"Still sitzen und zuhören!" Fabian übt schon mal den strengen Ton. Nicht weil der Neunjährige später vielleicht einmal Lehrer werden will, sondern für Wissensvermittlung der besonderen Art. Fabian wird ab Mitte nächsten Jahres einer von mehreren Kindern und Jugendlichen sein, die Gleichaltrige durch das Heimatmuseum führen.
Da setzt sich auch Papa Stefan freiwillig auf die nicht gerade bequemen hölzernen Klappsitze im historischen Schulzimmer aus den 1940er Jahren, wenn der Sohnemann mit dem Rohrstock durch den Raum wirbelt, auf Tafel und Rechenschieber deutet und seine "Klasse" im Kopfrechnen abfragt. Was spielerisch aussieht und den Jungen und Mädchen Spaß bereitet, hat einen pädagogischen Hintergrund.

Geschichte wird greifbar

Das Heimatmuseum mit seiner besonderen Atmosphäre soll für Kinder und Jugendliche attraktiver werden. Es soll ein Ort sein, an dem Geschichte ganz und gar nicht trocken wie in Schulbüchern gelehrt wird, sondern hautnah spürbar ist, zum Anfassen und zum Begreifen eben. Was sie mit eigenen Augen sehen und mit den Händen anfassen können, dafür bekommen Kinder ein ganz eigenes Verständnis. Spannung pur und Neugierde darauf, wie noch die Urgroßeltern gelebt haben.

Wo heute Active-Boards und Laptops in den Klassenzimmern Einzug halten, die Schüler an ergonomischen Plätzen sitzen, da schrieben die Urgroßeltern das ABC noch mit dem Griffel auf die Schiefertafel und drückten ihre Hintern auf harten Klappsitzen in engen Schulbänken platt. Wer unartig war, der bekam keinen Verweis, sondern musste eine Zeit lang auf der "Eselsbank" Platz nehmen und schmoren. Die Eselsbank ist nur eines von rund 5000 Exponaten, das im Heimatmuseum einen Platz gefunden hat. Der Geschichte neues Leben einhauchen, das hat sich das Vorstandsteam des Bürgervereins auf die Fahnen geschrieben. Stefan Andritschke, selbst als Lehrer an der Schreiner-Meisterschule pädagogisch erfahren, hat eine Idee eingebracht, die in verschiedenen Städten Deutschlands Schule gemacht hat.

Kinder führen Gleichaltrige

Auch in Ebern sollen ab dem nächsten Jahr Mädchen und Buben im Alter von etwa neun bis 15 Jahren zu Museumsführern ausgebildet werden. Sie lernen im Team, Gleichaltrige durch das Museum zu führen.

"Dabei sollen die Kinder sich die Informationen zu den Objekten selbst mit Hilfe von Erwachsenen und zur Verfügung gestellten Arbeitsmitteln erarbeiten und auch gegenseitig vortragen", beschreibt Andritschke das Ziel.
Erwachsene fungieren dabei möglichst nur im Hintergrund als Moderator und Berater, bei den Führungen sollen die Kinder unter sich sein. Eine Zusammenarbeit mit den Eberner Schulen ist angedacht. Die Kinder üben das freie Sprechen spielend und ohne Notendruck. Damit sollen die jungen Museumsführer nicht nur einen Gewinn an heimat- und kulturgeschichtlichem Wissen erwerben, sondern auch sprachliche Gewandtheit und Selbstbewusstsein. Natürlich können sie in dem Projekt auch hinter die Kulissen des Museums schauen und Dinge erleben, die für normale Besucher nicht zugänglich sind, beispielsweise das Museumsdepot.

Neues pädagogisches Angebot

Die Kinderführungen, so Andritschke, sollen zum Beispiel im Rahmen von Kindergeburtstagen im Museum oder als regelmäßiges monatliches Angebot konzipiert werden. Die Idee zu den Kinderführungen ist im Vorstand des Bürgervereins vor etwa einem halben Jahr aufgekommen, so soll ein neues museumspädagogisches Angebot entstehen. Für die fundierte Ausbildung der Kinder und Jugendlichen will der Bürgerverein einen Museumspädagogen gewinnen, wofür der Verein finanzielle Unterstützung benötigt.

Noch gibt es für die Ausbildung der Kinder und Umsetzung der Museumsführungen kein konkretes Konzept. Stefan Andritschke, gelernter Innenarchitekt, hat sich schon bei anderen Museen, die ähnliche Projekte gestartet haben, informiert. Andritschke hofft, dass mit dem neuen Projekt mehr Kinder den Weg ins Heimatmuseum finden und sich begeistern lassen.

Auch er hat sich als "Zugereister" von der Atmosphäre des Museum anstecken lassen, seit 2004 ist er Mitglied im Bürgerverein und will durch sein Engagement beitragen, den Charakter des Museums zu erhalten. "Die Zusammenstellung hier ist einzigartig", schwärmt der Innenarchitekt. "Es gibt eine große Vielfalt an Ausstellungsstücken zu sehen und man kann sie auch anfassen."
Denn das ist nicht nur für Kinder spannend.

Wissenswertes in Stichworten

Kinderführer Bürgervereins-Vorsitzender Ingo Hafenecker hat das Vorhaben beim Wettbewerb "Große Talente" angemeldet, mit dem die Sparkasse Ostunterfranken anlässlich ihres 175-jährigen Bestehens unkonventionelle Ideen aus verschiedenen Bereichen mit Fördergeldern unterstützt.

Per Mausklick Dafür müssen Unterstützer bei einem Internet-Voting per Klick auf das Projekt ihre Stimme abgeben. Wer die Idee "Kinder führen Kinder durch das Heimatmuseum Ebern" unterstützen will, kann auf der Website www.spk-grossetalente.de seine Stimme abgeben.

Mit Herz Das Heimatmuseum, 1968 gegründet, hat einen idealen Standort direkt neben dem Wahrzeichen von Ebern, dem Grauturm. Es ist ein Museum mit Herz, das zum Wiederkommen einlädt, in dem man immer wieder neue Entdeckungen machen kann. Zurzeit macht es Winterpause.

Träger Der Bürgerverein Ebern als Träger hat zurzeit rund 300 Mitglieder. Er kümmert sich unter anderem um den Erhalt von Tradition und Brauchtum.

Geschichte Das Museum zeigt, wie die Menschen in den Haßbergen, genauer im Baunach- und Weisachtal, früher gelebt haben. Es umfasst alle Bereiche des Daseins, vom Wohnen und vom Haushalt über das Handwerk und der Landwirtschaft, von der Kirche über die Schulen und Vereine.

Pläne Für 2013 sind bislang zwei Sonderausstellungen geplant: Eine Jubiläumsausstellung anlässlich des 150-jährigen Bestehens des TV Ebern und unter dem Motto "Kleider machen Leute" - Einblicke in den Sonntagsstaat; darin fließen die Ergebnisse der derzeit laufenden Inventarisierung der Textilien ein.