"Ich bin mir sicher, dass es im Landkreis Haßberge auch nicht mehr Gewalt als woanders gibt", sagt die Leiterin des Schweinfurter Frauenhauses, Gertrud Schätzlein. Gerade hat sie den Sachbericht des Frauenhauses 2012 herausgegeben. Die Zahl der Frauen und Kinder, die aus dem Landkreis Haßberge in der Einrichtung Hilfe gesucht haben, ist nach oben geschnellt; ebenso deren Verweildauer. Das Frauenhaus ist zuständig für die Bereiche Schweinfurt, Stadt und Land, die Kreise Haßberge, Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld.

Gibt es einen Grund? Eher nicht, meint Schätzlein. Vielmehr zeigt sich eine allgemeine Bewegung: "Sehr oft haben wir einfach keinen Platz mehr." Die Auslastung des Hauses ist gestiegen. 2012 hatten mehr Frauen aus dem Kreis Haßberge das Glück, eine Bleibe zu finden. Zwölf Schlafräume für zwölf Frauen sind wenig; 18 Kinder mit ihren Müttern können aufgenommen werden. 55 andere Frauen musste das Frauenhaus abweisen: Platzmangel. Insgesamt hat die Einrichtung 58 Frauen mit 51 Kindern betreut - die Fluktuation ist hoch: "Im Laufe des Jahres sind 46 Frauen mit 41 Kindern in das Frauenhaus ein- und 48 Frauen mit 42 Kindern aus dem Frauenhaus ausgezogen", steht im Bericht. Rund 30 Prozent der Frauen bleiben etwa einen Monat, etliche kehren zu ihrem Partner zurück und versuchen es noch einmal mit ihm. Gerade aus dem Landkreis Haßberge gab es lange Verweilzeiten. Gertrud Schätzlein kann da ein Problem erklären, das ihr grundsätzlich begegnet; mit dem Jobcenter Haßberge hat sie schon gesprochen: "Die Mietobergrenzen müssten eigentlich erhöht werden. Billiger Wohnraum fehlt. Das hat sogar im ländlichen Bereich schon durchgeschlagen", weiß die Pädagogin. Alleinerziehend mit Kindern? Hartz IV?

Runder Tisch fehlt

Gertrud Schätzlein stellt auch fest: Nach wie vor gibt es viele Frauen, "die erst kommen, wenn es brennt, und die dann enttäuscht sind, wenn sie keinen Platz finden." Sie sind oft zu wenig informiert. Es bringt den Frauen etwas, wenn sie frühzeitig über ihre Rechte und Möglichkeiten beraten werden, wenn sie und ihre Kinder körperliche und psychische Gewalt erfahren. "Man kann ihnen ihre Kinder nicht so einfach wegnehmen. Dieses Wissen haben viele nicht", stellt Schätzlein öfters fest. Sie bedauert, dass es keinen "runden Tisch" gibt für alle diejenigen, die mit dem Problem zu tun haben: Frauenhaus, Behörden, Beratungsstellen der Wohlfahrtspflege, Polizei. Bei den Kontakten zu Behörden "muss Kontinuität da sein".

Gewalt gegen Frau und Kinder, das ist kein Phänomen ungebildeter Bevölkerungsschichten, das zeigt der Jahresbericht. Auf Täter- wie Opferseite befinden sich Menschen mit Schulabschlüssen, mit Ausbildung, mit Abitur. Und obgleich der Jahresbericht 14 Nationalitäten nennt, zeigt sich auch, dass die meisten Täter, oft Ehemänner, deutsche Staatsangehörige sind. Gerade die Frauen auf dem Land, in deren Familie es nur ein Auto gibt, schaffen es schlecht zur Beratung zu kommen, ohne dass der Mann es merkt. "Gute Busverbindungen sind wichtig", so Schätzlein. Die 62-Jährige, nun 32 Jahre Leiterin des Frauenhauses in Schweinfurt, begeistert es bis heute, dass sie und ihre Mitarbeiterinnen einen "wahnsinnigen Vertrauensvorschuss" von den Frauen bekommen, die bei ihnen Hilfe suchen. Es ist nicht leicht, über Gewalt in der Familie mit anderen zu reden.

Ehrenamtlich und unentgeltlich

Mit vier Vollzeit-, zwei Teilzeitstellen, zwei Aushilfen sowie 13 Ehrenamtlichen meistert man ein enormes Pensum. Sie alle schaffen es, immer da zu sein: 6516 Stunden unentgeltliche Rufbereitschaft stehen auf dem Papier - nicht jede Minute hat man gezählt.

Der ehrenamtliche Einsatz ist ein Lebensnerv, denn letztlich stehen Bayern und Bremen ganz am Ende der Leiter, wenn es um die finanzielle Unterstützung geht. Die Frauen, die dort wohnen, tragen selbst gut zehn Prozent der Kosten, der Trägerverein ebenfalls. Der Löwenanteil kommt freilich von den Gebietskörperschaften der Region Main-Rhön ( 300 000 Euro, 71 Prozent) zu denen auch der Landkreis Haßberge gehört.