Auf seinem Schreibtisch steht ein Herz aus Ton. Es ist nicht rot, es ist nicht glatt. Jemand hat es Türkis bemalt und ein Auge und ein Ohr draufgetöpfert. Der Seelsorger will mit dem Herzen sehen und hören - aber auch gehört und gesehen werden: "Lebe voll, lebe begeistert, mach' dein Ding!" Thomas Doell ist ein christlicher Freigeist, verheirateter Vater zweier Kinder, Seelsorger, Unternehmensberater, Motivator, Marathonläufer, Naturliebhaber und Weihbischof der Christ-Katholischen Kirche. Das große Ziel des Franken lautet: "Ich will Menschen wieder für den christlichen Glauben begeistern."

Kürzlich haben Sie sich vor 170 Top-Managern Ketchup auf Ihr weißes Hemd geschmiert, um zu zeigen, dass Ihr Herz blutet. Hätten Worte beim Speaker Slam in München nicht gereicht?

Thomas Doell: Bevor Worte wirken können, muss man irgendwie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zur Not mit Soße. Aber natürlich geht es um den Inhalt. Ich wollte mich mit den Top-Speakern des Landes messen und bin sehr glücklich darüber, dass man mir den Titel "Inspirationspapst" gegeben hat. Die Zeit ist überreif, dass die Menschen Gottes Botschaft wieder hören: Tu, was du liebst! Vertraue dem Leben, aber klammere dich nicht daran fest, sonst wirst du es verlieren. So wie Jesus in Matthäus 16 sagt: Wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.

Klingt sehr christlich. Wie wichtig ist Ihnen der Glaube?

Der Glaube ist mein größtes Geschenk: Ich glaube an das Leben, auch das ewige Leben. Gott trägt mich immer! In meinem ganzen chaotischen Leben war er immer da.

Was meinen Sie mit chaotischem Leben?

Schon als Kind wollte ich unbedingt Priester werden. Ich war ganz besessen von der Berufung. Nach der Schule habe ich das Bamberger Priesterseminar besucht, mich aber gefühlt wie in einer Kaserne. Kurz vor der Priesterweihe bin ich in eine Lebenskrise geraten.

Statt katholischer Priester zu werden, haben Sie eine Beratungsfirma gegründet, mit der Sie viel Erfolg haben.

Ja, ich habe mir als Thomas Doell eine Karriere aufgebaut, aber den Wunsch, Priester zu werden, nie verloren.

Jetzt ist der Wunsch doch noch in Erfüllung gegangen.

Ja, ich bin ein gutes Beispiel dafür, dass aus einer Krise ein großer Erfolg erwachsen kann - und das ER - Gott - vollendet, was er begonnen hat.

Allerdings sind Sie kein katholischer Priester, sondern ein christ-katholischer. Was ist der Unterschied?

Viele Jahre lang hat es mir wehgetan, kein "richtiger" Priester zu sein. Dann habe ich Kontakt zu Dr. Robert Schuller bekommen, dem Gründer der Reformkirche Crystal Cathedral in Kalifornien. Er hat mich sehr inspiriert und mir gezeigt: Es gibt für mich einen guten Weg, meine Berufung doch noch zu erfüllen. So habe ich die Christ-Katholische Kirche mitbegründet, die weder dem Zölibat noch der Unfehlbarkeit des Papstes anhängt. Seit Mai 2019 bin ich sogar ehrenamtlicher Weihbischof.

Ihr Geld aber verdienen Sie weiterhin mit Unternehmensberatung. Auf der Homepage definieren Sie Ihre Firma so: "Ihr Partner für höchste Potenzialentfaltung." Warum in Gottes Namen muss immer alles optimiert werden?

Mit Potenzial meine ich die inneren Werte und die Möglichkeiten, diese zu entfalten - also das Gegenstück zu Hochleistung und äußerlich sichtbarem Erfolg. Ohne dieses Gegenstück wird man das Gefühl nicht los, nicht gut genug zu sein. In Matthäus 16 heißt es weiter: "Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele?"

Gilt das nicht für viele Wirtschaftsbosse: Geld ohne Ende, aber eine kaputte Seele?

Es beschreibt nicht nur Bosse. Wir in Deutschland sind generell kalt geworden, seelenlos. Wir sind von Ängsten besessen, haben ein immens hohes Sicherheitsdenken. Nach außen fett gefressen, verhungern wir innerlich.

Also brauchen wir Seelennahrung. Wie sieht die aus?

