Die Vorweihnachtszeit ist oft von Hektik geprägt. Den letzten Besorgungen geht oft ein Gang zum Geldautomaten voraus. So erging es auch Jens Holze aus Ebern, der seine spannende Weihnachtsgeschichte in der Frankenwein-Passage in Ebern bei einem Glas Wein erzählt.
"Es war kurz nach 18 Uhr, als ich an einem Mittwoch in Ebern an der Raiffeisenbank mit meinem Auto ankam, um mir Geld zu holen", sagt der 49-jährige Metallarbeiter. Als er ausgestiegen war, kam eine ältere Dame mit ihrem Rollator quer über die Straße auf ihn zu. "Wo findet in Ebern eine große Hochzeit statt? Ich bin nämlich eingeladen", fragte ihn die Seniorin mit fester Stimme, um fortzufahren, dass sie schon länger suche, aber die Örtlichkeit nicht finde.

Kein Problem, dachte sich Jens. Ebern ist ja nicht so groß. Und weil die Dame ziemlich wackelig auf den Beinen und es kalt war, hat er sie gebeten, erst einmal in seinem Auto Platz zu nehmen, was diese gerne tat. "Mir ging noch durch den Kopf, dass ich die wenigen Gastwirtschaften in Ebern schnell abgefahren habe. Irgendwo wird man dann schon sehen, wo die Hochzeit ist", erinnert sich Jens. Der Rollator passte nicht in sein Auto, so dass er diesen erst in einige Einzelteile zerlegen musste, um ihn im Kofferraum verstauen zu können. Gesagt getan. Schnell holte sich Jens aus dem Bankautomaten Geld, während die alte Dame in seinem Auto wartete.

"Als ich in mein Auto eingestiegen war, merkte ich, dass sich die Dame irgendwie auf eine abendliche Spritztour mit mir freute. Sie war jedenfalls ganz gut bei Laune", berichtet der 49-Jährige. Die Seniorin habe einen Zettel aus ihrer Handtasche gefischt, auf dem eine Adresse stand. "Da soll die Hochzeit sein", sagte sie bestimmt. "Eine Hausnummer in der Adalbert-Stifter-Straße in Ebern konnte ich lesen. Prima, dachte Jens, ist gleich um die Ecke. Dreimal Gas, zweimal bremsen, und meine neue Bekanntschaft und ich sind da.

In besagter Straße stellte Jens dann fest, dass alles dunkel war. Das konnte nicht die richtige Adresse sein: "Ich war mir sicher, dass wir hier kein Glück hatten, als ich an der besagten Hausnummer ein Schild fand, auf dem ,Beratungsstelle der Diakonie Bamberg‘ stand."

Seine Begleiterin hatte keine Ahnung, ob die Hochzeitsfeier woanders sein könnte. Sie erhoffte sich, von Jens etwas dazu zu erfahren. Seine Gedanken kreisten: Wo könnte eine Hochzeitsgesellschaft sein? Beim "Stern" am Markplatz, "Bei Peppo" in Sandhof, oder im Sportheim in Ebern? Jens fuhr zu den genannten Gaststätten, aber nirgends war die Spur einer Hochzeit.

Jetzt merkte er erst, dass sein "Schwarm", wie er humorvoll sagt, langsam etwas verwirrt wurde. 88 Jahre sei sie alt, sagte sie ihm, und gestern sei sie in Bamberg vom Bräutigam eingeladen worden, nach Ebern zu kommen. Seinen Namen wusste sie allerdings nicht. Aber er soll auf jeden Fall in Ebern wohnen, machte ihm die Dame klar.

Mittlerweile war einige Zeit vergangen. Er wollte ja nur mal schnell Geld holen. Jens dachte daran, wie er es seiner Gabi zu Hause erklären sollte, dass er zum Geldholen so lange gebraucht hatte. Die Geschichte könnte ihr eventuell "spanisch" vorkommen. Ihm kam die Idee, mal beim evangelischen Gemeindehaus in Ebern vorbeizuschauen, da dort auch öfters Senioren zusammenkommen. Aber auch hier war Fehlanzeige. "Ich war mit meinen Ideen, wo eine Hochzeit sein könnte, am Ende, und das merkte meine neue Bekannte auch", berichtet Jens.

Baff war er, als ihm am Gemeindehaus in der Lützeleberner Straße die Seniorin als Dank für seine Mühe einen Büstenhalter schenken wollte. "Für deine Liebste", sagte sie und schaute Jens dabei ganz fest an. Sie erkannte wohl auch seinen überraschten Blick, hob den Büstenhalter in die Höhe und sagte: "Na ja, wenn er für deine Frau zu groß ist, kann sie ihn hier und hier einnähen", wobei sie auf entsprechende Stellen des guten Stückes zeigte.

