka (das Dorf war im Krieg dem Erdboden gleichgemacht und danach wieder aufgebaut worden) gibt es mehrere Namensbücher. Darin stehen exakt 173 055 deutsche Namen - alle Toten von Stalingrad.

Direkt neben dem Friedhof für die gefallenen Deutschen befindet sich ein russischer Soldatenfriedhof mit rund 10 000 Toten. "Wir haben ein wichtiges Ziel erreicht: Deutsche und russische Soldaten, Gegner von einst, ruhen nun hier, nur durch die Landstraße voneinander getrennt, als Symbol der beginnenden Aussöhnung unserer Völker", unterstreicht der Volksbund die Bedeutung dieser Gedenkstätte.

Den Namen gelesen

Auf einem der 107 Steinwürfel hat Rudi Bickel den Namen seines Vaters Alfons Bickel entdeckt. Für den Prölsdorfer ist "wichtig, dass ich den Namen lesen konnte", dass es einen Ort wie Rossoschka gibt, an dem er gedenken und trauern kann.

"Da kommen schon die Tränen", gesteht der 72-Jährige. Er hat am Steinwürfel Blumen niedergelegt und Erde, die er aus Prölsdorf mitgebracht hatte, am Wolga-Ufer in Wolgograd verstreut. Und er nahm Erde aus Wolgograd mit nach Prölsdorf.

Rossoschka ist ein Friedhof sowie ein Ort des Gedenkens und Erinnerns. Aber Rossoschka ist kein Friedhof, wie ihn zum Beispiel Prölsdorf hat. Die Trauer an einem Gedenkstein in Russland ist etwas anderes als ein Besuch am Grab auf dem heimischen Gottesacker. Wenn Alfons Bickel in der russischen Erde gefunden würde, "würden wir ihn heute noch heimholen", sagt Rudi Bickels Frau Ottilie entschlossen. Rudi Bickel hat die "Hoffnung, dass sie ihn noch finden", nicht ganz aufgegeben.

Weitere Opfer aus Prölsdorf

Alfons Bickel war nicht der einzige Soldat aus Prölsdorf, der bei der Schlacht um Stalingrad ums Leben kam. Aus dem kleinen Dorf (heute Gemeinde Rauhenebrach im Landkreis Haßberge) fielen auch Johann Blaurock und Josef Raab. Die Elternhäuser der drei Weltkriegstoten liegen nur wenige Meter in Prölsdorf auseinander.