Um die Stimmung etwas aufzulockern, machte Landrat Rudolf Handwerker (CSU) gestern Nachmittag nach über zwei Stunden Sitzungszeit im Kreistag einen kleinen Scherz: "Kommen wir nun zu ein einem einfacheren und schneller abzuhandelnden Tagesordnungspunkt". Gelächter im Saal. Nun war es soweit: Die Kreisräte sollten entscheiden, ob eine Investitions- und Betreibergesellschaft zum Aufbau einer regionalen Energieversorgung aus erneuerbaren Energien gegründet werden soll. Ein Thema, bei dem sich in den vergangenen Monaten viele Menschen in zahlreichen Gremien die Köpfe zerbrochen hatten, bei dem viel gestritten wurde, über Standorte für Windkraftanlagen, über ein zu hohes Risiko, über zu wenig Transparenz, über Nachteile hier und Vorteile dort. Der Landrat rechnete also erneut mit einer ausgiebigen Diskusssion. Er irrte: Die Kreisräte votierten bei der Sitzung im Landratsamt in Haßfurt für den neuen Kurs.


Das gleiche Ziel

Es schien fast so, als sei über ein Jahr nach der Gründung der Ideenschmiede "GUT" (Gesellschaft zur Umsetzung erneuerbarer Technologieprojekte) alles gesagt worden, was in einem solchen politischen Prozess gesagt werden muss. Jedenfalls stimmten die Räte gestern ohne viel Gerede für die Gründung der Betreibergesellschaft. Denn eines war von Anfang an klar: Die Fraktionen im Kreistag hatten parteiübergreifend das gemeinsame Ziel erklärt, die Energiewende im Landkreis in Eigenregie bewerkstelligen zu wollen. Sie wünschten sich ein unternehmerisches Konstrukt, das weitestgehend sicherstellt, dass die Wertschöpfung bei einem solchen Vorhaben auch vor Ort bleibt (immerhin sind es 335 Millionen Euro, die im Landkreis Haßberge jährlich für Energieversorgung ausgegeben werden). Gestern war es dann soweit. Mit der Zustimmung ist der Weg frei für die Energiewende auf Landkreisebene, bei der auch die Bürger eine entscheidende Rolle spielen sollen.

Ohne Risiko geht das alles freilich nicht. Denn es ist viel Geld im Spiel. Allein das erste große Projekt, das die Betreibergesellschaft umsetzen will, kostet 45 bis 50 Millionen Euro. Es geht um den Bau des Windparks Sailershausen, wo zehn Windkraftanlagen gebaut werden sollen. Außerdem entstehen dort ein Umspannwerk sowie Stromleitungen, um die dort erzeugte Energie ins Netz zu bekommen (oder für spätere Speicherung).

Das Geld der Gesellschafter kann im schlimmsten Fall futsch sein. Dann nämlich, wenn das Projekt nicht von Erfolg gekrönt sein wird und keinen Gewinn abwirft. Die Angst vor so einem Fiasko hat aber derzeit keine Chance gegen die vorherrschende Aufbruchstimmung. Die Hoffnungen sind aber auch nicht ganz unbegründet: Laut Landrat Handwerker bietet sich die Chance, dass ein großer Teil der Wertschöpfung im Landkreis selbst bleibt, bei den Kommunen und deren Einwohnern. "Uns war klar, dass, wenn wir diese Aufgabe nicht selbst angehen, es jemand anderes macht." Dann wäre aber viel Geld aus dem Landkreis in den privaten Wirtschaftssektor abgeflossen.


Akribisch vorbereitet

Entscheidend über Erfolg und Misserfolg bei dem komplexen Vorhaben ist laut Handwerker, dass "die Energieerzeugung auf allen Ebenen" optimiert wird. Der Anfang ist gemacht: Die Gründung einer Betreiber- und Investitionsgesellschaft in Form einer Holding, an der sich der Landkreis als Kommanditist zunächst mit bis zu einer Million Euro beteiligen will, ist der erste Schritt. Auch die Kommunen steigen für jeweils 100.000 Euro mit ins Boot (Kommunen, die den Betrag nicht aufbringen können, haben die Möglichkeit, über einen Zweckverband einzusteigen). Unternehmen wie die Stadtwerke Haßfurt und Zeil können sich als Investgesellschafter ebenfalls für mindestens 100.000 Euro beteiligen.

Weiterer Schritt: eine Bürgergenossenschaft. Auch sie muss mindestens 100.000 Euro einzahlen. Für einzelne Bürger, die sich an der Genossenschaft beteiligen wollen, bedeutet das eine Mindesteinlage von 1000 Euro bei in Aussicht gestellten drei bis fünf Prozent Rendite. Jeder Gesellschafter hat ein Stimmrecht. Damit Investgesellschafter aber stimmrechtlich nie die Oberhand über Kommunalgesellschafter gewinnen, sind die Stimmen 50 zu 50 aufgeteilt. "Im Fall eines Patts ist der Landkreis das Zünglein an der Wage", erklärte GUT-Geschäftsführer Wilfried Neubauer. Der Landkreis Haßberge besitzt ein gewichtigeres Stimmrecht.


Kerker an der Spitze

Die Bürgergenossenschaft, die bereits am Mittwoch vergangener Woche gegründet worden ist, hat derzeit 40 Mitglieder. Ihr sitzt übrigens der stellvertretende Landrat Siegmund Kerker (CSU) vor, und Oskar Ebert (FW) wird für den Landkreis im Aufsichtsrat der Bürgergenossenschaft sitzen. Der Landkreis hat sich auch mit der Mindesteinlage von 1000 Euro an der Genossenschaft beteiligt. Am kommenden Donnerstag soll die Genossenschaft der Öffentlichkeit näher vorgestellt werden.