Jens war dabei nicht so wohl, gesteht der 49-Jährige. Sein Blick schweifte vom Inneren seine Autos nach außen. Ach Gott, hoffentlich sieht das niemand, schoss ihm durch den Kopf. Die Seniorin aber gab nicht nach, holte Modeschmuck aus ihrer Tasche: "Für deine Kinder", sagte sie. Auch habe er von der schwatzenden Seniorin erfahren, wie hoch ihre Rente ist. "Ich wusste nicht mehr weiter, und entschloss mich, mit meinem ,Schwarm‘ zur Polizei-Inspektion Ebern zu fahren", erzählt Jens weiter. Um die Seniorin zu beruhigen, habe er ihr erklärt, bei der Polizei zu fragen, ob dort eventuell bekannt ist, wo eine Hochzeitsfeier stattfindet. Das habe die 88-Jährige mit einem dankbaren Lächeln quittiert.
Bei der Polizei habe er geklingelt und dem diensthabenden Beamten gesagt, dass in seinem Auto eine alte Dame sitze, die in Ebern nach einer Hochzeitgesellschaft suche, zu der sie eingeladen sei. "Vielleicht dachte der stutzende Beamte, dass ich etwas verwirrt bin", mutmaßt Jens. Aber dann habe sich dessen Antlitz erhellt. "Wir haben vor kurzer Zeit einen Anruf erhalten, dass eine ältere Dame in Ebern mit einem Rollator umherirrt", sagte der Wachhabende. Seine Kollegen seien bereits ausgerückt, um die Seniorin zu suchen. Er bat mich, vor der Dienststelle im Auto zu warten, da er seine Kollegen zurückrufen werde.

"Es dauerte nicht lange, und eine Streife fuhr vor und parkte direkt hinter meinem Auto. Ob die Sorge haben, dass ich flüchten wollte?" Da fiel Jens plötzlich ein, dass er, kurz bevor er zu Hause losgefahren war, ein Bier zur Brotzeit getrunken hatte. "Mir wurde ganz mulmig. Was passiert, wenn die Polizei bei mir Alkoholgeruch wahrnimmt, habe ich mich dann selbst ans Messer geliefert?" Schnell fingerte er eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie an, um den möglichen Dunst des Bieres zu verdecken. Ein Polizist kam zu ihm ans Auto, der andere verschwand in der Wache. Als der Polizist der alten Dame klarmachte, dass man sie nach Bamberg bringen werde, weil sie dort vermisst wird, beschwerte sich diese: "Nein, das will ich nicht. Ich muss doch hier zu einer Hochzeit." Der Beamte versuchte, sie zu beruhigen. Jens verhielt sich ruhig und saugte an seiner Zigarette. Es dauerte, bis der andere Beamte wieder aus der Wache kam, und in seinem dünnen Jäckchen wurde es Jens langsam kalt.

Als der Polizist zurückkam, erklärte er Jens und seinem Kollegen, dass die Dame aus einem Pflegeheim aus Bamberg komme und dort schon längere Zeit vermisst werde. Die Polizisten beschäftigten sich noch einige Zeit mit der Dame, um ihr klar zu machen, dass es mit der Hochzeit in Ebern nichts werde. Einer der Beamten führte die Dame in die Wache, damit sie sich etwas aufwärmen konnte, der andere nahm noch die Personalien von Jens "für alle Fälle" auf. Vorher hatte er sich bei Jens bedankt. "Halt!", rief Jens, schon vor Kälte zitternd, "der Streifenwagen steht so, dass ich nicht rausfahren kann." Schließlich konnte er nach Hause fahren, nach "gefühlten Stunden" und völlig durchgefroren.

"Jetzt stand mir zu Hause noch bevor, meiner Gabi zu erklären, warum ich so lange gebraucht hatte", erzählt Jens. Er war sich sicher, dass sie ihn für seine gute Tat loben würde, was dann auch der Fall war. "Nachts im Bett wurde es mir dann noch einmal heiß und kalt: Mir fiel der BH ein, den mir die Dame aufschwatzen wollte, und ich war mir nicht sicher, ob er nicht vielleicht noch in meinem Auto lag! Wenn den meine Gabi am nächsten Tag finden würde, wäre es wohl aus gewesen mit meiner guten Tat", schätzt. Deshalb sei er am nächsten Morgen schon vor dem Frühstück "mal kurz eine rauchen" und wie zufällig zum Auto gegangen. Ein Blick ins ins Wageninnere - kein BH, alles war gut. "Doof", sagt Jens, "von dem BH hatte ich nämlich meiner Gabi nichts erzählt. Ich hatte das schlicht vergessen."