Es ist ein Drei-Gänge-Menü: Der erste Gang ist Eigenliebe - ohne sich selbst zu lieben kann man auch den Nächsten nicht lieben. Der zweite Gang ist der Glaube an die göttliche Schöpfung: Gott ist die Liebe und sein Universum trägt uns. Der dritte Gang ist mein Verhältnis zu meinen Mitmenschen.

Wird man von diesen drei Gängen satt?

Probieren Sie's einfach aus. Das sage ich auch den Wirtschaftsbossen immer. Vertrauen und Verantwortung sind die Grundpfeiler der Zusammenarbeit.

Vertrauen und Verantwortung?

Vertrauen ist der Anfang von allem. Viele Chefs betreiben Raubbau am vorhandenen Potenzial ihrer Mitarbeiter. Aktuelle Untersuchungen besagen, dass nur 15 Prozent der Mitarbeiter hochmotiviert sind, 25 Prozent dagegen sitzen nur ihre Zeit ab, arbeiten also quasi gegen das Unternehmen. Deren Chefs sind vielleicht Manager, aber keine Leader.

Was macht ein Leader anders als ein Manager?

80 Prozent des Erfolgs einer guten Führungskraft ist Psychologie. Ein Leader sorgt für eine feste, verlässliche Führung. Jeder im Unternehmen weiß, wo es langgeht. Der Leader selbst ist ein Vorbild, er geht voran, an ihm kann man sich orientieren. Er lässt Feedback nicht nur zu, sondern fordert es von den Mitarbeitern ein.

Nicht nur Manager wollen Sie hören, sondern auch ganz normale Menschen. Etwa alle vier Wochen predigen Sie in der Alten Kirche von Wernfeld im Kreis Main-Spessart, im Wechsel mit anderen Kirchenkritikern. Was ist Ihr Ziel?

Ich möchte das Wort Kirche mit neuem Leben füllen und mit den Menschen - egal, welcher Konfession! - den Weg nach innen gehen. Die Mehrheit der Christen in unserem Land sind mittlerweile reine Taufchristen - Gläubige nur auf dem Papier, weil in Gottesdiensten eben oft nichts rüberkommt. Dabei ist der Glaube für ein erfülltes Leben essentiell!

Thomas Doell: Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Hofstetten (Haßberge), hat der Franke in Würzburg Theologie und Philosophie studiert, dann eine Unternehmensberatung gegründet. Er ist verheiratet und hat eine Tochter (25) und einen Sohn (22). 2010 trat er aus der katholischen Kirche aus und gründete mit Gleichgesinnten 2012 die Christ-Katholische Kirche, die ihn zum Priester weihte und 2019 auch zum Weihbischof. Doell lebt heute im Landkreis Main-Spessart.

Christ-Katholische Kirche: Die CKK ist eine reformierte katholische Kirche, unabhängig vom Papst, frei vom Zölibat, mit Mitbestimmungsrechten für Laien. Die CKK hat derzeit 400 Mitglieder, altkatholische Christen gibt es in Deutschland zirka 15.000. Der nächste Gottesdienst mit Doell in der Alten Kirche von Wernfeld bei Karlstadt findet am Sonntag, 8. März, ab 11 Uhr statt. Die Predigt wird per Facebook übertragen und ist als Podcast abrufbar über www.thomas-doell.de/podcast. Thomas Doell: Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Hofstetten (Haßberge), hat der Franke in Würzburg Theologie und Philosophie studiert, dann eine Unternehmensberatung gegründet. Er ist verheiratet und hat eine Tochter (25) und einen Sohn (22). 2010 trat er aus der katholischen Kirche aus und gründete mit Gleichgesinnten 2012 die Christ-Katholische Kirche, die ihn zum Priester weihte und 2019 auch zum Weihbischof. Doell lebt heute im Landkreis Main-Spessart.

Christ-Katholische Kirche: Die CKK ist eine reformierte katholische Kirche, unabhängig vom Papst, frei vom Zölibat, mit Mitbestimmungsrechten für Laien. Die CKK hat derzeit 400 Mitglieder, altkatholische Christen gibt es in Deutschland zirka 15.000. Der nächste Gottesdienst mit Doell in der Alten Kirche von Wernfeld bei Karlstadt findet am Sonntag, 8. März, ab 11 Uhr statt. Die Predigt wird per Facebook übertragen und ist als Podcast abrufbar über www.thomas-doell.de/podcast.