Leistungsdruck herrscht schon bei den Jüngsten. Schaffen es bayerische Viertklässler nicht auf einen Notenschnitt von 2,33 in den drei Hauptfächern, dann ist die direkte Qualifikation fürs Gymnasium - und damit der Traum vieler Eltern - dahin.

Sabine Biwo, Lehrerin der 4a an der Eltmanner Grundschule, findet die Übertrittszeugnisse sinnvoll: "Noten schaffen Vergleichbarkeit. Die brauchen wir." Klar, die Zahl an Tests (Proben) sei in der vierten Klasse höher als zuvor - und damit steige auch der Druck. Aber: "Auf dem Gymnasium wird es nicht leichter."

Das Übertrittszeugnis ist in Bayern umstritten. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) kritisierte das System jüngst scharf in den Medien: Viele Kinder seien erschöpft und ausgebrannt, ihre Eltern mit den Nerven am Ende und Lehrkräfte frustriert.

Phase höchster Konzentration

Völlig überforderte Kinder und Eltern mit vor Stress blutunterlaufenen Augen sind Biwo noch nicht begegnet. Die Schlussphase vor den Übertrittszeugnissen bezeichnet sie auch nicht als Stressphase, sondern als eine, die "hohe Konzentration erfordert". Vorbereitungszeit hätten die Kinder genug (drei bis vier Wochen für jede Probe), außerdem sei die Betreuung im Ganztag - an der Eltmanner Grundschule optional - zielführend. Die Zahl der Eignungen spricht für sich: 16 ihrer 26 Viertklässler erhalten diesmal die Zulassung fürs Gymnasium. Insgesamt wechselt übrigens gut ein Drittel der 50 Eltmanner Viertklässler nach dem Sommer ans Gymnasium. Je ein weiteres Drittel wird die Real- und die Mittelschule besuchen. Wenn es mit der höchsten Qualifikation nicht klappt, müssten sich Eltern nicht grämen, findet Biwo. "Viele denken immer noch, dass Kinder nur auf dem Gymnasium gute Chancen für später hätten. Aber das stimmt nicht". Sie verweist auf die vielen Jugendlichen, die von der Realschule aufs Gymnasium wechseln oder ihr Abitur später nachmachen.

Schulform nicht entscheidend

Nicht nur das Abitur, auch ein Medizinstudium hat Frank Rosin abgeschlossen. Der Gynäkologe mit Praxis in Bamberg findet es trotzdem "nicht entscheidend, welche Schulform ein Kind besucht, Hauptsache es ist glücklich". Rosin ist Elternvertreter an der Eltmanner Grundschule und hat eine Tochter in der vierten Klasse. Ihr Notenschnitt ist in diesem Schuljahr ein bisschen abgerutscht, aber trotzdem gut genug fürs Gymnasium. Das freut Frank Rosin und seine Frau; Druck hätten sie der Tochter aber nicht gemacht, sagt er. Sie selbst schon: "Das hat ihr in Stresssituationen manchmal einen Strich durch die Rechnung gemacht." Rosin erinnert sich an eine Mathe-Arbeit, in der ein Aufgabentyp behandelt wurde, den seine Frau noch einen Abend zuvor mit der Tochter durchgerechnet habe. Da kam die Tochter zur Lösung, am nächsten Tag - bei leicht veränderter Aufgabenstellung - nicht mehr.

Rosin findet es manchmal übertrieben, dass auf den letzten Drücker in der vierten Klasse möglichst viele neue Themen angeschnitten werden. Intelligente Kinder, denkt der Mediziner, seien dadurch zwar nicht überfordert oder gar Burnout-gefährdet. Eventuell aber solche, die trotz fehlender Voraussetzungen von ihren Eltern zum guten Zeugnis gedrillt werden. Hier hält Rosin den Austausch mit den Lehrern für wichtig, damit Eltern erfahren, was sie ihren Kindern zumuten sollten.

Sabine Kübler, Mutter eines Viertklässlers in Eltmann, hat das Glück, dass ihr Sohn überwiegend Einser schreibt und "die Testvorbereitung eher so nebenher macht." Auf den höheren Arbeitsaufwand gegenüber der dritten Klasse sei man früh genug vorbereitet worden, findet Kübler. Das Übertrittszeugnis bereitet ihr keine Kopfschmerzen.

Wunsch nach weniger Proben

Barbara Hahn, Konrektorin der Eltmanner Schule, wünscht sich "ein paar weniger Proben". Die aktuell 21 Tests, die in der vierten Klasse geschrieben werden, sorgten dafür, dass der Lernstoff zu wenig vertieft werden könne. Die Abfrage-Mentalität der Proben fordere vom Kind prinzipiell eher ein leistungsfähiges Kurzzeitgedächtnis als tiefergehendes Verständnis. "Und wo das Kind in seiner Leistung steht, erkennt man auch mit weniger Tests", sagt Hahn.

Ein weiterer kleiner Kritikpunkt, den die Lehrerin äußert, ist der kurze Zeitraum, den Kinder an der Grundschule sind. Nach vier Jahren sei es schwierig, Prognosen über die Entwicklung der Schüler zu treffen. Hahn würde sich eine Verlängerung der Grundschulzeit um ein bis zwei Jahre wünschen.

Im Landkreis ist die Diskussion um die Übertrittszeugnisse nicht dramatisch, meint Schulamtsdirektorin Uli Brech. Der Wunsch nach weniger Proben kommt ihr zwar immer wieder zu Ohren, "aber das System wird nicht in Frage gestellt". Brech weist darauf hin, dass die Beurteilung der Schüler im Übertrittszeugnis auch nicht so rein leistungsorientiert sei, wie in den Medien oft behauptet.

Probeunterricht möglich

Sozial- und Lernverhalten haben ihren Platz in der Beurteilung. "Auf diese Weise geben wir Eltern die beste Prognose, auf welcher Schule ihre Kinder gut aufgehoben wären." Schüler, die den Notenschnitt in den Hauptfächern von 2,33 für das Gymnasium oder 2,66 für die Realschule knapp verfehlen, haben übrigens die Möglichkeit, den Probeunterricht an einer höheren Schulform zu besuchen. Damit es später vielleicht doch noch klappt mit dem Abitur.