Wenn er aus dem Wasser steigt, fühlt er sich wieder wie ein junger Mann. Da reichen schon 15 Minuten. Dank der hohen Temperaturen trocknet die Haut schnell, ein Handtuch nimmt Günter Merz selten mit an den Main. "Seinen Main", wie er sagt. Jeden Tag spaziert der 70-jährige Knetzgauer (Landkreis Haßberge) an den Fluss, um ein erfrischendes Bad zu nehmen. Seit Jahrzehnten schon. Reinspringen, schwimmen, treiben lassen. Seit einiger Zeit aber verstecken sich Merz' Glücksgefühle hinter Sorgenfalten. Denn der Fluss hat sich gewandelt.

"Die Menschen brauchen ihren Main", sagt der Rentner. "Landwirte, Gärtner, Arbeiter - früher kamen die Leute täglich hierher. Sie füllten Gießwasser oder badeten. Heute ist der Fluss kaum noch zugänglich." Wer ins Wasser gelangen möchte, wird meistens von dichtem Buschwerk oder unzugänglichen Wegen abgehalten. Strömung gibt es kaum noch. Günter Merz hat Angst davor, dass sich Mensch und Main weiter entfremden. Dass es irgendwann zu spät ist. "Für mich ist der Main ein Stück Heimat."

Auf dem Gummireifen nach Haßfurt

Während er erzählt, schüttelt sich der 70-Jährige das Wasser aus den Ohren. "Wir sind im Fluss baden gewesen, seit ich denken kann", meint er. An eine Anekdote erinnert er sich besonders gerne: "Als Kinder schnappten wir uns manchmal einen Gummireifen und haben uns von Knetzgau aus einige Kilometer bis nach Hassfurt treiben lassen. Dort sind wir ins Kino gegangen und anschließend zurückgelaufen. Das macht heute keiner mehr."

Deshalb blickt er etwas wehmütig aufs Wasser. "Auch meine Kinder und Enkelkinder sollen doch noch etwas vom Main haben und eigene schöne Erfahrungen machen dürfen." Seine Erinnerungen an den Maa beziehungsweise Mee reichen mindestes 66 Jahre zurück. "Schwimmen konnte ich bereits mit vier Jahren, fast früher als ich laufen lernte." Merz lacht. Er ist mit dem Fluss aufgewachsen.

Seit mehr als 200 Jahren hat seine Familie Fischer hervorgebracht, noch heute ist einer aktiv. Dort, wo heute das Wehr steht, haben seine Großeltern bis in die 1950er Jahre hinein eine Fähre betrieben und die Menschen von Ufer zu Ufer gebracht. Oft ist er selbst mitgefahren, hat ausgeholfen. Von Kindesbeinen an lernte er, dass der Main der Lebensmittelpunkt der Region ist.

Damit das so bleibt beziehungsweise wieder so wird, schließen sich nach einem Anstoß der Gemeinde Knetzgau die Fluss-Anrainer zusammen, um die Mainregion attraktiver zu gestalten. Alleine in Bayern wohnen entlang des Rhein-Nebenflusses fast eine Million Menschen. Millionen Erinnerungen, Millionen Geschichten.

Wirtschaftsmacht und Sehnsuchtsort

Vor allem für Franken hat der Fluss eine große Bedeutung. Nicht nur weil die beiden Quellflüsse Roter Main und Weißer Main bei Kulmbach zusammenfließen und von dort aus den eigentlichen Main auf seine 527 Kilometer lange Reise bis nach Mainz schicken, wo er gemächlich in den Rhein fließt. Er ist nicht nur von immenser wirtschaftlicher Bedeutung für die Region, als Wasserquelle für den Weinbau und Arbeitsplatz von Schiffern, sondern bietet zahlreichen Pflanzen- und Tierarten einen Lebensraum. Für Menschen wie Günter Merz kommt ein weiteres zentrales Attribut hinzu: Sehnsuchtsort.

Nach dem Schwimmen setzt er sich auf eine Bank am Uferweg, die er vor Jahren selbst gebaut hat. Wieder blickt er über den Main. Gerne kommt er hier mit anderen Menschen ins Gespräch oder beobachtet das rege Treiben rund um den Wasserspielplatz. Nur in den Fluss selbst verirren sich seiner Meinung nach zu wenige. Ab und zu einmal ein Boot, hin und wieder ein Angler.

"Dass sich Politiker und andere Leute nun Gedanken darüber machen, wie es weitergeht, finde ich gut", sagt er. "Solange sie die Leute aus der Region nicht vergessen und ihnen ihren Main zurückgeben." Es müsse gar nicht viel sein; eine Treppe zum Hineinsteigen vielleicht oder ein kleiner Badestrand. "Ein Infozentrum (hier lesen Sie mehr darüber) wäre auch ganz schön. Aber der Fluss und die Menschen sollten im Vordergrund stehen." Wer weiß, vielleicht werden sich seine Enkelkinder eines Tages auch wieder auf einem Gummireifen nach Hassfurt treiben lassen können. Günter Merz würde sie mit Sicherheit begleiten.