"Herr Nikolaus, können Sie bitte noch einmal hinausgehen, dann langsam die Tür öffnen und ins Wohnzimmer gehen? Ich möchte das filmen!" Wenn Walter Franz Bauer aus Limbach als Nikolaus die Familien in Eltmann und Umgebung besucht, sind nicht nur strahlende Kinderaugen, sondern auch Video- und Handykameras auf ihn gerichtet. "Früher haben die Familienväter meinen Hirtenstab gehalten, während ich aus dem goldenen Buch vorgelesen habe. Heute haben die Männer die Kamera in der Hand", erzählt Bauer. Diese Entwicklung ist ein Motor der Emanzipation: "Mittlerweile übernehmen hauptsächlich Frauen das Amt des ehemals männlichen Stabhalters", sagt Bauer.

Immerhin: Die Anrede "Sie, Herr Nikolaus" ist geblieben. "Denn auch Erwachsene werden wieder zu Kindern, wenn sie Kontakt mit dem Nikolaus haben, und verhalten sich respektvoll", erzählt der Limbacher.

Seit 40 Jahren geht er vorm und am Nikolausabend zu Kindern in der Gemeinde. Den Limbacher Kindergarten besuchte er bereits zum 31. Mal und auch zum Seniorenkreis kommt er regelmäßig. In Privathaushalten schaut Bauer auf Anfrage vorbei. Geld verlangt er dafür nicht, aber Spenden sind erwünscht. Die schickt er dann umgehend nach Bolivien, wo sich zwei Tiroler Ordensschwestern für die Armen einsetzen.

Nikolaus lebte in der Türkei

Nächstenliebe ist das Stichwort für den Limbacher Pfarrer Ottmar Pottler. Ihm ist es wichtig darzustellen, dass der Nikolaus nicht nur Geschenke bringt, sondern ein historisches Vorbild hat. Der historische Nikolaus (um 280 bis um 350) war als Bischof im türkischen Myra tätig, der heutigen Stadt Demre. In dem muslimischen Land wird er noch heute als historische Persönlichkeit und "Noel Baba" (Weihnachtsmann) verehrt. Während der Heilige in der westlichen Welt als katholischer Bischof dargestellt wird, zeigen ihn Bilder der östlichen Welt als russisch-orthodoxen Geistlichen.

Der Heilige Nikolaus gilt auf der ganzen Welt als Symbol des Friedens, der Solidarität und der Nächstenliebe. Der 6. Dezember ist sein Todestag, der in der Türkei mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Nikolauskirche in Demre, wo er ursprünglich begraben wurde, gefeiert wird. Das offizielle Grab des Seefahrerpatrons liegt in der italienischen Hafenstadt Bari. Kaufleute hatten den Leichnam 1087 geraubt und dort bestattet.

Das christliche Vorbild hat auch Walter Franz Bauer vor Augen, wenn er den Nikolaus mimt. Deshalb gibt der 62-Jährige auch keinen Nikolaus von der Stange. Die weiße Albe (das Priestergewand), die er trägt, ist in der Taille mit einem roten Gürtel gerafft, an dem klingend ein Glöckchen baumelt. Darüber trägt Bauer einen edlen Umhang in Bordeauxrot mit goldenen Aufschlägen und die Mitra (Bischofsmütze) auf dem Kopf. In der einen Hand hält er den Hirtenstab, in der anderen sein goldenes Buch. An den "Santa Claus" aus dem Fernsehen erinnern allenfalls die weiße Perücke und der Rauschebart.

Ein Thron für den Nikolaus

Bauer sieht sich als "fränkischer Nikolaus mit Tradition und christlichem Hintergrund". Als solcher hat er auch Ansprüche. Zum Beispiel erwartet der Nikolaus bei seinen Besuchen eine angemessene Sitzgelegenheit - ein Stuhl mit rotem Samtbezug oder weichem Lammfell sollte es schon sein. Nach dem Vortrag seines Eröffnungsgedichts wünscht sich der Himmelsbote ein Lied. "Am liebsten höre ich ,Niklas ist ein guter Mann', das geht runter wie Öl", sagt Bauer lachend.

Haben die Kinder schön gesungen, schlägt der Nikolaus das goldene Buch auf. Zwischen den Seiten des dicken Wälzers (eigentlich ein Märchenbuch) hat sich Bauer Stichpunkte zu den Kindern notiert. "Mir ist es wichtig, dass die Kinder merken, dass Gutes wie Schlechtes wahrgenommen wird und es nicht egal ist, was sie tun."
Bei den kleinen Kindern sammelt der Limbacher oft Schnuller ein ("einen dürfen sie aber als Reserve behalten"), ermahnt streitende Geschwister ("Streit darf mal sein, aber dann muss man sich auch wieder versöhnen") und diszipliniert fluchende Einzelkinder. "Einmal hat ein Achtjähriger ständig andere Kinder beschimpft. Als ich ihn gefragt habe, warum er das macht, hat er gemeint: Nikolaus, die Worte fallen mir einfach aus dem Mund! Ich habe ihm dann erlaubt, ,Mist' zu sagen - aber den Rest nicht mehr."

Ein Blick genügt

Wenn der Versicherungsmakler direkt nach der Arbeit ins Auto springt und zu einem Auftritt fährt, legt er eine CD mit besinnlichen Weihnachtsliedern ein, um in Stimmung zu kommen. "Wenn ich mich dann umgezogen habe und in den Spiegel schaue, dann fühle ich mich auch wie der Nikolaus", sagt Bauer und lächelt verschmitzt.

Als Nikolaus hat er während seiner Amtszeit schon viele Komplimente bekommen. Die Drei- bis Neunjährigen finden den Mann mit Rauschebart und im feinen roten Mantel "schön". "Selbst Kinder, die wissen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, spielen begeistert mit, wenn ich sie besuche", freut sich Bauer. Nur eines gefällt ihm überhaupt nicht: Die üppigen Geschenke, die manche Kinder zu Nikolaus bekommen. "Es reicht doch, Kleinigkeiten zu schenken. Das machen wir in der Familie auch so", sagt er. Mit der Neugierde der Kleinen kann Bauer mittlerweile gut umgehen. Auf die Frage, wie er denn mit seinem Schlitten durch die Luft fliegen könne, antwortet er: "Das ist ein Mysterium. Der Schlitten fliegt, so wie sich Musik durch die Luft bewegt."

Das schönste Kompliment hat Bauer von seiner eigenen Enkelin bekommen. Die bezeichnete ihren Opa als "glänzenden Ritter". Der musste sich daraufhin sehr anstrengen, um nicht loszuprusten und sich zu verraten.