Im Prozess am Landgericht Bamberg um mehrere ungeklärte Todesfälle in der Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf (Gemeinde Untermerzbach) kam die Heimaufsicht am Landratsamt Haßberge zu Wort. Dabei stellte sich heraus, dass erhebliche Mängel durch Mitarbeiter erst mit und nach Beginn der Medienberichterstattung gemeldet wurden. Die Heimaufsicht jedenfalls war nach eigenen Angaben von den schweren Vorwürfen überrascht.

Warum haben die Mitarbeiter des Heims mindestens fünf Jahre lang geschwiegen, obwohl sich gleichsam vor ihren Augen schlimme Dinge ereignet haben sollen? Warum meldeten sie die Vorfälle nicht der Heimaufsicht, die dann die Staatsanwaltschaft informiert hätte? Der erste Fall, der als fahrlässige Tötung durch Unterlassung in der Anklageschrift auftaucht, ereignete sich nämlich schon im Jahre 2011. Aber erst nachdem einige Pflegekräfte gekündigt worden waren, wandten sie sich an die Heimaufsicht im Landratsamt Haßberge. Allerdings wollten sie unbedingt anonym bleiben: "Sie haben mir gegenüber Angst und finanzielle Abhängigkeit genannt", erfuhr das Gericht von einem Zeugen. Allerdings bezog sich diese Angabe wohl nicht auf die Furcht, den Arbeitsplatz zu verlieren, herrscht doch ein eklatanter Fachkräftemangel.

Das kann man schon daran erkennen, dass unter dem neuen Träger, einer in Duisburg angesiedelten GmbH, die Bewohnerzahl von einst rund 70 auf 34 Personen zurückgegangen ist. Auch weil man nicht genügend qualifiziertes Personal finde, so die Mitarbeiterin der Heimaufsicht. Damit erklärt sich aber auch, warum die Fachkräfte-Quote hinter den Mauern des Schlosses ständig unterschritten war. "Das war ein Dauerproblem." Nicht einmal ein Drittel der Pflegekräfte, die sich um die Bewohner gekümmert hätten, seien es gewesen. Die meisten Aufgaben hatten offenbar Assistenten und Helfer erledigt, die dafür nicht lange genug ausgebildet waren. Zeitweise verhängte man sogar einen Aufnahmestopp.

Wie eine Sachbearbeiterin der Heimaufsicht aussagte, wurden keinerlei erhebliche Mängel gemeldet oder festgestellt, "die Leib, Leben und Gesundheit" gefährdet hätten. Nur vereinzelt sei es um fehlende Windeln oder zu kleine Portionen gegangen. Jedenfalls nicht vor 2016, als die Einrichtung bei Untermerzbach in die Schlagzeilen geraten war. Erst nach dem Beginn der "Affäre Gleusdorf" und den damit verbundenen wöchentlichen Überprüfungen habe man viel mehr mitgekriegt, weil man mit mehr Bewohnern ins Gespräch gekommen sei. Auch die Anzahl und die Heftigkeit der Beschwerden haben laut Zeugenaussagen seither zugenommen. Wie der Leiter der Heimaufsicht schilderte, sind einige der Pflegekräfte kurz nach ihrer Entlassung zur Stelle gekommen, um vermeintliche Missstände bei ihrem früheren Arbeitgeber zu melden. "Das ist bei keinem anderen Heim so, das ich kenne." Zudem sei es stets um weit zurückliegende Tatbestände gegangen, die man nicht mehr nachprüfen könne.

Andererseits habe es ab 2016 immer wieder Mängelrügen bei Kleinigkeiten gegeben. Zu kurze Notrufglocken, nicht sterile Injektionsnadeln, herrenlose Medikamente oder fehlender Sichtschutz beim Duschen beispielsweise. Im Vergleich zu den 39 anderen Einrichtungen für Pflegebedürftige und Behinderte, die sie im Landkreis Haßberge zu überprüfen haben, sei die Beseitigung der Mängel "sehr zäh" gewesen. Man habe einiges anordnen und "ganz viele Zwangsgelder" verhängen müssen, erfuhr das Gericht.

Den Verdacht, die Betreiber der Seniorenresidenz Gleusdorf hätten von den jährlichen Überprüfungen gewusst und sich darauf vorbereiten können, wies eine Zeugin ebenso zurück wie den Vorwurf, man habe mit der Heimleitung nur Kaffee getrunken. "Das ist absoluter Schmarrn. Wir machen unsere Arbeit vor Ort sehr gewissenhaft." Es gebe viele Vorgaben und einen straffen Zeitplan.