Weitläufige Gärten, große Grundstücke im Dorf und außen herum Ackerflächen: Auf dem Land ist Platz, der Blick ist weit - und der Kopf frei. Manche kommen zum Wandern hierher. Thomas Wegertseder nicht. Der Berliner arbeitet hier ein paar Tage lang. In einem früheren Kuhstall, den Gitarrenbauer Hermann Gräfe zur Werkstatt umgebaut hat. Durch die großen Fenster leuchtet Wintersonne auf die Werkbank.

Mit konzentrierten, gleichmäßigen Bewegungen raspelt Wegertseder entlang der angeschrägten Seiten seines E-Gitarrenbodys. Chsssp. Ein Span sibirischer Maserpappel fällt zu Boden. Chsssp. Noch einer. Der Informatiker arbeitet den Verlauf mit einem Hobel heraus, der nicht größer ist als sein Daumen. Das dauert.

Im Flow der Werkstatt

"Wenn man ein paar Stunden in der Werkstatt ist, kriegt man den Kopf frei", sagt der 45-Jährige. "Das ist so'n Flow", ergänzt Hermann Gräfe. Er ist einer der wenigen Gitarrenbauer in Deutschland, bei denen sich die Kunden in Kursen ihr Instrument selber bauen können. Sie sind in einer Ferienwohnung auf dem ehemaligen Bauernhof in einem Ortsteil des unterfränkischen Hofheim untergebracht. Gräfes Eltern hatten hier bis Mitte der 80er einen landwirtschaftlichen Betrieb. Er selbst studierte Holztechnik und arbeitete im Instrumentenbau, bevor er zurückkam und das elterliche Anwesen umbaute. Seit gut zehn, 15 Jahren gibt er auch Kurse.

"Das ist so eine Geschichte, die die Leute raus aus ihrem Alltag bringt. Rein in eine andere Welt." Er sei ja fast am Überlegen, ob er's den Krankenkassen als Burnout-Prophylaxe anbietet, scherzt der 59-Jährige. Gräfe lacht. Aber er weiß auch, dass die handwerkliche Arbeit, das Kreative und die Langsamkeit auf dem Land seinen Kursteilnehmern ein Gefühl der Ruhe geben. Sie ist eine der großen Sehnsüchte unserer Zeit.

Knapp 60 Prozent der Deutschen empfinden dem Meinungsinstitut Forsa zufolge ihr Leben als stressig. Dabei haben die Menschen eigentlich mehr Zeit als früher. Wir arbeiten weniger. Und werden sogar älter: Im Schnitt leben wir zehn Jahre länger als 1970. Aber das Tempo hat sich erhöht. Früher gab's Kaffeepausen. Heute "coffee to go". Drucker schaffen bis zu 45 Seiten pro Minute. Internet muss schneller werden. Und mobiler. Mails, Whatsapp- und Pushnachrichten ploppen ständig aufs Smartphone.

Leben zwischen Gitarre und Wohnung

In Gräfes Werkstatt ticken die Uhren anders. Chsssp. Ein Fädchen sibirischer Maserpappel fällt. "Es ist Arbeit, aber sehr viel Handarbeit", erklärt der Meister. Auch wenn er zwischendurch mal die Bandsäge anwirft und die einen ordentlichen Lärm macht, bleibt die Atmosphäre ruhig. "Für viele, die in der Stadt, im Job stecken, ist es eine Auszeit. Die tauchen ab. Da wird das Handy ausgeschaltet und sie pendeln nur zwischen Gitarre und Wohnung." Er erzählt von Firmenbesitzern, Geschäftsführern und einigen Informatikern, die sich bei ihm eine Gitarre gebaut haben. "Einer ist bei einer Krankenkasse angestellt und macht nur Fehlerbehebung. Für den ist frustrierend, dass er nie etwas Langlebiges herstellt."

Wegertseder nickt, er kennt das aus seinem Umfeld. "Bei mir ist es anders, ich führe Software ein. Da hat man Ergebnisse." Er streicht mit der Hand über das glatte, unbehandelte Holz. Ganz langsam. "Aber das ist nicht vergleichbar." Der Musiker spricht über die Faszination, die ein selbst gebautes Instrument ausübt und über die Beziehung, die man dazu aufbaue. Er spielt schon lange, mag Jazz, Rockmusik: Deep Purple, AC/DC, Napalm Death, das Meiste würde kaum einer kennen. Dann setzt er den Hobel wieder an. "Wenn man das so rausraspelt, ist das ein bisschen meditativ. Weil's so lang dauert."

Beschaulichkeit in Unterfranken

Vor zwei Jahren war er schon einmal bei Gräfe. Damals hat er sich eine Akustikgitarre gebaut. "Beim letzten Mal kam ich von einem Auslandsaufenthalt hierher, ich stand völlig unter Strom. Da sind am Anfang ein paar blöde Fehler passiert." Gräfe lächelt. "Da war die Hektik noch voll drin. Man merkt, dass die Leute bei dieser Arbeit runterfahren."

Thomas Wegertseder spannt den Gitarrenhals in den Schraubstock. Er erzählt, dass er ursprünglich aus dem Allgäu kommt. Die Beschaulichkeit und das Tempo in Unterfranken sind ihm nicht fremd. "Der Unterschied zu Berlin ist riesig." Er bearbeitet den Vogelaugenahorn mit einer Feile. Für sein Instrument hat er sich exklusive Materialien ausgesucht. Der Bund wird aus weißem Ebenholz gemacht. Dazu kostet der E-Gitarrenkurs mit Unterbringung 2000 Euro. Er könnte sich eine Gitarre kaufen - aber darum geht es nicht. Er hat ja schon acht. "Mir geht's ums Bauen."

Lesen Sie hier, was der Soziologe Fritz Reheis über das wahnsinnige Tempo unserer Konsumgesellschaft und die unmenschlichen Folgen sagt.