Die Nachricht im FT hatte im vergangenen Herbst die Öffentlichkeit elektrisiert. An den beiden Standorten des Automobilzulieferers FTE in Ebern und Fischbach sollen Mitarbeiter über das Unternehmen Edelmetalle bestellt und dann privat verkauft haben, um sich auf Unternehmenskosten zu bereichern. Von Urkundenfälschung, Diebstahl und Umleiten von bestelltem Material "in größerem Umfang" und einer Schadenssumme im höheren sechsstelligen Bereich ist die Rede. Begonnen hat alles wohl in Fischbach, später schwappte die Angelegenheit nach Ebern über.
In Briefen und vertraulichen Gesprächen hatten Insider dem Fränkischen Tag über die Vorgänge bei dem Unternehmen berichtet, das heute zum französischen Großkonzern Valeo gehört. Zeugen wollen mit eigenen Augen gesehen haben, wie Metallteile in Privatfahrzeuge geladen wurden. "Das konnte nur gehen, weil einige kriminelle Energie entwickelt haben und es intern schon immer eine Stückelung von Auftragszahlungen gegeben hat", urteilt ein Insider.


Knappe Auskünfte

Das Unternehmen reagiert auf Anfragen zum Thema wortkarg; teils auch, weil im Zug des Werksverkaufs auch die Kommunikationswege neu definiert werden. Bestätigt wurde seinerzeit lediglich, dass einzelne Personen bei einer an den Standorten Fischbach und Ebern durchgeführten internen Revision "wiederholt gegen geltende Prozesse und Regeln verstoßen" hätten.
Nähere Auskünfte lehnt die Firma bis heute mit dem Hinweis auf laufende Ermittlungen ab. Diese Ermittlungen hat die Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Hof übernommen. Die dort angesiedelte Abteilung für Wirtschafts- und Steuerstrafsachen sowie Zolldelikte ist für die Landgerichtsbezirke Bamberg, Bayreuth, Coburg und Hof und somit für ganz Oberfranken sowie den Landkreis Haßberge zuständig. Behördenleiter Rainer Laib bestätigt, dass der Fall in Hof anhängig ist.
Während in Ebern bereits kolportiert wird, die Angelegenheit sei eingestellt worden, weil seitens des Unternehmens kein Interesse mehr an einer strafrechtlichen Verfolgung bestehe, sagt Laib ausdrücklich: "Die Ermittlungen dauern an." Über den Fortgang und den Tag einer möglichen Anklageerhebung könne er - Stand Juli 2018, kurz vor seinem Urlaubsantritt keine Auskunft geben. Der Leitende Oberstaatsanwalt wirbt um Geduld. Solche Verfahren können sich mitunter jahrelang hinschleppen.


Personelle Konsequenzen

"Derartige Verstöße werden mit entsprechenden Mitteln geahndet", hatte FTE die Presse noch im Herbst wissen lassen. Unmittelbar, nachdem die Missstände aufgeflogen waren, trennte sich die Firma laut FT-Informationen von mehreren Mitarbeitern. Heute ist in vielen Gesprächen von zwei Hauptbeschuldigten die Rede. Etliche Beschäftigte kassierten Abmahnungen, obwohl sie nach eigenem Bekunden mit der Angelegenheit nichts zu tun hatten.
Mindestens vier zum Teil langjährige Mitarbeiter, auch aus der mittleren Führungsebene, sind Informanten zufolge zum Unterschreiben von Aufhebungsverträgen gedrängt worden. Es traf auch Verantwortliche, die angeblich ihrer Kontrollfunktion nicht hinreichend nachgekommen sind.
"Ich habe heute keinen Kontakt mehr zu FTE", sagt ein ehemals hoch dotierter Mitarbeiter, der sich mit einer Abfindung abspeisen ließ. Er hat längst einen neuen, wenn auch nicht mehr ganz so verantwortungsvollen Job in einem anderen Unternehmen gefunden und hadert deshalb auch nicht mit der Entwicklung. "Die haben doch mit der Zeit fast alle führenden Köpfe ausgetauscht", sagt der Mann, "da kam die Geschichte wohl ganz gelegen".
Er, wie auch viele andere Mitarbeiter haben von der Angelegenheit durch Hörensagen mitbekommen, kennen Gerüchte, aber kaum Details. Zudem hat der Verkauf an Valeo viel verändert, personell und organisatorisch. Etliche Mitarbeiter haben seit der Übernahme das Unternehmen verlassen.
"Da interessieren die Vorfälle von damals kaum einen mehr", sagen die einen. Ein Werksangehöriger konstatiert mit einem Schulterzucken: "Die ganze Sache scheint eingeschlafen zu sein. Man hört viele Gerüchte, aber nichts Genaues weiß man nicht". Das liege auch an den innerbetrieblichen Strukturen. "Wir sind immer dann eine Firma, wenn's grade passt, und getrennte Firmen, wenn etwas schiefläuft", klagt der Mann.


"Bauernopfer"

Andere, insbesondere Betroffene, fordern Fakten, nachdem die Affäre in der Region hohe Wellen schlug und einige Existenzen gefährdete. "Drei Personen haben als Bauernopfer ihren Arbeitsplatz verloren", sagt eine Frau aus dem Raum Kirchlauter, die ungeduldig auf eine Eröffnung des Strafverfahrens wartet. Eine Einstellung des Verfahrens würde ihren Glauben an die Justiz zerstören. "Meiner Meinung nach kann das nicht sein", sagt sie: Wir leben doch in einem Rechtsstaat!" Für die "Bauernopfer", die dem Betrieb jahrzehntelang gedient hatten, meint sie, "wäre eine Einstellung der Ermittlungen nicht zu verstehen und für die gesamte Belegschaft eine Einladung, sich aus der Firma zu bedienen".
Ein Eberner findet: "Da wurden Mitarbeiter entlassen, die nichts mit der Sache am Hut hatten und der Hauptakteur kommt ungestraft davon. Das kann man nicht glauben".
Aus dem Unternehmen heraus sind kaum Informationen über die kriminellen Machenschaften und Entwicklungen in der Folge zu erfahren. "Offizielles gab es nie", sagt Sonja Meister, die dem Betriebsrat in Ebern vorsitzt. Die ganze Sache habe sich hochgeschaukelt und zeitweise habe eine Art Generalverdacht geherrscht. Der Eberner Betriebsrat sei in die ganze Geschichte nicht involviert worden, sagt Meister.
Ganz anders dagegen ihr Fischbacher Kollege Hans-Jürgen Marschollek. Zwar hat die Geschäftsführung auch dort nicht über die Vorfälle informiert, aber die Unterstützung der Betroffenen und jede Menge Telefonate hielten den Betriebsratsvorsitzenden in der heißen Phase tagelang auf Trab. "Mein Urlaub ist draufgegangen", sagt er, fühlt sich im Übrigen als Betriebsrat aber zum Schweigen verpflichtet. Nur so viel lässt er sich entlocken: Es seien einige Vorfälle zutage gekommen, aber noch mehr Gerüchte in die Welt gesetzt worden. Die Konsequenzen, arbeitsrechtlich oder strafrechtlich, könne er nicht kommentieren.


Fehler im System

Unverständnis über Strukturen bei FTE äußern frühere Mitarbeiter: Sie schildern "Systemfehler". Einer nennt ein Beispiel. "Es durfte nichts bestellt werden, auch wenn etwas gebraucht wurde. Deswegen, um den Betrieb am Laufen zu halten, hat man anscheinend Investitionen (benötigte Werkzeuge) auf mehrere kleinere Beträge aufgeteilt, um keine Genehmigung zu brauchen, die man eh nicht bekommen hätte". Und dann sagt er noch: "Das den Mitarbeitern und Führungskräften zum Vorwurf zu machen, halte ich für einen Witz."